Von Männern und Mäusen (Leseprobe)

Prolog

Die Stille lag wie eine Käseglocke über der Stadt. Das tschuff-tschuff-tschuff der Lokomotiven, das Trappeln der Pferdehufe, das Rumpeln der Kutschen, fröhliche Kinderstimmen und die lauten Flüche der Einwohner Leipzigs – die es liebten, ja geradezu als sportliche Herausforderung betrachteten, sich im Straßenverkehr auf das heftigste zu bekeifen – waren schon seit Stunden verstummt. Selbst die leisen Nebengeräusche, die normalerweise vom tosenden Verkehrslärm überlagert wurden – das Glucksen der Kanalisation, das Summen der Stromgeneratoren, das Rascheln der Bettler, die sich auf der Suche nach etwas Brauchbarem durch die mit Altpapier gefüllten Müllberge der Stadt wühlten – waren fast vollständig zum Erliegen gekommen. Nur ein Käuzchen, das verzweifelt nach einem Partner buhlte, war zu vernehmen.

Der Nachtwächter löschte mit einer langen hölzernen Stange, an deren gebogenem Ende ein kleiner Zinkbecher befestigt war, den brennenden Docht der Straßenlaterne, füllte aus einem Kanister etwas Öl in den Tank nach und schlenderte langsam weiter. Er machte diesen Job schon seit zweiundzwanzig Jahren, und wenn es etwas gab, dass er mehr liebte als alles andere, dann war es der Anbruch dieser vierten Stunde des Tages. Die Luft war frisch und klar, seine lärmgeplagten Ohren konnten endlich einmal frei ‚durchatmen‘ und selbst das zwielichtige Gesindel, das jeden Abend auf der Suche nach Beute aus seinen Löchern gekrochen kam, lauschte schon wieder friedlich an der Matratze oder gab sich zumindest gerade den ‚Gute-Nacht-Schnaps‘.

Der Mann folgte seiner üblichen Route. Von der Märchenwiese rüber zur Tabaksmühle, und von dort scharf links in Richtung Fockeberg, auf dessen Kuppe sich das Wächterhaus befand. Nach einer halben Stunde blieb er auf einer großen Brücke stehen, um zu verschnaufen und den sternenklaren, von keiner einzigen Wolke verhangenen Himmel zu bewundern. Unter der Brücke führten drei parallele Gleistrassen in das Herz der Stadt, zum Leipziger Hauptbahnhof, der auf auswärtige Besucher bei der ersten Begegnung wie ein gigantischer Sakralbau aus alten, längst vergangenen Zeiten wirkte. Der Nachtwächter seufzte leise. Er wusste nur zu genau, dass es nicht einmal eine Stunde dauern würde, bis diese wohltuende Stille von den schnaufenden Stahlrössern zerrissen würde, welche die ersten Pendler aus dem Umland an den 26 Bahnsteigen des Hauptbahnhofes ausspucken und die Händler des nahe gelegenen „Kohlrabizirkus“ (wie die Leipziger Großmarkthalle ob ihrer runden Kuppelform genannt wurde) mit frischem Obst und Gemüse beliefern würde.

Ein Knistern erregte seine Aufmerksamkeit. Er löste seinen Blick von der Milchstraße, die sich wie ein weißer, flimmernder Gürtel über das Firmament zog, und richtete seine Augen auf die Industriebrache neben den Gleisen. Länger als achtzig Jahre hatte hier der alte Schlachthof der Messestadt gestanden, aber nur die älteren Einwohner konnten sich noch an jene Zeit erinnern. Seit mehr als dreißig Jahren standen Förderbänder und Zerlege-Maschinen still. Die Gebäude waren verwittert, Moos und junge Birken wuchsen auf den Dächern, der Putz von den einst strahlenden Fassaden war komplett abgebröckelt, und schon zu seiner Zeit hatte es unter den Jugendlichen der Südvorstadt als großer Jux gegolten, die Glasscheiben des verlassenen Schlachthofes von der Brücke aus mit Wackersteinen zum Bersten zu bringen.

Das Knistern ertönte wieder, diesmal lauter, gefolgt von einem Brummen, wie es auch die Relais-Stationen des nur fünfhundert Meter entfernten Kraftwerks erzeugten. Ein züngelnder Blitz fuhr am Eingangsgebäude des alten Schlachthofes hoch. Der Nachtwächter rieb sich verblüfft die Augen. Eigentlich war es gar kein Blitz, sondern eher ein flackernder, grünlich schimmernder Lichtbogen. Dieser kroch zum Geräusch eines immer lauteren, immer bedrohlicher klingenden Brummens die Fassade hoch und zerteilte sich in Höhe des ersten Stockwerkes in unzählige neue, Funken sprühende Lichtbögen, welche sich wie zischende, windende Schlangen über die Vorderfront des Gebäudes zogen. Sekunden später erreichten die Blitze das Dach, überzogen es mit einem knisternden Netzmuster und schlängelten sich auf der anderen Seite des Gebäudes wieder auf die alten, von Büschen und Gras überwucherten Gehwege hinunter. Mit offenem Mund stand Korporal Hopfenbeck, so sein offizieller Dienstgrad, auf der Richard-Lehmann-Brücke und beobachtete das Schauspiel, welches noch lange nicht zu Ende war. Wie aggressive Krebszellen teilten sich die Blitze in feine und feinste Verästelungen, überzogen in geradezu unfassbarer Geschwindigkeit die ehemaligen Parkplätze, Fabrikhallen, Straßen, Gehwege und Verwaltungsgebäude und illuminierten sie mit einem gespenstischen, fluoreszierenden grünen Licht. Das Gitternetz aus leuchtenden Punkten wurde dichter und dichter und lag schließlich vor den Augen des zu Tode erschrockenen Mannes wie ein Mantel aus giftgrün leuchtender Zuckerwatte über dem Gelände, den alten Schlachthof gänzlich seinem Blick entziehend. Das Brummen ging in ein hochfrequentes Sirren über, wie ein Moskito, das versuchte, seinen Kopf von Ohr zu Ohr zu durchfliegen. Der Nachtwächter schlug entsetzt die Hände vor seine Gehörgänge, doch im selben Augenblick war der Spuk auch schon vorbei. Das Geräusch verstummte, und der Spuk, das Feuerwerk, der überdimensionierte Kugelblitz – oder was immer es war – hatte sich in Luft aufgelöst.

Eigentlich hätte er froh sein müssen, aber das war er ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Der Nachtwächter, ein überzeugter Atheist, wurde von dem sich ihm bietenden Anblick so tief in seinem Glauben an den Unglauben erschüttert, dass er auf die Knie fiel, seine Hände vor der Brust faltete und ein Stoßgebet zum Himmel schickte.

Der alte Schlachthof war wieder auferstanden, weit schöner und prunkvoller, als man ihn von den illustrierten Postkarten aus der Jahrhundertwende kannte. Ein gigantisches Hochhaus, dessen Vorderfront merkwürdig gewölbt war, ragte in den Himmel. Schnurgerade, asphaltierte, von jungen Linden gesäumte Wege durchzogen das Areal. Funkelnigelnagelneue Backsteingebäude, deren rötliches Gelb selbst durch die Dunkelheit der Nacht strahlte, streckten stolz ihre mit schwarzen Schindeln gedeckten Dächer gen Himmel. In einem kleinen, ellipsenförmigen Teich spiegelte sich die gläserne Fassade eines dahinter stehenden Gebäudekomplexes, das die Form eines großen, vierzackigen Kamms hatte. Unzählige Kutschen bevölkerten die zahlreichen Parkplätze. Und auf der freien Fläche zwischen den Bahngleisen und dem kammförmigen Gebäude richtete eine riesige Metallschüssel ihren in der Mitte befindlichen Fühler zum Nordstern aus.

„Heilige Scheiße!“ stammelte der Nachtwächter und fummelte in seinen Taschen nach dem Funkgerät. Er musste unbedingt die Zentrale informieren!

Er streifte sich das Headset über, richtete das Mikro direkt vor seinem Mund aus, drückte auf den Notruf-Knopf und wollte gerade den Mund öffnen, als seine Augen auf eine große Flimmerkiste fielen, welche fast die gesamte Vorderfront des Hochhauses einnahm. Fasziniert verharrte sein Blick darauf. Zwei große Spiralen, außen dick und nach innen immer dünner werdend, rotierten auf der hell flimmernden Silberwand schneller und immer schneller in gegenläufiger Richtung. Der Nachtwächter konnte nicht anders, als einfach nur auf den Bildschirm zu starren und die Seele baumeln zu lassen. Plötzlich, er wusste nicht, ob seitdem eine Sekunde oder ein Tag vergangen war, stoppte die Rotation. Benommen erhob sich Korporal Hopfenbeck und betrachtete bewundernd die durch die großen Panorama-Fenster zu beobachtenden Männer und Frauen, die geschäftig durch das Gebäude wirbelten.

`Wahre Tausendsassas´, dachte er mit aufrichtiger Bewunderung. `Egal zu welcher Uhrzeit man hier vorbei kommt, es ist immer, als würde man einen Schwarm Arbeitsbienen beobachten. In keiner Firma unserer Stadt wird auch nur annähernd so hart gearbeitet wie in unserer neuen … ´

Hopfenbeck starrte mit starrem Blick auf das Areal zu seinen Füßen. Sein Mund sah aus wie das Maul eines nach Luft schnappenden Karpfens, während er versuchte, dem seiner Zunge fremden Wort Gestalt zu verleihen.

„ … L-A-N-D-E-S-M-E-D-I-E-N-A-N-S-T-A-L-T!“ vollendete er langsam buchstabierend seinen letzten Gedanken und lächelte beseelt.

Erst jetzt bemerkte er die Stimme in seinem Ohr.

„Sie haben gerufen, Korporal Hopfenbeck?“

Der Korporal schielte verblüfft auf das Mikro vor seiner Nasenspitze. Hatte er?!?

„Ja, Zentrale!“ sagte er schließlich. „Hier im Südsektor ist alles ruhig, werde mich jetzt zum Kontrollpunkt Fockeberg begeben. Over.“

„Over!“ bestätigte die Zentrale und legte auf.

 

 

Kapitel 1

 

Die beiden Räuber saßen schon seit Stunden am Wegesrand, versteckt im Schatten einer großen Eiche. Hinter ihnen plätscherte lieblich das kleine Bächlein Pleiße. Die Pleiße hatte ihre Quelle genau hier im Arzgebirch, und war berühmt für ihre schmackhaften Forellen. Aber von diesem Fischreichtum profitierten nur die Einwohner des Stadtstaates Leipzig, drei Tagesmärsche von hier entfernt. In dieser sogenannten Leipziger Tieflandsbucht vereinigte sich die Pleiße mit einigen anderen, namenlosen Flüssen zu einem breiten Strom, welcher gleichzeitig die Badewanne, der Nahrungsspeicher, und, in Ermangelung anständiger Straßen, die Hauptverkehrsader durch diesen Teil des weiten Teutonenreiches war.

Die Räuber waren missgestimmt, denn das Geschäft lief schon seit Jahren lausig. Früher, als der „Königliche Arzgebirch-Hochweg“ – so die alte Bezeichnung – noch eine der wichtigsten Verkehrsachsen zwischen der südlichen Bayronie, dem Stadtstaat Leipzig, dem Königreich Nordreim-Westqualen, den legendenumwobenen Vereinigten Staaten von Amerika und der nördlichen Provinz war, konnte das Räuberhandwerk noch ganze Dörfer ernähren, aber seitdem es Eisenbahnen und Dampfschiffe gab, nahmen kaum noch Handelsleute die lange und gefährliche Reise durch die wilden Schluchten und Täler des Arzgebirches auf sich.
Im sogenannten ‚InterCity-Express‘ dauerte die Reise von einem Ende der Erde bis zum anderen nur noch 5 Tage. Willibor, der ältere der beiden Räuber, schüttelte missbilligend seinen Kopf. 5 Tage, wofür man früher 5 Wochen gebraucht hätte! Was für eine verrückte, schnelllebige Zeit. Wozu sollte das gut sein, so durchs Leben zu rasen? Wer dachte sich nur all diese spinnerten Sachen aus?

„Stadtmenschen“, murmelte Willibor verächtlich und spuckte auf den Boden. Das war so ziemlich die schlimmste Beleidigung, die einem einfachen Gemüt wie ihm einfallen konnte. Stadtmenschen! Eingebildetes Pack! Denken, ihre Gehirne sind riesengroß! Ob diese Leute auch nur eine Sekunde an den Gedanken verschwendeten, dass ihre durchgeknallten, neunmalklugen Erfindungen ehrbaren Leuten wie ihm und seiner Familie die Existenzgrundlage ruinierten?

Drago, der Jüngere der beiden, saß auf einer heißen Schiefertafel und schärfte schon seit Stunden seinen Dolch auf einem Schleifstein, während er dabei ausdauernd und gedankenverloren die Melodie von `Hänschen Klein´ vor sich hinsang.

„…Stock und Hut, stehn ihm gut, ist gar frohgemut“, krächzte er fröhlich zum hundertdreiundfünfzigsten Mal, während er sein Messer mit einem lauten Ratsch Ratsch Ratsch über den kleinen Schleifstein zog. Plötzlich knallte ihm etwas hart gegen den Kopf.

„Autsch!“ rief Drago, rieb sich seine schmerzende Stirn und blickte verwundert hoch.

„…ging allein, in die weite Welt hinein, nanana, nanana, nananananana!“ brüllte Willibor mit wutverzerrten Gesicht, griff in den Sack mit den Wildäpfeln, welche die beiden für ihre Mama gesammelt hatten, und warf blitzschnell einen zweiten Apfel.

„Bist du verrückt geworden?“ fragte Drago erschrocken, nachdem er gerade noch dem Wurfgeschoss ausweichen konnte.

„…aber Mama weinet sehr, nanananana!“ rief Willibor mit knallrotem Kopf, griff erneut in den Sack und erhob drohend seine wurfbereite Hand. „Sing’ noch eine einzige Strophe, nur eine einzige, und ich werde dir deine Winzbirne zermatschen!“

„Ich werde dir mit meinem Dolch einen Reißverschluss in den Bauch schnitzen und dir das Fell über die Ohren ziehen“, erwiderte Drago kampfeslüstern, stand von seinem Stein auf und fuchtelte wild mit dem Messer in der Luft herum. Willibor holte mit finsterem Gesicht seine mit Nägeln gespickte Holzkeule aus seiner Segeltuchtasche. Die beiden waren so auf ihren bevorstehenden Kampf konzentriert, dass ihnen das leise Geräusch trappelnder Pferdehufe völlig entging, welches rasch näher kam. Willibor wollte gerade ausholen und seinem Bruder die Keule über den Kopf ziehen, als dieser laut aufschrie: „Ein Reiter!“

Willibor drehte sich zur Straße um, und richtig, zwanzig Meter entfernt, hinter der großen Erle, kam gerade ein Reiter um die Kurve geschossen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatten die beiden ihren Hader vergessen und stürmten auf den Weg, doch es war schon zu spät.

„Halt! Stehen bleiben, Überfall!“ schrieen die beiden wie auf Kommando, doch der Reiter war schon an ihrem Hinterhalt vorbeigeschossen. Außer sich vor Wut und Enttäuschung rannten sie ihm hinterher, bis sie endlich die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkannten und keuchend innehielten, die Hände an die stechenden Seiten gepresst.

„Verdammt, dass war der erste Passant seit drei Wochen!“ japste Willibor.

„Und hast du gesehen, wie der aussah?“ heulte Drago enttäuscht und warf seinen Dolch gegen einen zehn Meter entfernten Baum, wo die Klinge zitternd in der Mitte des Stammes stecken blieb. „Der stank förmlich nach Geld!“

Und in der Tat, der Reiter – soweit sie es in der Kürze der Zeit erkennen konnten – sah wirklich ungewöhnlich und wohlhabend aus. Seine Haut war kohlrabenschwarz, sein Haar kraus, und gekleidet war er mit bunten Gewändern, einer goldenen Schärpe, spitzen Tulpenstiefeln und einem großen grünen Turban. Noch niemals zuvor hatten die beiden einen derartigen Menschen, oder was immer das war, zu Gesicht bekommen. Die Leute hier im Arzgebirch hatten alle zottelige Haare und Bärte und trugen einfache grüne Hanfkleider, die furchtbar auf der Haut kratzten. Außerdem liebten die Arzgebirchler den dunkelbraunen Kautabak, welcher in den Tälern zwischen Oberpfannenstiel und Morgenröte-Rautenkranz hergestellt wurde. Der Kautabak wurde nach einer geheimen Rezeptur mit Stechapfel und zerriebenen Pfeilgiftfröschen angemixt und bescherte den Leuten für nur eine halbe Hand voll Kupferlinge einen schönen, wenn auch manchmal recht aggressiven Rausch. Leider griff der Kautabak den Zahnschmelz an, so dass die Leute schon mit Mitte dreißig (älter als fünfzig wurde hier sowieso niemand) nur noch ein paar dunkle Stummel im Mund hatten. Deswegen war es für die Menschen der Leipziger Tieflandsebene so schwer, das Gesindel wie Drago und Willibor von den anständigen Waldläufern, Köhlern und Imkern auseinander zu halten … vor allem, da auch diese einem schnell nebenbei ergaunerten Kupferling selten abgeneigt waren. Neben der Eisenbahn war das der eigentliche Grund, warum der Rest der Welt die hiesige Gegend mied. Es hieß, die Arzgebirchler wären alle mächtig gaga.

Die beiden erfolglosen Räuber setzten sich auf einen umgefallen Stamm am Wegesrand und grübelten dumpf vor sich hin.

„Mama wird uns totschlagen, wenn sie das erfährt!“ sagte Willibor niedergeschlagen.

Drago nickte zustimmend. Das war nicht nur ein Spruch. Mama neigte oft zu gewalttätigen Ausbrüchen, besonders wenn sie ihre schlimmen Kopfschmerzen hatte. Ihm hatte sie schon drei Rippen gebrochen, seinem Bruder mit der gusseisernen Bratpfanne den Unterkiefer zertrümmert und Papa war vor drei Jahren gestorben, weil sich Mama so lange auf sein Gesicht gesetzt hatte, bis er aufhörte zu zappeln. Nein, mit Mama war wirklich nicht gut Kirschen essen.

„Ob uns nun Mama umbringt oder der Hunger, was macht das für einen Unterschied!“ erwiderte Drago. „Das muss Jahre her sein, dass ich mich das letzte Mal richtig satt gegessen habe!“

„Unser Job hat einfach keine Zukunft mehr“, sagte Willibor und blinzelte in die Ferne, wo, ganz weit unten in der Ebene, die Silhouette der fernen Stadt zu erkennen war. „Wir müssen uns anpassen oder wir werden untergehen.“

Drago kratzte sich beim Nachdenken so heftig den Kopf, das eine Läusefamilie erschrocken das Weite suchte. „Du meinst … wir sollen anständig werden?“

„Typisch du!“ sagte Willibor kopfschüttelnd. „Immer gleich den Teufel an die Wand malen! Nein, ich rede davon, dass wir in Zukunft auf Auslandsmontage unser Geld verdienen sollten! Wenn hier in den Bergen keine Arbeit mehr für uns da ist, dann gehen wir eben dorthin, wo ein paar handfeste Burschen wie wir noch gebraucht werden!“

Willibor warf sich in Pose und dozierte in ungewöhnlich langen Schachtelsätzen Dinge, die er in den Monaten zuvor in der `Arzer Freien Presse´, welche der Posthund einmal in der Woche in ihrer Dorfkneipe ablieferte, aufgeschnappt und auswendig gelernt hatte. Während Willibur, der sich selber für einen ausgesprochenen Feingeist hielt, mit rudernden Armen und anderen eindrucksvollen Gesten von `Strukturkrisen´, `Gesellschaft im Wandel´, `degressiver Bevölkerungsentwicklung bei gleichzeitigem progressiven Außenhandelsdefizit´ und von vielen weiteren Sachen dozierte, von denen er nicht die allergeringste Ahnung hatte, konnte man unten in der Ebene stecknadelkopfgroß den Reiter sehen, der eine große Staubwolke hinter sich herzog, welche wie ein Pfeil auf den Stadtstaat Leipzig zeigte

„…deswegen müssen wir uns anpassen oder sind zum U-u-untergang verdammt“, wiederholte Willibor mit kämpferisch erhobener Faust seinen Einstiegssatz und blickte stolz auf seinen Bruder. Wahnsinn, er hatte sich keine zehnmal versprochen und so gut wie gar nicht gestottert.

Drago kratzte sich immer noch den Denkerschorf oberhalb der Stirn blutig. Er fühlte sich einfach nur hoffnungslos verwirrt und überfordert – aber dieses Gefühl hatte ihn schon seit seinem vierten Geburtstag, der Geburtsstunde seiner großen Kautabak-Leidenschaft, fest im Griff.

„Ähm, das bedeutet dann wohl … “, stotterte Drago los und schaute in einer Art verzweifelten Hoffnung auf seinen großen Bruder.

„KORR-RREKT!“ antwortete dieser strahlend und hieb Drago mit seiner rechten Pratze auf die Schulter. Drago verzog schmerzhaft das Gesicht, denn Willibor hatte unheimlich viel Kraft im rechten Arm. Die brauchte er aber auch, wenn er den Durchreisenden mit einem einzigen Schlag seiner schweren Keule den Schädel zertrümmern wollte. Nicht selten versuchten die Leute einfach abzuhauen!

„Korrekt, Bruderherz, du hast es erfasst!“, wiederholte Willibor freudig. „Wir wandern aus! Wir gehen nach Leipzig, holen uns beim Bürgermeister einen Gewerbeschein und dann machen wir uns selbständig. Diebstahl, Schutzgelderpressung, Auftragsmorde, Leipzig ist ein riesiger Markt, der von uns erobert werden will!“

„Und Mama?“ sagte Drago zögerlich. „Der Herbst steht vor der Tür und Mama ist nicht mehr so gut auf den Beinen!“

„Ach was, Mama hat doch die Katzen“, beruhigte ihn Willibor. „Die halten warm und schmecken gut! Außerdem würde uns Mama sowieso früher oder später das Licht ausknipsen.“

Drago nickte zustimmend. Seitdem sich Mama fast nur noch von Fliegenpilzen ernährte, war sie einfach unerträglich.

„Okay, lass uns abhauen, Bruderherz!“ flüsterte er aufgeregt und schulterte bereitwillig den Beutel mit den Wildäpfeln, während Willibor seine Keule wieder in seine Segeltuchtasche packte.

Zwei Schafe, die am Wegesrand standen, sahen verwundert den beiden zotteligen, zerlumpten Gestalten hinterher, die fröhlich `Hänschen Klein´ singend ins Tal hinab wanderten. Fragend blickte der schwarze Schafbock seine pummelige Freundin an, aber diese streckte ihm nur die Zunge hinaus.
„Bäh“ meckerte der schwarze Bock entrüstet und trottete davon.

Kapitel 2

Albert Wurmstich, Stadtkämmerer, Präsident und graue Eminenz von Leipzig, saß an seinem Schreibtisch und blickte, durch eine Gardine vor neugierigen Blicken geschützt, grübelnd auf den Marktplatz. Dort stand ein paar Handvoll Leute – man konnte eher von eine Ansammlung sprechen als von einer Menschenmenge – und skandierte lautstark Parolen, die sich weder reimten noch wirklich Sinn ergaben.

„Roter Pfeffer bitte her, wir ziehen sonst ans Mittelmeer!“
„Im Parlament, da fehlt die Würze, man riecht nur noch alte Fürze!“

„Und, was halten Sie von meinem Vorschlag?“
Wurmstich wandte sein Gesicht langsam dem Fragesteller zu und musterte ihn kalt.
„Mein lieber Vierschrot, wie Ihr vielleicht wisst, leben wir Leipziger in einer Demokratie“, entgegnete er schließlich dem Hauptmann der Stadtwache. „Und es gehört nicht zu den Gepflogenheiten einer Demokratie, Andersdenkende niederzukartätschen … es sei denn, es ist absolut unvermeidlich!“

Horst Vierschrot schluckte seine Widerworte runter, denn erstens war es nicht besonders clever, sich mit dem mächtigen Herrn Wurmstich anzulegen, und zweitens war es auch gar nicht nötig, in Albert Wurmstichs Gegenwart spöttische Bemerkungen über diese doch sehr spezielle Art der Demokratie zu machen. Albert Wurmstich war sehr wohl über die … nun ja … leichten demokratischen Defizite des sogenannten ‚Leipziger Modells‘ informiert – schließlich hatte er es ja erfunden. Die revolutionäre Grundidee war, dass man den Bürger die Auswahl zwischen verschiedenen politischen Parteien überlassen sollte. „Der mündige Bürger soll selbst über seine Repräsentanten entscheiden dürfen!“ – wie es Wurmstich immer wieder in Interviews mit der ‚Leipziger Volkszeitung‘ ausdrückte. Da aber die Leipziger Demokratie noch jung war, wollte man den unterlegenen Parteien den demütigenden Gang in die Opposition ersparen und die Bürger nicht mit Streit und Parteiengezänk überfordern. Deswegen entschied der erste Leipziger Nationalkonvent, dass für eine zeitlich nicht näher bestimmte Übergangszeit die Funktion der Opposition abgeschafft und alle im Stadtsenat vertretenen Parteien entsprechend ihrer Wahlergebnisse mit Pfründen, Ämtern, Posten, Geld bedacht werden. Und die Ergebnisse sprachen für sich. Der Leipziger Senat wurde von gekrönten Häuptern auf der ganzen Welt für sein freundliches – ja, fast schon heiteres – Arbeitsklima gerühmt. Da das Leipziger Volk – repräsentiert durch seinen Kämmerer – außerdem der Meinung war, dass eine starke Demokratie sich in erster Linie durch checks&balances auszeichnet und deswegen eine Art übergeordnete Instanz haben sollte … eine Persönlichkeit, welche die strikte Einhaltung der Demokratie überwacht, die Wahllisten aufstellt und die Stadtfinanzen verwaltet … wählte der erste Leipziger Nationalkonvent seinen Vorsitzenden Albert Wurmstich in Personalunion zum Präsidenten und Stadtkämmerer auf Lebenszeit, welcher dem jeweiligen Bürgermeister „beratend“ zur Seite gestellt wurde.

Dieses Modell funktionierte im Großen und Ganzen recht gut, und wenn es mal nicht so recht funktionierte – so wie am heutigen Tag … nun, dafür gab es schließlich Männer wie Hauptmann Vierschrot.
„Pöbel!“ wütete dieser, während er durch den Schutz der Gardinen die Demonstranten mit ihren Spruchbändern und Trillerpfeifen beobachtete. „Verdammtes Hippie-Pack!! Ich könnte kotzen, wenn ich diese subversiven Fressen sehe!“
„Aber aber, mein lieber Hauptmann, nicht so ordinär!“ antwortete Wurmstich lächelnd. „Was sind denn das für Umgangsformen! Ich möchte wissen, was die liebe Frau Vierschrot dazu sagen würde!“
Der Hauptmann der Stadtwache schnaufte ärgerlich über diese wenig subtile Anspielung auf die wahren Machtverhältnisse im Hause Vierschrot. Aber letztendlich war es ein offenes Geheimnis, über das die ganze Stadt lachte – nämlich dass der hochcholerische Herr Vierschrot in den eigenen vier Wänden zu einem zahmen Bettvorleger mutierte, während seine wirklich vierschrötige Frau den Part des Marktschreiers übernahm.
„Aber ist doch wahr, Kämmerer“, brummelte Vierschrot verlegen.
Wurmstich ließ sich in der Öffentlichkeit und in der Presse mit Kämmerer titulieren. Er war ein Mann, der lieber im Hintergrund wirkte, und der Titel Präsident klang in seinen Ohren … nun ja, irgendwie zu sehr nach großer Bühne, zu elitär und mächtig. Ein Eindruck, den Wurmstich unbedingt vermeiden wollte.

„Ist doch wirklich wahr“ wiederholte Vierschrot mit bockiger Kindermiene, winkte Wurmstich ans Fenster und zeigte in die Menge. „Dass sind doch alles Anarchisten! Schauen Sie sich nur die beiden in der ersten Reihe an, Jule&Jürgen, in der Connewitzer Szene auch bekannt als ‚Brigade Pflasterstein‘ oder ‚Graffitiverein Rotgrün‘. Schlimmste Sorte, die beiden, wirklich allerschlimmste Sorte. Neulich bin ich mit meinen Jungs in die ‚Stö‘ gezogen, weil die in ihren besetzen Häusern mal wieder eine Party feierten und dabei eine rote Fahne auf dem Dach hissten … Ich dachte, es hackt – hissen von verfassungsfeindlichen Symbolen! Abor nüsch mit Kommandant Vierschrot, bin gleich mit vier Überfall-Kutschen dort eingerückt, weil es mir so richtig in den Fäusten juckte, diesen Mistvögeln mal so richtig ihre große Fresse zu po … “
„Tsch!“ zischelte Wurmstich ob der Wortwahl und hielt sich den Zeigerfinger vor den Mund, doch Vierschrot war so in Fahrt, dass er es nicht beachtete.
„ … lieren zu gönnen, aber die Penner holten de Fahne anstandslos nach der ersten Aufforderung runter.“
„Na, dann ist doch alles gut“, erwiderte Wurmstich spöttisch. „Die Staatsgewalt hat sich durchgesetzt. Kommt ja nicht allzuhäufig vor in der Stöckardstraße!“
„Schön wär’s!“ schnaubte Vierschrot. „Ich bin noch keine fünf Meter weg, da taufen Jule&Jürgen im Hinterhof unter dem lautem Gejohle ihrer Spießgesellen die Rosinante – die arme Milchkuh der Lichtwirtschaft – auf den Namen `Michael Alexandrowitsch Bakuhnin´. Den Krach, als die Sektflasche am Kopf platzte, das muhen des armen Tieres, das Gelächter der Bande hat natürlich das ganze Viertel mitgekriegt. Verdammtes Anarchistenpack!“
„Interessant!“ murmelte Wurmstich nachdenklich. „Sagen Sie mal, Hauptmann, haben wir eigentlich irgendwelche Tierschutzgesetze?“
„Herr im Himmel, Schatzmeister – wir haben ja noch nicht einmal ein ‚Gesetz zum Schutz von Kindern und Frauen’“, antwortete Vierschrot verblüfft. „Und ein ‚Gesetz zum Schutz von Kindern und Frauen‘ sollten wir tatsächlich erlassen – es gibt zu viel häusliche Gewalt in Leipzig!“
´Vielleicht sollten wir es lieber ’Gesetz zum Schutz der Kinder und Ehepartner’ nennen, fügte Vierschrot in Gedanken hinzu und betastete heimlich den schmerzhaften, kindskopfgroßen Bluterguss an seinem rechten Oberschenkel, welchen ihm seine Frau vor zwei Tagen nach einer lautstarken Diskussion – oder eher einem lautstarken Monolog – zugefügt hatte.

„Auf diesen Punkt will ich doch überhaupt nicht hinaus!“ sagte Wurmstich leise und guckte Vierschrot listig an. „Denkt nach, Hauptmann. Haben wir denn wirklich keine Gesetze, die das Quälen von Tieren verbieten?“
„Warum sollten wir, was ist denn falsch daran?“ fragte Vierschrot verblüfft. „Wir können doch niemanden einsperren, nur weil er sein Essen ärgert!“
„Mein Gott, Vierschrot, bist du begriffsstutzig!“ rief Wurmstich ärgerlich und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Merkst du immer noch nicht, worauf ich hinaus will?“

Vierschrot bewegte seinen Kopf in einer Art, wo man nicht so richtig deuten konnte, ob er von oben nach unten oder von rechts nach links nickte. Es sah eher wie eine Art Kreisbewegung aus.

„Also gut, ganz von vorne“, sagte Wurmstich seufzend. „Erinnert ihr euch an den falschen Apostel Gerd?“
Vierschrot nickte emsig. Oh ja. Apostel Gerd war eine Legende in Leipzig. Der größte Hochstapler, den die Stadt jemals hervorgebracht hatte. Ein gelernter Postbote, der sich in der nördlichen Baronie unter dem falschen Namen ‚Dr. Glemens Bardoldy‘ eine Stelle als Amtsarzt erschwindelte, aufflog, zu fünf Jahren Kerker verurteilt wurde und nach seiner Entlassung nach Leipzig zog und sich dort erneut als Oberarzt der Psychiatrie in Leipzig bewarb … und die Stelle prompt bekam.
„Höhöhö“ hielt sich Vierschrot lachend den Bauch und schwelgte in Erinnerungen. „Ich war bei der Folter des Apostel Gerd persönlich dabei, der Typ ist … „Vierschrot hielt kurz inne und blickte Wurmstich fragend in dessen unbewegtes Gesicht
“ … oder vielleicht eher ‚war‘ echt ganz große Klasse. Wie der noch auf der Streckbank brüllte: „Wer die Sprache der Psychiatrie beherrscht, kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren und in das Gewand des akademischen stecken!“
Vierschrot lief, für seinen Vorgesetzten völlig unvermutet, zu schauspielerischer Höchstform auf, rüttelte an seinen imaginär gefesselten Armen, riss ein schmerzverzerrtes Gesicht, brüllte wie am Spieß. „Mit der psychiatrischen Sprache kann man alles begründen, und das Gegenteil davon. Und das Gegenteil vom Gegenteil. Ahhrr, Aaahhrrr Aaaaahhhhrrrr!“

Wurmstich seufzte. Oh ja, noch nie in seinem Leben hatte er sich als Leiter der Einstellungskommission so an der Nase herumführen lassen wie vom falschen ‚Apostel Gerd‘. 39 Ärzte hatten sich auf diese Stelle beworben, darunter zwei habilitierte. Und wer bekommt den Job? Der gelernte Postbote. Und das nur, weil er nonstop drei Stunden ein Fachvortrag mit dem Titel:“Kognitiv induzierte Verzerrung in der stereotypen Urteilsbildung. Die ‚pseudologica phantastica‘ – die Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung“ hielt und dabei so viele Wörter aneinanderreihte, welche der Kommission entweder unbekannt waren oder in der gesprochenen Kombination keinen wirklichen Sinn ergaben … aber so ungeheuer gelehrig klangen, dass die Einstellungskommission unter Leitung von Albert Wurmstich dem falschen Apostel Gerd nicht nur die Stelle als Oberarzt der Leipziger Psychiatrie anboten, sondern ihn auch noch zum Weiterbildungsbeauftragten der Leipziger Landesärztekammer, zum Vorsitzenden des Fachärzteausschusses und zum Leiter des Maßregelvollzugs ernannten.

„Und, wie sind wir dem falschen Apostel Gerd letztendlich auf die Schliche gekommen?“
Wurmstich sah Vierschrot fragend an, aber dieser wusste, dass sich der Schatzmeister immer selbst die Antworten zu geben liebte, wenn er dieses bestimmte Lächeln im Gesicht hatte.
„Weil er zu wenig Einkommenssteuer zahlte“, beendete Wurmstich triumphierend seinen Vortrag. „Kleine Ursache, große Wirkung! Und genauso wird es mit dem neuen Tierschutzgesetz sein!“

„Verstehe, da wollen Sie dem alten Gerd auch noch eine reinwürgen“, grunzte Vierschrot anerkennend.

Wurmstich schüttelte fassungslos sein lichtes Haupt. „Horst, eigentlich bist du viel zu clever, um als Polizeipräsident zu versauern. Du solltest Bürgermeister werden!“

„Danke, Exzellenz!“ entgegnete Vierschrot geschmeichelt.

Wurmstich schluchzte kurz auf und fuhr dann fort. „Wovon haben wir denn die ganze Zeit geredet?! Von Jule und Jürgen, deiner ‚Pflasterstein-Brigade‘. Die haben eine Kuh gequält und Tierquälerei ist laut Verordnung des Leipziger Stadtparlaments – die ich gleich nachreichen werde – mit einer Gefängnisstrafe nicht unter drei Jahren zu ahnden. Also geh jetzt da raus und schnapp dir die Typen!“

Während Vierschrot mit polternden Schritten das Büro verließ, schlenderte der Schatzmeister gutgelaunt zur Hausbar, um sich einen kleinen Cognac zu gönnen. In seinen Ohrensessel zurückgelehnt, lauschte er dem entfernten Gebrüll Vierschrots, dem Klatschen der Gummihämmer, dem Rauschen der Wasserwerfer und den Buh-Rufen der Demonstranten. Genüsslich schloss Wurmstich die Augen. Diese Geräusche waren Musik in seinen Ohren!

Tadeus Schlafmütz, der Wächter des nördlichen Stadttores, hatte gerade die mächtigen hölzernen Flügeltüren geschlossen und wollte den Riegel vorschieben, als es von Außen gegen das Tor hämmerte.

„Es ist 21 Uhr!“ rief Tadeus. „Du bist zu spät, komm morgen wieder!“

„Zwanzig Uhr zweidreißig!“ antwortete eine tiefe sonore Männerstimme.
Tadeus seufzte. Offenbar gab es in ganz Leipzig keinen einzigen Menschen, der einem kleinen Beamten einen pünktlichen Feierabend gönnte! Na und, selbst wenn er heute ausnahmsweise schon mal zwei drei Minuten eher das Tor schließen wollte – wenn störte das schon? Es war ein kühler Mai-Abend, ihm fröstelte und außerdem war es schon stockdunkel. Und im Dunkeln begehrte doch sowieso nur Gesindel Einlass.

Tok tok tok, hämmerte es draußen erneut gegen das Tor.

„Jaja, schon gut!“ antwortete Tadeus brummig und schob den rechten Flügel des Stadttores wieder auf. Verblüfft starrte er in die gähnende schwarze Leere und kratzte sich am Kinn. Hatte da nicht gerade jemand geklopft oder waren ihm nur wieder einmal alte Erinnerungen und Stimmen durcheinander geraten?

„Guten Abend!“ sprach plötzlich ein aus dem Nichts auftauchendes strahlend weißes Gebiss. Doch genauso unverhofft, wie die zwei Reihen blendend weißer Zähne vor ihm aufgetaucht waren, verschwanden sie in der nächsten Sekunde auch schon wieder. Tadeus griff erschrocken nach seiner Schnapsflasche und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck. Offenbar trieb wieder eines dieser albernen Irrlichter seinen Schabernack mit ihm.

`Nein, dass muss endlich aufhören´, dachte er müde. `Ich bin mit 27 viel zu alt, um mir noch länger diesen Stress im Außendienst anzutun. Gleich morgen früh um 11 rede ich mit dem Betriebsrat und bitte um eine Versetzung in die Schreibstube.´

Ein Pferd schnaubte leise und erst jetzt bemerkte Tadeus die zwei litschigroßen weißen Murmeln, welche vor ihm in der Luft schwebten und ihn neugierig zu beobachten schienen.

„Darf ich bitte reinkommen? Es ist sehr kalt!“ fragte das erneut aus der Dunkelheit aufstrahlende Gebiss, während die zwei makellosen Zahnreihen wie zum Beweis leise aufeinander klackerten.

Erschrocken ließ Tadeus den Flachmann fallen, taumelte fünf Schritte rückwärts in sein kleines Wärterhäuschen und plumpste auf den Stuhl. Ein rabenschwarzer kleiner Mann, eher noch ein halber Knabe, trat aus der tiefen Dunkelheit. An der Hand führte er einen schwarzen Hengst. Tadeus richtete sich kerzengerade auf und mahnte sich zur Ordnung. Er musste sich zusammenreißen, schließlich verkörperte er vor diesem Ausländer Recht und Gesetz.

„Passport!“

Der schwarze Mann zog ein kleines rotes Büchlein aus seinem Kaftan und überreichte es Centurio Schlafmütz. Dieser betrachtete es neugierig. Ein kleiner Schriftzug ‚USA‘ rotierte im Gegenuhrzeigersinn auf einer ellipsenförmigen Umlaufbahn über die Vorderseite des Passes.

`Die Vereinigten Staaten´, grübelte Tadeus. `Dort gibt’s doch nur Geschäftemacher, Soldaten und diesen ganzen ‚Werwolf-, Hexen- und Vampir-Abschaum´.

„Hast du was zu verzollen?“ fragte er barsch.

Der schwarze Mann tippte wortlos auf die Rückseite des Passes, wo ein großes ’CD’ prangte.

Tadeus blickte den Mann erstaunt an. Es kam schon selten genug vor, dass sich ein paar Zwerge, Elfen oder Devisenhändler aus den Vereinigten Staaten hierher nach Leipzig verirrten … eigentlich passierte das nur zur Leipziger Messe – aber einer mit einem Diplomatenpass war noch nie dabei gewesen.

`Auch das noch!´ dachte er, denn normalerweise machten die Taschenkontrollen ein hübsches Zubrot zu seinem mageren BAT-3a Gehalt aus. Der Nachtwächter musterte enttäuscht die prächtigen Gewänder des Schwarzen. Wenn er den hätte filzen dürfen, wären bestimmt ein paar Kupferlinge für ihn hängen geblieben, vielleicht sogar ein Silberschekel. Schlafmütz hatte seine spezielle Methode, stundenlang die Rücksitze und selbst den Kofferraum der Pferde auseinanderzunehmen und die Reisetaschen genussvoll zu zerpflücken, so dass schließlich fast jeder ein kleines Bakschisch fallen ließ, um endlich einreisen zu können. Aber in diesem Fall konnte er leider nichts machen – Diplomatenstatus war Diplomatenstatus. Der Schatzmeister würde ihn sicher den Löwen zum Fraß vorwerfen, wenn er ohne Not eine diplomatische Krise mit den USA vom Zaun brach.

Tadeus öffnete den Passport und las halblaut die Einträge vor. Dass ging erfreulicherweise recht schnell, da nur ’Mohr’ drin geschrieben stand. Dass Passfoto war etwas verwackelt und die Hälfte vom Kopf weggeschnitten, aber da man die Augen noch erkannte und die tiefdunkle Hautfarbe nicht zu verwechseln war, ließ Tadeus die Sache auf sich beruhen.

„Können Sie mir ein Hotel empfehlen?“
Tadeus brauchte nicht lange zu überlegen. Für einen Diplomaten kam eigentlich nur die erste Adresse der Stadt in Frage, das Interconti. Warmes Wasser aus der Wand, abends kaltes Buffet, morgens superleckere Frühstücksflocken mit Milch, und es gab kaum Ratten. Außerdem ließ sich der Geschäftsführer Pjotr Wucherpfennig bei besonders erlesenen Gästen auch schon mal breitschlagen, einen der Schlafsäle als Einzelzimmer zu vermieten.

„Das Interconti?“ wiederholte der Mohr fragend und ließ sich von Tadeus zweimal die Strecke erklären. Die Nordstraße runter, am Naschmarkt links abbiegen und im Barfußgäßchen das zweite Haus auf der rechten Seite. Hell erleuchtet und nicht zu verfehlen.

Der Mohr streckte seine Hand aus. Schlafmütz ergriff sie und schüttelte sie herzlich.

„Auf Wiedersehen und einen angenehmen Aufenthalt in Leipzig!“

„Meinen Passport bitte!“ erwiderte der Mohr ungerührt.

„Ach ja, ich bin ja so was von vergesslich!“ antwortete Tadeus, schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und holte den Passport aus seiner Jackentasche. „Das wäre ja ein schöner Schlamassel geworden!“

Der Mohr schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, während Tadeus ihm traurig hinterher blickte. Ein US-Diplomatenpass hätte eine hübsche Stange Geld auf dem Schwarzmarkt gebracht!

Der Mohr trabte langsam über das Kopfsteinpflaster der Nordstraße, welche vom Nordtor ins Zentrum führte. Er ritt gemächlich am Handwerkerstadtteil Reudnitz vorbei, überquerte die Pleiße, und hielt sich immer entlang der Docks und Lagerhallen des alten Lindenauer Hafens. Voller Staunen betrachtete er die großen hölzernen Kräne und Winden, mit denen die Waren aus den dicken Bäuchen der Schiffe gelöscht wurden. Am Nordplatz, nicht weit entfernt einer altehrwürdigen Kirche, standen einige Frauen am Straßenrand und winkten ihm zu. Der Mohr winkte freundlich zurück, während ihm gleichzeitig heiß und kalt wurde. Grundgütiger, die Frauen trugen alle nur ein knappes Höschen und ein kleines Jäckchen!!

`Die armen Dinger haben offensichtlich keine Ahnung, wie so etwas auf Männer wirkt!´ dachte der Mohr kopfschüttelnd. `In den Staaten könnten die in dem Aufzug keine fünf Schritte laufen, ohne dass die Männchen Paarungstänze aufführen!´

Eine pralle Blondine, deren Brüste bei jedem Atemzug beinahe das Jäckchen sprengten, löste sich von ihrem Standplatz unter einer Gaslaterne und kam auf den Mohr zu.

„Na, Süßer, hast du vielleicht Appetit auf meine Muschi?“ gurrte sie und blinkerte ihn an.

„Nein, danke, ich bin Vegetarier, aber wirklich sehr nett von Ihnen!“ antwortete der Mohr strahlend und ritt weiter. Reizende Leute hier. Einfach einem wildfremden Mann von der Straße ihre Katze anzubieten. Zuhause würden die Leute noch nicht einmal mit ihren besten Freunden solche Leckerbissen teilen! Was für ein unglaublich gastfreundliches Land!

Die Straße wurde langsam besser und die Häuser herrschaftlicher. Bewundernd schaute der Mohr auf die bis zu dreistöckigen Steinhäuser mit Glasfenstern und verputzten Fassaden. Gut, der Putz bröckelte schon hier und dort in pizzagroßen Stücken herunter, aber trotzdem konnte man auf den ersten Blick sehen, dass Leipzig eine alte Kulturstadt war. Vor ihm schaltete eine Ampel auf gelb und der Mohr blieb sicherheitshalber stehen. Erstens war er den Rechtsverkehr nicht gewohnt und zweitens hatten die Leipziger den Ruf, wie die Henker zu reiten. Da konnte es als Ortsfremder nicht schaden, sich an die STVO zu halten.

Eigentlich waren die Ampeln eine ganz simple Konstruktion. In einem zweikammrigen Edelstahlbehälter führte auf der linken Seite eine fünfzigsprossige Minileiter nach oben zu einer kleinen Plattform. Etwa zwanzig Zentimeter oberhalb der Plattform baumelte eine fette, bunt schillernde Toilettenfliege an einer Angelschnur von der Decke. Früh um neun, vor dem Einsetzen des Berufverkehrs, setzten die Mitarbeiter der Straßenmeisterei einen grünen, einen gelben und einen roten Frosch dreißig Sekunden zeitversetzt in die Einstiegsluke neben der Leiter ein. Diese kletterten nach oben, sprangen nach der unerreichbar hohen Fliege und plumpste dadurch geradewegs in die zweite Kammer des Edelstahlbehälters, den Fallschacht. Dieser führte direkt zur Sichtglocke aus Glas, die mit Stroh ausgepolstert und hell beleuchtet war. Die Frösche blieben dort immer so lange liegen, bis sie ihre Benommenheit überwunden hatten und sie ihr knurrender Magen wieder auf die Leiter trieb. Normalerweise klappte das ganz gut, aber heute war offensichtlich der sprichwörtliche Wurm drin. Während sich der rote Frosch müde die letzten Stufen hoch kämpfte, wurde er auf den letzten Zentimetern von dem grünen Frosch überholt, der ihm über den Rücken kletterte und sofort nach der Fliege sprang.

`Da haben wir den Salat, Phasenverschiebung!´ dachte der Mohr und blickte einem losfahrenden Radfahrer hinterher, der gerade noch einer von rechts kommenden, in die stadteinwärtige Grimmsche Straße abbiegenden Straßenbahn ausweichen konnte. `Das kommt davon, wenn man alte und junge Ampelfrösche zusammen in eine Arbeitsgemeinschaft steckt!´

Der Straßenbahnfahrer hatte alle Mühe, die erschrockenen Pferde wieder in den Griff zu kriegen. „Brr, Mädels, brr; ganz ruhig!“ rief er immer wieder von seinem Kutschbock aus den zehn Pferden zu und riss an den Zügeln. Schließlich hatten sich die Tiere soweit beruhigt, dass es weitergehen konnte. Der Straßenbahnfahrer peitschte laut knallend in die Luft und die drei Waggons setzten sich wieder in Bewegung. Der Mohr schaute der Straßenbahn hinterher, wie sie leicht schaukelnd auf ihren Gleisen aus geteertem Eichenholz davonzuckelte. Ganz leise hörte er noch blecherne Stimme vom Band: „Nächste Haltestelle Naschmarkt“

`Ich bin also richtig´, freute er sich und blickte nach oben. Das Ampelschauglas war leer. Alle drei Frösche waren im Inneren des Edelstahlbehälters verschwunden.

„Also grün!“ entschied der Mohr leise für sich und gab seinem Pferd die Sporen.

Am Naschmarkt standen an die hundert Bretterbuden, und ein unbeschreiblicher Geruch von Zimtgebäck, getrockneten Früchten, kandierten Nüssen, Zuckerwatte, Glühwein und mit Schokoguss glacierten Forellen erfüllte die Luft. Offenbar hatte hier in Leipzig der jährliche Mittelaltermarkt schon begonnen. Der Mohr umritt gemächlich den Naschmarkt, ohne auf das Getuschel und die neugierigen Blicke der Leute zu achten. In den Vereinigten Staaten von Amerika war er als Privatsekretär des Staatsoberhauptes, der mächtigen Toffi-Fee, respektiert, doch hier in Leipzig gab es nur wenige schwarze Menschen, und die alteingesessenen Bürger der Stadt betrachteten sie mit stetem Argwohn.

Der Mohr lächelte vom Pferd aus einem kleinen Mädchen zu, welches am Straßenrand an einem Schokoapfel knabberte und ihn dabei mit großen Augen anstarrte. Die Kleine fing laut an zu schreien, während ihre Mutter sie tröstend auf den Arm nahm und den Mohr mit feindlichen Blicken bedachte. Der Mohr zuckte die Schultern und ritt unbekümmert weiter. Kleinigkeiten hatten ihn noch nie tangiert. Und was die Beleidigungen anging, die über das rein verbale hinausgingen … nun, der Mohr war auch ein gefürchteter Schwertkämpfer, beherrschte beinahe siebzig verschiedene Faust- und Fußkampftechniken und hatte von seiner Herrin verschiedene Zaubertricks gelernt, die er allerdings nur in höchster Not anwandte. Kurz und gut – der Mohr war Toffi-Fees Mann für die ganz heiklen Angelegenheiten!

„Barfußgäßchen“ verkündete ein kupfernes Schild direkt vor seiner Nase das einstweilige Ziel seiner Reise. Der Mohr schaute bewundernd auf das stattliche Hotel. Der Nachtwächter hatte Recht gehabt, man konnte das „Interconti“ gar nicht verfehlen. Zwanzig fünfarmige Kerzenständer standen hinter jedem Fenster des zweistöckigen Hauses und illuminierten die kleine Gasse eindrucksvoll. Das Erdgeschoss war mit kostbarem rot geäderten Marmor aus dem Ammelshainer Bruch verkleidet und der Eingangsbereich war von einem schwarzseidenen Alkoven überdacht, unter welchem ein livrierter Diener stand.

„Überlassen Sie mir das Pferd, Sir, ich werde es im Hinterhof parken!“ sagte der Diener, während er dem Mohr den Steigbügel hielt. „Um ihr Gepäck brauchen Sie sich auch keine Sorgen zu machen, die Etagen-Pagen werden sich darum kümmern.“

Und so betrat der Mohr unter den verwunderten Augen der vorbei eilenden Passanten das „Interconti“.

„So so!“ murmelte Wurmstich mit dem Brief in der Hand und wanderte im Raum umher. Die Briefente kackte mit einem deftigen quackern auf seinen Schreibtisch, aber der Schatzmeister war so in Gedanken verloren, dass er es nicht bemerkte.
„So so, der Mohr ist also in der Stadt!“

Wurmstich hob eine große Perlmuttmuschel an sein Ohr, klopfte gegen ein dünnes Rohr mit einer trichterförmiger Öffnung, welches in der Wand steckte und kreuz und quer durch das ganze Rathaus verlief, und sprach mit langsamer klarer Stimme: „Eins zwo; eins zwo drei; check, check!“Befriedigt hörte er die klaren Resonanzschwingungen, welcher ein kleiner Empfänger im Innern seiner Ohrmuschel zurückwarf, und drückte auf einem Brett mit verschiedenfarbigen Knöpfen den großen roten in der Mitte.
„Amt“, meldete sich eine ältere Frauenstimme.
„Frollein, ich will sofort mit EM verbunden werden!“
„Jawohl, Schatzmeister!“ antwortete die Stimme. „Bleiben Sie dran, ich werde durchstellen.“

Ein Klacken ertönte und leise Musik der `Wildecker Herzbuben´ ertönte aus der Muschel.

Schatzilein, du mußt nicht traurig sein…
“…BITTE BLEIBEN SIE AM ROHR!!!“unterbrach eine abgehackte blecherne Stimme die Musik.
„…ich weiß du bist nicht gern allein, dran Schuld war doch nur der Wei…“
„…BITTE BLEIBEN SIE AM RO…“
„EM!“ meldete sich eine zackige Männerstimme.

„Hallo EM, hier WEH.“ sagte Wurmstich zu dem stellvertretenden Befehlshaber des Leipziger Geheimdienst. Der erste Befehlshaber war Wurmstich selber, aber der Leipziger Geheimdienst war so geheim, dass es ihn offiziell gar nicht gab und es daher die geheimen Umstände zwingend erforderlich machten, sich mit Geheimnamen anzureden.

„Ich erwarte sie in fünf Minuten in meinem Büro, und suchen Sie bitte die Akte über den Mohr heraus!“

„Jawohl WEH!“ antwortete die Stimme, und durch den hoch empfindlichen Resonanzboden der Perlmuttmuschel konnte Wurmstich hören, wie der Mann am anderen Ende der Rohrleitung die Hacken zusammenknallte. Wurmstich lächelte. So gefiel ihm das. Ein großer Häuptling wie er brauchte disziplinierte Indianer wie EM, um den Laden am Laufen zu halten.

Auf die Sekunde genau 5 Minuten später klopfte es an der Tür und ein kleingewachsenes Männchen mit einem Riesenschnauzbart und Cowboystiefel betrat sein Amtszimmer, in der Hand einen dünnen Schnellhefter. EM führte seine flache ausgestreckte Hand im rechten Winkel zum Mittelscheitel, grunzte sein obligatorisches: „Immer bereit!“, den Gruß der Geheimdienstler und Paramilitärs, und knallte den Hefter in die Entenscheiße. Stumm nickend nahm der Schatzmeister die militärische Ehrenbezeugung entgegen und fing an zu blättern. Sehr weit kam er nicht, denn die Akte hatte nur eine handbeschriebene Seite.

“Gefärlich! “ lautete das erste Wort. Erstaunt blickte Wurmstich hoch.
„Ist das alles, was wir haben?“

„Tut mir leid“, antwortete EM entschuldigend. „Aber wie ihr wisst, ist es uns noch nie gelungen, einen Spion in den Vereinigten Staaten zu platzieren – Toffi-Fees Kristallkugel bleibt einfach nichts verborgen! Wir mussten uns also in diesem Fall aufs Hörensagen und die wenigen Zeitungsberichte stützen.“

Wurmstich neigte sein Haupt wieder über die Akte.

“Kann Karade, scharfes Schwerd, böhse Zaubersprüche “, war weiterhin zu lesen, und am Ende, dick und unterstrichen, “GUDE BEZIEHUNGEN IN DIE HÖCHSDEN REGIERUNGSGREISE VON OSMOSIA!!! “

„Hm, soviel wusste ich schon selber“, murmelte der Schatzmeister unzufrieden und klappte die Akte zu. EM beobachtete mit unbewegten Gesicht, wie sich Wurmstich angeekelt die weißgrüne Kacke von der Hand wischte und mit einem süßsäuerlichen Lächeln die Briefente betrachtete, welche leise nakend über den Schreibtisch watschelte und fröhlich an einer preisgekrönten Bonsai-Eiche herumzupfte, welche der Schatzmeister zu seinem 60. Geburtstag von seiner Frau geschenkt bekommen hatte. Als erfahrener Nachrichtendienstler wusste er sofort, dass das weitere Schicksal des Vogels ebenfalls süßsauer war.

„Ähm, EM“, räusperte sich Wurmstich schließlich und blickte zu seinem Untergebenen auf. „Wußten Sie schon, dass der Mohr in Ping-Pong ist?“

„Nein, Sir!“ antwortete EM überrascht.

„Die Briefente flatterte vor zehn Minuten mit einem Brief vom Nordtor in mein Büro.“ erklärte Wurmstich. „Der Mohr kam zwanzig nach neun an, hat sich unter Androhung von Gewalt Zutritt in die Stadt verschafft und ist anschließend weiter zum ´Interconti´ geritten. Centurio Schlafmütz will jetzt wissen, wie er die eine Überstunde schreiben soll, auf’s Stundenkonto oder auf den Lohnschein.“

„Er soll sie sich nicht schreiben, sondern schmieren – und zwar auf’s Butterbrot!“ entgegnete EM, der genauso gut wie Wurmstich wusste, dass Tadeus Schlafmütz regelmäßig 17 Minuten vor neun in seine Stammkneipe `Zum Pfeifenschorschl´ am Petersweg einrückte. „Aber der Mohr in Leipzig … was hat das zu bedeuten?“

„Es ist keine offizielle Mission, sonst hätte ich ein Akkreditierungsschreiben der US-Ähmbessie erhalten.“

„Ich kann mich bei der Botschaft mal umhören“, schlug EM vor. „Der Werwolf vom Empfang steht auf unserer Lohnliste.“

Wurmstich nickte, das war zumindest ein Anfang.

„Wir dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen!“ sagte Wurmstich nachdenklich. „Wenn die Toffi-Fee den Mohr losschickt, brennt meist die Luft.“
Das war nicht nur ein leichtfertig dahergesagter Spruch. Keiner der beiden hatte vergessen, wie der Mohr letztes Jahr bei der Jagd nach Osama dem Räuberhäuptling in Nordreim-Westfalen eine Gehörlosenschule und das Abotta-Bad abfackelte. Die beiden Männer schwiegen und dachten dabei konzentriert nach.
„Wir müssen dafür sorgen, dass er weiß, dass wir ein Auge auf ihn haben“, schlug EM vor. „Deswegen würde ich eine Standard 1 Släsch 5 Operation vorschlagen. Agent Triple Zero wurde gestern aus dem Krankenhaus entlassen und ist wieder voll einsatzbereit.“
Wurmstich war in allem, was er tat; ein Perfektionist. Deswegen hatte er auch die Geheimdienstoperationen definiert, standardisiert, und im streng geheimen Handbuch `Manuelle Geheimdienst-Instruktionen´ in 5 Kapitel aufgeteilt. Kapitel 1 stand für Überwachung, 2 für Gegenspionage, 3 für Sabotage, 4 für politisch motivierten Mord und 5 für Oppositionseinschüchterung. Laut Handbuch, Kapitel 1, Unterkapitel 5, war eine Standard 1/5 Operation eine Beschattung, wo die Zielperson merken sollte, dass sie verfolgt und observiert wird. Und für eine Standard 1 Släsch 5 Operation gab es im gesamten Geheimdienst von Leipzig keinen besseren und erfahreneren Mann als Agent Triple Zero. Selbst Sheikh Habbakh Dabbakh, der radikalste Leipziger Prediger, konnte den als Beduinen verkleideten Triple Zero in einer Menge von 5000 Gläubigen persönlich enttarnen und von seinen Anhängern an Ort und Stelle verprügeln lassen – eine taktische Meisterleistung, denn der Sheikh war blind und taub, und konnte kaum noch sprechen, da er über all die zeitaufwendige Hingabe an Allah sämtliche Konsonanten vergessen hatte.

Genau!“ pflichtete der Schatzmeister bei. „Hier kommt nur Triple Zero in Frage.“

„Also abgemacht!“ sagte EM und schlug die Hacken zusammen. „Ich werde Agent 000 sofort zu KUH in die Werkstatt schicken, ihn mit der nötigen Technik ausstatten lassen, und dann wird er Stellung im ´Ritz´ beziehen!“

„Geritzt“, antwortete Wurmstich grinsend.

Pjotr Wucherpfennig stand hinter der Rezeption seines Hotels und wußte nicht so richtig, was er von der Sache zu halten hatte. Einerseits hätte er unter normalen Umständen einen Ausländer – einen Schwarzen noch dazu – mit den Hunden aus dem Haus gejagt, zumal ihn der neue Gast auch noch mitten in der Zubereitung seiner berühmten Schweineschmand-Kringel gestört hatte. Andererseits flößten ihm die vornehme Kleidung und der Diplomatenpass seines Gastes doch einen gewissen Respekt ein.

„Was ist der Grund deines Aufenthaltes?“ fragte Wucherpfennig und kratzte sich ungeniert am Hintern.

„Urlaub“, antwortete der Mohr und lächelte unschuldig.

„Hm“, räusperte sich Wucherpfennig, wischte sich die fettige rechte Schweineschmand-Hand in seinen langen Haaren ab und griff nach einem Stift.

`Nahme: Mor, Schdernbild: Zwilling, Aufendhaltszwegg: Urlaub´, malte er mühsam mit einem Gänsekiel in das Gästebuch. Fasziniert beobachtete der Mohr die Zunge seines Gegenübers, welche beim Schreiben die Lippen hoch- und runterleckte, sich kringelte, schnalzte, auf- und abrollte. Überhaupt war Pjotr Wucherpfennig eine imponierende Gestalt. Er war mindestens einen Meter größer als der Mohr, hatte Arme wie ein Gorilla, dichtes goldgelocktes Brusthaar, und die feuchten Flecken auf seinem Muskel T-Shirt ließen auf starke Schweißbildung schließen. In den USA hätten ihn die Einwohner garantiert für einen Bergtroll gehalten.

„Aufenthaltsdauer?“

„Drei Tage“, antwortete der Mohr ins Blaue hinein. Er wusste es selbst noch nicht so genau.

„Und jetzt das Wichtigste – wie willst du zahlen?“ fragte Wucherpfennig und blickte von seinem Buch hoch.

Der Mohr öffnete sein Portmonee, und eine ganze Latte sauber in durchsichtiges Zellophan verpackter Karten baumelte vor den verwunderten Augen von Pjotr Wucherpfennig in der Luft. Der Mohr zog eine graue Plastikkarte aus ihrem Etui und überreichte sie dem Wirt.
„Master-Card“, las dieser laut vor. Wucherpfennig hatte schon von diesen Karten gehört. Interessante Idee. Erstens brauchte man bei größeren Geschäften nicht mehr zentnerweise das Geld mit sich herumzuschleppen, und zweitens musste man keine Angst haben, dass irgendwelche Schweinepriester das Wechselgeld zu knapp abschnitten. Es funktionierte alles viel einfacher. Man brachte sein Geld auf die Bank, diese presste es irgendwie auf dieses kleine Stückchen Plastik, und wenn man etwas kaufen wollte, zog man die Karte durch einen magischen Schlitz und dabei blieb exakt der geforderte Betrag im Schlitz hängen und wurde auf die Karte des Verkäufers übertragen. Die Sache hatte nur leider einen Haken – es gab noch keinen einzigen Zauberschlitz in ganz Leipzig

„Tut mir leid, mein Junge, nur Bares ist Wahres“, sagte Wucherpfennig bedauernd und schob die Karte über den Tresen zurück. „Wir sind noch nicht soweit.“

„Was schulde ich Ihnen?“ fragte der Mohr.

„Einzelzimmer oder Schlafsaal?“ fragte Wucherpfennig zurück und biss sich im selben Moment auf die Lippen.

„Schlafsaal ist okay“, antwortete der Mohr, der keinen großen Luxus gewohnt war.

„Hm“, brummte Wucherpfennig und trommelte mit den Fingern seiner linken Hand verärgert auf den Tresen.

`Ich kann doch meinen anständigen Gästen nicht so einen primitiven Ausländer vor die Nase setzen´, grübelte Wucherpfennig und dachte angestrengt nach, während seine Zunge im rechten Mundwinkel herumbohrte. `Außerdem sind elf Schlafsäle frei und der Knabe sieht reich aus!´

„Ich weiß nicht, Exzellenz, Ihr seid ein Diplomat!“ Wucherpfennig setzte sein lieblichstes Lächeln auf. „Findet Ihr nicht, dass für euch ein Einzelzimmer angebrachter wäre?“

Der Mohr zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Auch gut! Was macht das?“

„Zweieinviertel Silberschekel“, antwortete Wucherpfennig. Der Mohr zog drei Schekel aus seiner Börse und legte sie auf den Tresen. Mit einer kleinen Wechselaxt hackte der Wirt eine Münze in der Mitte durch und schob dem Mohr das Wechselgeld zu. Dann schnipste er laut mit Daumen und Zeigefinger. Der Etagen-Page blickte beflissen zu seinem Chef.

„Zweiter Stock, Zimmer fünf, aber pronto!“ knurrte Wucherpfennig. Der Page schnappte sich das Gepäck des Mohr und eilte die Treppe herauf. Der Mohr wollte ihm folgen, doch Wucherpfennig hielt ihn am Ärmel zurück.

„Ich hatte noch vergessen, die Hausordnung zu erwähnen. Verboten sind: nichtgewerbliche Weiber auf der Bude, krümeln im Bett und Kautabak. Alkohol nur an der Bar!“

„Ich bin Abstinenzler.“

Wucherpfennig nickte, obwohl er nicht ganz sicher war, ob sich das auf den Alkohol, die Frauen oder beides bezog. Der Mohr legte seine rechte Hand aufs Herz und verneigte sich höflich, während Wucherpfennig grußlos auf dem Absatz kehrt machte und zurück in die Küche eilte. Langsam schlenderte der Mohr im Foyer entlang, betrachtete den Spielplan der Leipziger Theaterbetriebe und griff sich schließlich noch eine Gute-Nacht-Lektüre aus der Bibliothek, bevor er mit großen Sprüngen die Treppe hocheilte.

„Danke für Ihre Hilfe und das ist für Sie“, verabschiedete er sich vom Pagen und warf ihm den abgehackten halben Silberschekel zu. Der Mann strahlte wie ein Honigkuchenpferd, soviel verdiente er normalerweise in drei Wochen Schichtarbeit!

Endlich allein, sah sich der Mohr um. Der Raum war zwanzig Meter lang und an der Stirnseite stand ein kleiner Kamin, der jedoch kalt war. In zwei Fünfer-Reihen waren die Betten entlang der Wände ausgerichtet. Eine verblichene Blümchen-Gardine hing vor dem Fenster und in der Mitte stand ein großer Rundtisch mit zehn Stühlen. Da er keinen Schrank entdecken konnte, legte der Mohr sein Gepäck auf das Nachbarbett, sprang unter die Dusche und wechselte anschließend seine Reisekleidung mit einem eleganten weißen Kaftan, bevor er zum Essen wieder in den Speiseraum hinunterstieg. Er setzte sich in die hinterste Ecke und beobachtete die anderen Gäste. Am Nachbartisch stritten sich zwei Geschäftsleute über die immer weiter fallenden Marktpreise für Kakaobutter, am runden Ecktisch auf der gegenüber liegenden Seite saß eine halbe Handvoll zwielichtiger Halbweltgestalten aus der Arzgebirch, die offensichtlich im Rotlichtmilieu der Stadt zu Wohlstand gekommen waren (`Tiere im Smoking´, dachte der Mohr voller Abscheu) und feierten zusammen mit ein paar kreischenden halbnackten Frauen eine wilde Party. Die Kellnerin kam an den Tisch und der Mohr bestellte einen Löwenzahn-Salat mit Rucola, schwarzen Trüffeln, Walnussöl und provenzialischem Essig, dazu ein Glas trockener Rotwein.

Während er auf sein Essen wartete, fiel ihm auf der anderen Seite der Bar ein Mann auf, der unentwegt in seine Richtung schaute und dabei vor sich hinbrabbelte. Der Mann trug einen schwarzen Anzug, welcher unter der linken Achselhöhle verdächtig ausgebeult war, eine Melone und eine Sonnenbrille. Das fand der Mohr höchst verwunderlich, weil das Restaurant nur von fünf Teelichtern beleuchtet wurde. Bei genauerem Hinsehen konnte der Mohr erkennen, dass der Mann eine Miesmuschel an sein Ohr geklemmt hatte und in ein winziges Stäbchen flüsterte. Als der Mann bemerkte, dass der Mohr ihn musterte, drehte er sich abrupt um, pfiff einen alten Gassenhauer der Wildecker Herzbuben und wanderte die Stirnwand auf und ab, wobei er mit großem Interesse die kleinen Bilder an der Wand musterte.

`Grundgütiger, was kann man denn bloß an Tele-Tubbie Sammelbildern dermaßen interessant finden?´dachte der Mohr eine halbe Stunde später kopfschüttelnd, legte Messer und Gabel ordentlich nebeneinander auf seinen leeren Teller, tupfte sich mit einer Serviette die Lippen ab und trank genussvoll den letzten Schluck des köstlichen Rotweins.

„Rechnung bitte auf 2-5.“ rief er der Kellnerin zu, stand auf und eilte zum Ausgang. Der Mann im schwarzen Anzug verlor zufällig zum selben Zeitpunkt das Interesse an den Kunstwerken und flüsterte „Es geht los!“ in sein Röhrchen. Unauffällig klopfte er sich auf die Miesmuschel im Ohr, um die Funktion zu testen. Dann rannte er um die Ecke – und stolperte über den Blecheimer mit den Regenschirmen. Die Tonne rollte mit lautem Getöse die Treppe herunter. Während der Mohr behände beiseite sprang, ruderte der Mann wild mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu halten. Er kriegte den Ärmel eines Pelzmantels in die Hand, hielt sich daran fest und zog mit einem kräftigen Ruck die Dübel der Garderobe aus der Wand, welche ihn in der nächsten Sekunde mitsamt ihrer schweren Last unter sich begrub. Unverdrossen kämpfte er sich zwischen all den Mänteln und flauschigen Pelzen hervor und rannte dem Mohr hinterher, welcher inzwischen schon im Barfußgäßchen stand und in Richtung Naschmarkt davoneilte. Der Mann im Anzug folgte dem Mohr in drei Meter Abstand, sorgsam darauf bedacht, sich hinter anderen Passanten zu verstecken oder in die nächstgelegene Hauseinfahrt zu springen, sobald der Mohr wieder einmal einen erstaunten Blick über die Schulter warf.

Sie erreichten den Naschmarkt. Die Buden hatten schon geschlossen und die mechanischen Glockenmänner vom Kroch-Hochhaus schlugen eben die elfte Stunde. Der Mohr ging um die Ecke einer „Verkaufsbude für Feinste Schokoforellen“, wie das Schild stolz verkündete, rannte um das Holzhäuschen herum und tauchte urplötzlich im Rücken des entsetzen Mannes wieder auf.

„Mayday, mayday, ich werde verfolgt“, nuschelte der Mann im Anzug aufgeregt vor sich hin, während er mit dem Mohr im Schlepptau in eine unbelebte Seitengasse einbog. Er wollte gerade die Beine in die Hand nehmen, als er auf einmal kalten spitzen Stahl in seinem Rücken spürte.

„Hände hoch!“

Gehorsam tat der Mann wie ihm geheißen, während der Mohr von hinten in das Holster unter seiner linken Achselhöhle griff und eine Stahlschleuder sowie drei Leuchtspurgeschosse hervorzog. Das war Triple Zeros Standardausrüstung, damit er die Zentrale auf sich aufmerksam machen konnte, wenn er wieder einmal während eines Einsatzes verloren ging.

„Umdrehen!“

Mit schlotternden Beinen schaute Agent 000 dem Mohr in die Augen, während dieser dem Mann die Spitze seines geschwungenen Breitschwertes an die Kehle hielt.

„Wer bist du?“

„Aaagent Triple Zero vom Lei-eipziger Geheimdidienst!“ stotterte dieser.

„Kannst du dich ausweisen?“

000 nickte und zeigte dem Mohr seinen Dienstschal, auf dem seine Agenten-Nummer und sein Sternzeichen eingestickt waren. Der Mohr ließ die Waffe sinken.

„Und was willst du von mir?“

„Observieren und Bericht erstatten, dass ist mein Auftrag!“

„Herr im Himmel, und dass nachts bei diesem kalten Wetter!“ sagte der Mohr mitfühlend.

„Ja, das ist schon hart!“ antwortete Triple Zero, erfreut über so viel ungewohnte Anteilnahme. „Vor allem, da ich gestern erst aus dem Krankenhaus entlassen wurde.“

„Sie sollten sich wirklich noch ein Tage schonen, andernfalls könnten Sie sich den Tod holen!“ sagte der Mohr mit besorgten Gesicht. „Wann sollen Sie denn den Bericht abliefern?“

„Morgen früh um neun“, antwortete 000 seufzend.

„Wissen Sie was, kommen Sie einfach morgen früh um acht zu mir“, sagte der Mohr. „Bis dahin werde ich den Bericht für Sie geschrieben haben.“

„Ja, wenn das geht…?“ antwortete Agent Triple Zero erstaunt.

„Na klar, Ihre Gesundheit ist Ihr wichtigstes Kapital!“ sagte der Mohr, kramte in der Tasche seines Kaftans und warf Triple Zero einen Silberschekel zu. „Vielleicht können Sie ja auf dem Weg nach Hause noch einen schönen Kräuterpunsch auf mein Wohl trinken!“

„Oh, danke, Sir, danke, danke, danke!!“ strahlte 000, während seine Mundwinkel an den Ohren anstießen.

Der Mohr blieb so lange stehen, bis sein Beschatter verschwunden war. Dann setzte er sich wieder in Marsch. Er lief am Universität-Hochhaus vorbei, welches aufgrund seiner Form im Volksmund der `Weisheitszahn´ genannt wurde, hielt sich am `Weihnachtsgans-Auguste-Platz´ halblinks und stieg in die 28er Straßenbahn.

„Conne Island“ sagte er zum Schaffner und bezahlte die 3 Kupferlinge. Die Straßenbahn rumpelte los. Der Mohr setzte sich schweigend und folgte mäßig interessiert einer Quiz-Show, welche über den Bord-Bildschirm flimmerte. Kurz vor der Pleißenburg, dem Sitz der Stadtverwaltung, bog die Straßenbahn quietschend um’s Eck und fuhr durch einen riesigen, funkelnden Schriftzug hindurch, bestehend aus tausenden flackernder bunter Glühbirnen, welcher den Mohr an Las Vegas erinnert.

`Karli-Kneipen-Meile´

Eine Kneipe reihte sich neben die nächste und unzählige laute, fröhliche Nachtschwärmer flanierten die Karli entlang, Musik-Fetzen ertönten und Tabakqualm waberte aus den geschlossenen Türen der Pubs. Interessiert schaute der Mohr aus dem Fenster. Leipzig schien interessanter und lebhafter zu sein, als man in den Vereinten Staaten gemeinhin annahm. Nach knappen zehn Minuten erreichte die Bahn das `Connewitzer Kreuz´ und bog rechts ab.

Das Connewitzer Kreuz, ein grün bemoostes steinernes Kreuz, bildete die Grenze zum alternativen Stadtteil Connewitz, oder vielmehr zum ‚alten naiven Stadtteil Connewitz‘, wie Spötter lästerten. Wohlgesonnene Spötter, wohlgemerkt. Leute wie Polizeipräsident Horst Vierschrot benutzten für den ‚Alten Naiven Stadtteil Connewitz‘ auf Grund der häufigen Krawalle sehr viel weniger schmeichelhafte Wörter.
Der Mohr stand auf, nahm den Glöckel aus seiner Halterung und schlug gegen den Haltewunsch-Gong. Die Straßenbahn wurde langsamer und kam schließlich an der nächsten Haltestelle zum Stehen. Er stieg aus und überquerte hinter der Bahn die Straße.

Ein großes Graffiti mit der Überschrift `Conne Island´ zierte eine Häuserwand. Viele halbverrostete Kutschen mit abgefahrenen Reifen parkten kreuz und quer durcheinander. Einige waren bunt bemalt, während andere mit Aufklebern wie: „Trau keinem über 1,30“ „Legalisiert Kautabak“ „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ oder „Nur ein toter Bulle ist ein guter Bulle“ zugepflastert waren. Vor allem der letzte Spruch entsetzte den Mohr.

`Herzlose zynische Fleischfresser´, dachte er empört.

Eine Gruppe junger Mädchen, die ihre Haare mit einer Fertigbetonmischung zu einem regenfestem Irokesenschnitt hochgespachtelt hatten, beobachteten neugierig den Mohr, der in seinem weißen Kaftan, den riesigen Tulpenstiefeln, dem blauen Turban und mit dem auf den Rücken gebundenen Breitschwert vor einem Plakat stand und dieses halblaut vorlas.

Punx-Konzert heute abend um zehn im Conney Island

Vorgruppe: `Die Brüllaffen´

Danach die Lokalhelden `Think about Mutation´

+++Aktion+++Aktion+++ Fünf Sternis kaufen, ein Klarer umsonst +++Aktion+++Aktion

Der Mohr reihte sich geduldig in die Schlange ein. Eine Gruppe kahlrasierter Gorillas bewachte die Tür und ließen die Musikliebhaber in kleinen Grüppchen passieren. Nach zehn Minuten war der Mohr an der Reihe, bezahlte seine 18 Kupferlinge und wollte gerade im Inneren des Saales verschwinden, als ihn ein Gorilla am Arm packte.

„Ugh!“

„Kriege ich eine Marke dafür?“ fragte der Mohr zurück.

„Ugh ugh ugh!“

Der Mohr griff hinter seine Schulter, zog sein Schwert aus der Scheide und gab es mit dem Griff vorweg an der Garderobe ab, wo ein grünhaariger Junge es zwischen einen Morgenstern und einen Dreschflegel hängte und ihm im Gegenzug eine Garderobenmarke übergab. Der Mohr lief ein paar Meter weiter, streckte seine Hand nach hinten aus und murmelte einen Zauberspruch. Mir einem leisbedrohlichen pfeifen, dass bei diesem Krach nur für ihn vernehmbar war, flog ihm sein Krummschwert unbemerkt von den anderen in die Hand. Es zufrieden lächelnd wegsteckend, öffnete er die Tür zum Konzertsaal und ein ohrenbetäubender Krach empfing ihn.
Die Band ‚Die Brüllaffen‘ waren tatsächlich vier Brüllaffen, eine Leihgabe des hiesigen Zoos. Die Affen befanden sich sicherheitshalber in ihrem Käfig. Drei von ihnen standen in Linie nebeneinander, schrubbten mit beiden Händen über die am Bauch fixierten Gitarren und brüllten wild UUH UUH UUH, während der vierte im Hintergrund wie von Sinnen gegen die Gitterstäbe drosch. Trotzdem kam die Darbietung beim Publikum gut an. Die Leute hüpften auf und nieder, sprangen sich gegenseitig an, spritzten sich mit Bier voll. Nach zwanzig Minuten wurden die Brüllaffen unter dem tosenden Applaus der Zuhörer mit einem schweren Ochsengespann von der Bühne gezogen, und die Umbaupause begann.
Der Mohr beobachtete die Menge. Den langen ungepflegten Haaren nach zu urteilen waren viele der Besucher Arzgebirchler, aber auch Werwölfe, Trolle und jede Menge bunthaariger und seltsam frisierter Menschen waren anwesend. Die meisten dieser Typen schienen Aussteiger und Sonderlinge von überall her zu sein, die hier in der pulsierenden Metropole ihr Glück suchten.

Der Mohr kämpfte sich zur Bar durch.
„Ein Sterni?“ fragte der Barkeeper.
Der Mohr schüttelte verneinend den Kopf.

„Ich suche Jule und Jürgen“, antwortete er.

Der Barhüter knipste ein falsches Lächeln an und wies mit dem Kopf in Richtung einer schweren, eisenbeschlagenen Tür.

„Frag doch mal dort im Büro nach.“

In diesem Moment gingen die Saallichter aus, und unter dem tosenden Jubel der Menge betraten `Think about Mutation´ die Bühne.

„Wantutriefor“, schrie der Schlagzeuger, klopfte dazu viermal seine Holzstöcke gegeneinander und eine von elektrischen Beats unterlegte brettharte Gitarrenwand knallte dem Mohr auf die Ohren. Im Saal brach der Wahnsinn aus. Dicht gedrängt tobte die Zuschauermenge wie ein gegen die Brandung schlagendes Meer vor- und rückwärts. Die harten, schmatzenden Beats des Synthesizers trieben den Herzrhythmus nach oben, die fetten Bässe durchbrachen fast die Magenwände und die rasend schnell gespielten Gitarren-Riffs trieben die Menschen zur völligen Raserei. Was die kreischenden Leute vor, neben und hinter ihm ablieferten, erinnerte den Mohr an den wilden Veitstanz weißer Hexen. Er wollte sich gerade nach hinten verziehen, als es auch ihn erwischte. Sein Beine zuckten plötzlich wie von elektrischen Impulsen durchströmt, die Arme boxten wild in der Luft herum und er schüttelte wie ein Verrückter sein buschiges Kraushaar durch die Luft.

`Wow, was für ein abgefahrener Musikzauber!´ dachte er begeistert, während er wie ein Gummiball durch den Saal hüpfte, Pogo tanzte und sich glühend vor Begeisterung in den Moshpit einreihte. Wie öde dagegen in den Staaten die Line-Dance Veranstaltungen am Hofe der Toffi-Fee wirkten!
Ein zwölfjähriges Mädchen neben ihm kreischte ekstatisch: „JA! JAJAJA!“. Der Mohr konnte sie verstehen. Er wurde manchmal auch von seinen Gefühlen überwältigt, wenn er betrunken war. Einzelne Personen kletterten auf die Bühne und sprangen von dort zurück ins Zuschauermeer, Bühnentauchen hieß diese uralte Kulturtechnik bei den Eingeweihten. Manche sprangen mit Anlauf einen Hechter, manche aus dem Stand einen Salto rückwärts und für die ganz Wilden schoben die Gorillas vom Einlass soeben einen aufblasbaren Drei-Meter-Turm mit Sprungbrett an den Bühnenrand.

Erschöpft und glücklich ließ sich der Mohr nach einer Weile aus dem wildesten Getümmel zurückfallen. Er hatte seinen Turban verloren, und seine hübschen Puffärmel waren eingedrückt, aber das machte ihm nichts aus. Wippend und kopfnickend verfolgte er vom sicheren Ende der Halle aus, wie die Band mit ‚Motorrazor´, `Psycho-DJ´, `Hellraver´ einen Hit nach dem anderen ins Publikum feuerte. Es war unglaublich. Der Sänger stöhnte laut und inbrünstig in sein Mikro, während er in den Schritt seiner Hose fasste und sich unter dem hysterischen „Donis, Donis“ Gekreische der Fans die Eier massierte. Der Bassist und der Rhytmusgitarrist waren offensichtlich Arzgebirchler. Der Lead Gitarrist, der sich gerade mit lauten „Adler, Adler“-Rufen für sein virtuoses 3-Ton-Solo abfeiern ließ, wirkte mit seinen sauberen T-Shirt und der nichtzerfetzten Cordhose eher wie ein weltläufiger Leipziger und der Schlagzeuger war eindeutig ein Werwolf, aber beim Sänger war sich der Mohr nicht sicher. Er mochte die Art, wie Donis mit der Hand am Geschlecht in kleinen Tippelschritten seitwärts lief. Die Toffi-Fee bewegte sich manchmal auch so. Allerdings war es völlig ausgeschlossen, dass der Sänger ein Yankee war, da ihm jede Magie abhanden ging. Für einen Bergtroll war er zu klein, für einen Brüllaffen zu melodiös und für einen Menschen zu hässlich. Am wahrscheinlichsten war eine missglückte Mutation.

`Nichts ist schlimmer, als zwischen den Welten hängen zu bleiben´, dachte der Mohr mitfühlend.

Nach vier Zugaben gingen die Lichter an. Die Menschen strömten an die Bar, um ihren verbrannten Treibstoff nachzutanken, die Sanitäter zogen die Verletzten von der Tanzfläche und ein paar Kinder suchten laut schreiend ihre Eltern. Der Mohr lief zielstrebig auf das Büro zu, öffnete die Tür und betrat den Raum, als ihn urplötzlich eine behaarte Hand mit der Kraft eines Schraubstocks am Genick packte. Der Mohr drehte sich blitzschnell um, packte den 200 Kilo Gorilla am Hals und schleuderte ihn quer durch den Raum. Aus der Ecke des Raumes kam eine Frau auf ihn zugerannt und schwang schreiend einen Knüppel. Der Mohr bewegte nur kurz die Lippen. Die Keule flog der überraschten Frau aus der Hand, knallte dem benommen dasitzenden Gorilla gegen den Kopf.
„Grrhh!!!“ knurrte dieser und machte Anstalten, sich erneut auf den Mohr zu stürzen, doch in diesem Moment stand die Frau wieder auf und erhob ihre Hand.

„Lass gut sein, Kalimero!“

Kalimero ließ sich auf alle Viere fallen und kletterte auf einen Schrank, wo er in aller Seelenruhe eine Banane schälte. Der Gorilla war ein eher simples Gemüt. Wenn er regelmäßig seinen Bananenlikör bekam und ab und zu jemandem auf den Kopf klopfen konnte, war er zufrieden und gehorchte seiner Herrin.

„Gakgak, ist das der Typ, der nach uns gefragt hat?“ sagte die Frau und blickte am Mohr vorbei.

„Yup!“ hörte der Mohr die lakonische Stimme des Barhüters hinter seinem Rücken und spürte, wie sich eine Pfeilspitze durch den Stoff seines Kaftans drücken. „Schön die Hände hoch oder ich werde dich spicken wie einen Rehbraten!“

Der Mohr murmelte einen fast unhörbaren Spruch, schnippste mit den Fingern und etwas Merkwürdiges passierte. Die Finger des Barhüters lösten sich einzeln von der Armbrust, die jedoch weiterhin wie von Zauberhand getragen in der Luft schwebte. Wie in Zeitlupe gingen Gakgaks Arme nach oben.

`Ich sollte ihn zwanzig Hampelmänner machen lassen´, dachte der Mohr und drehte sich um. Er machte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand eine kleine kreisförmige Bewegung. Die Armbrust wendete sich in der Luft und zeigte auf die Brust des Barhüters.

„Hier im Haus gibt es so viele durstige Kehlen“ sagte der Mohr. „Glauben Sie nicht, dass Sie woanders dringender gebraucht werden?
Eifrig nickend stimmte Gakgak zu und verschwand wie ein geölter Blitz. Der Mohr blickte ihm mit einem feinem Lächeln nach und machte mit der Hand eine wegwischende Bewegung. Die Armbrust fiel auf den Boden und der losgehende Pfeil bohrte sich in den Türrahmen.

„Wie hast du das gemacht?“ fragte die Frau beeindruckt.

Der Mohr zuckte bescheiden mit den Achseln. „Gelernt ist gelernt.“

„Du bist keiner von Wurmstichs Leuten“, sagte die Frau und strich sich eine Strähne ihres halblangen braunen Haares aus dem Gesicht. „Anderenfalls wären wir vermutlich tot … ich meine, bei deinen Fähigkeiten. Du hast nach mir gefragt, ich bin Jule.“
Der Mohr ergriff die Hand und führte sie zu einem formvollendeten Kuss an seine Lippen.
„Entzückt, Sie kennenzulernen, gnä’ge Frau“ sagte er. „Mein Name ist Mohr“
Er zog einen Ausweis hervor und hielt ihn der entgeisterten Jule vor die Nase.
„Centräl Intellidschänz Ädschensie. Ich befinde mich als Späschel Ädschent der Vereinigten Staaten in geheimer Mission in Leipzig“

„Ich wüsste nicht, was ausgerechnet Jürgen und ich da helfen könnten!“ antwortete Jule frostig, während sie insgeheim schluckte. Heilige Scheiße, ein leibhaftiger CIÄ-Späschel Ägent!

„Ich weiß nicht, ob Sie die Nachrichten verfolgen“, sagte der Mohr. „Es passieren in den letzten Monaten immer öfter merkwürdige Sachen. Interferenzen, interstellare Störungen, wir wissen es nicht mit letzter Sicherheit. Wissen Sie, was Wurmlöcher sind?“

Jule nickte. Sie hatte von der These des Schamanen `Ein Stein´ im Rolling Stones Magazin gelesen.
„Ungefähr“, sagte sie abweisend. „Krümmungen im Zeit-Raum-Gefüge. Dadurch sollen Zeitreisen möglich werden. Aber das ist doch alles esoterischer Unsinn! Medizinmann-Geschwätz!“

„Leider nein“, erwiderte der Mohr. „Es gibt sie wirklich. Es passierte bei uns im mittleren Westen. Zwei Menschen verschwanden vor den Augen glaubhafter Zeugen in Wurmlöchern, die sich urplötzlich auftaten.“

Jule zuckte mit den Schultern und musterte den Mohr mit ihrem frostigsten Gesicht.

„Jeden Tag verschwinden dutzende von Menschen auf der Welt“, erwiderte sie. „Plötzlich, ups, tun sich Wurmlöcher auf und die Leute finden sich beispielsweise in geheimen CIÄ-Gefängnissen wieder. Der Genosse Hoho Tschi-Min meinte erst neulich, dass, um auf …“

Der Mohr seufzte, murmelte einen Zauberspruch und etwas merkwürdiges passierte. Für einen weiter entfernt stehenden Beobachter hätte es so ausgesehen, als ob die Frau weiterhin diskutierte und gestikulierte, in Wahrheit konnte Jule nur ein entrüstetes Mimimi zwischen ihren unfreiwillig zusammengepressten Lippen hervorbringen.

„Sorry“, sagte der Mohr. „Für diesen Quatsch habe ich jetzt einfach keine Zeit. Du hast offensichtlich keine Ahnung, wie gefährlich dass ist. Die Verschwundenen könnten unter Umständen in ihre Vergangenheit reisen und Dinge verändern. Welcher Mensch träumt denn nicht davon, die eine oder andere Katastrophe seines Lebens ungeschehen zu machen … ?? Aber das Universum ist Gottes große Getriebebox. Milliarden von Zahnrädern greifen nach einem bis in die hundertste Nachkommastelle vorherbestimmten Plan ineinander, alles hängt mit allem zusammen. Wenn du in der Mitte des Getriebes zwei Zahnräder ausbaust und bei einem dritten die Laufrichtung änderst, fliegt möglicherweise einfach alles auseina … !“

Wie aus dem Nichts wirbelte der Mohr herum und hielt die Spitze seines Krummschwerts einen Mann vor die Nase, der sich ihnen geräuschlos von hinten genähert hatte. Er war offensichtlich in seinen Dreißigern, wirkte – zumindest nach allem, was der Mohr bis jetzt von Connewitz gesehen hatte – auffallend gepflegt und attraktiv, hatte lange, dunkle Haare. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln, dass allerdings nicht herzlich, sondern auf unangenehme Art überheblich wirkte, umspielte seine Lippen.
Der Mohr ließ sein Krummschwert sinken, denn er kannte das Foto dieses Mannes aus vertraulichen CIÄ-Akten. Jürgen Knastek, sein zweites Zielobjekt.
„Und ich sah: Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache“ sprach Jürgen in einer volltönenden Stimme und hob theatralisch die Arme zum Himmel. „Es befahl den Bewohnern der Erde, ein Standbild zu errichten zu Ehren des Tieres, das mit dem Schwert erschlagen worden war und doch wieder zum Leben kam. Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, so dass es auch sprechen konnte. Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens. Seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig. Und der dritte Engel goss seine Schale über die Flüsse und Quellen. Da wurde alles zu Blut. Dann sah ich einen Engel vom Himmel herabsteigen; auf seiner Hand trug er den Schlüssel zum Abgrund und eine schwere Kette. Er überwältigte den Satan und der fesselte ihn für tausend Jahre. Er warf ihn in den Abgrund, verschloss diesen und drückte ein Siegel darauf, damit der Teufel die Völker nicht mehr verführen konnte, bis die tausend Jahre vollendet sind.“
„Exakt wie in Ihrer Akte vermerkt, Sie haben eine Riesenbegabung zum Prediger“ sagte der Mohr mit unbewegter Miene. „Nun sind wir vom US-Geheimdienst zwar für gewöhnlich nicht so gut informiert wie jeder Durchschnittsabsolvent der Leipziger Universität, aber unserer Meinung nach handelt es sich hier nicht um die bevorstehende Apokalypse aus der Offenbarung des Johannes. Wir wissen nicht, was es ist, aber wir wissen, dass diese Interferenzen nichtirdischen Ursprungs sind. Und die mit Abstand gewaltigste dieser paranormalen, außerirdischer Interferenzen ereignete sich vor genau einer Woche hier in Leipzig. Deswegen bin ich hier, deswegen brauche ich von euch Antworten.“
„Hmm! Hhhhmmm! HHHHHMMMMMM!“ holte Jule aus der Tiefe ihres Kehlkopfs die letzten ihr verbliebenen Laute in den Rachenraum hoch und schaffte es, sie an den unnatürlich zusammengepressten Lippen vorbei ins Freie zu lassen.
„Pardon, ich vergaß“, sagte der Mohr bedauernd, sprach unhörbar einen Gegenzauber und setze sich an einen kleinen Rundtisch in der Ecke.
„Lasst uns reden“, sagte er und zeigte einladend auf die beiden freien Stühle.
Stinksauer, aber mit wahrnehmbar gedämpfter Aggression kam Jule nach vorne, setzte sich zusammen mit Jürgen dazu, und zusammen ließen sie sich Einzelheiten und Details der Vorkommnisse in den Staaten erklären. Im Laufe des Gesprächs nickte Jule immer nachdenklicher. Vielleicht war ja wirklich was an der Geschichte des Mohrs dran. Auch hier in Leipzig waren schließlich in letzter Zeit viele merkwürdige Dinge geschehen. Zum Beispiel passierte vor einem halben Jahr am Pleißemühlgraben etwas Furchtbares. Alles fing damit an, dass die dicke Elke Fischer, die Tochter vom alten Sto, in ihrer Reuse etwas fing, dass sie zuerst für seltene fleischfarbene Kugelrobben hielt. Sie wollte ihnen gerade das große Klopfholz über den Kopf hauen, als die beiden anfingen zu singen und zu schunkeln. Die herbeigerufenen Wissenschaftler erklärten die zwei merkwürdigen Wesen zu einer neuen, menschenähnlichen Spezie. Es war eine Sensation, die Tageszeitungen überschlugen sich mit Berichten.
Jule stand auf und lief zu einem Schrank. Irgendwo musste sie die Berichte noch aufgehoben haben. Sie zog einen Aktenordner hervor und fing an zu blättern. Da, sie hatte es!

„Hier!“ reichte sie dem Mohr den Artikel. Der betrachtete das große Aufmacherfoto. Zwei Fleischklopse mit Schnauzern und komischen Hüten, die zirkuszeltgroßen roten Kleider mit schwarzen Ledergamaschen verschnürt, standen vor einer Bergkulisse und grinsten subintelligent in die Kamera. Der Mohr überflog den Bericht.

„Die beiden nennen sich die `Wildecker Herzbuben´ und behaupten felsenfest, aus einem anderen Sonnensystem zu stammen.“ erläuterte Jule. „Du wirst sie vielleicht schon gesehen haben, sie hängen überall in der Stadt an Postern und Plakaten.“

Der Mohr nickte. Sogar an der Leuchtreklametafel des Kroch-Hochhauses hatte er eine Konzertankündigung mit ihnen gesehen.

„Sie sind wie eine Seuche, die jeden ansteckt, der damit in Berührung kommt“, fuhr Jule fort. „Besuche mal eines ihrer Konzerte, wenn du dich gruseln willst. Sie verwandeln völlig normale Menschen in debil lächelnde Schunkelzombies. Bis jetzt habe ich die beiden nur als bizarre Phänomene eines geschmacklosen Zeitgeistes gesehen, aber nach deiner Schilderung komme ich doch ins Grübeln. Vielleicht sind die beiden tatsächlich Vorboten des Untergangs!“

Der Mohr wiegte mit dem Kopf. Das klang zumindest bedenklich. Zwar waren die beiden mit der größeren Wahrscheinlichkeit einfach eine musikalische und ästhetische Entgleisung, aber es konnte zumindest nicht schaden, ihnen die Köpfe abzuschlagen.
‚Better safe then sorry‘, wie die Toffi-Fee immer zu sagen pflegte.

„Es gibt einen Menschen, von dem wir vermuten, dass er die Antworten auf unsere Fragen kennt.“ sagte der Mohr. „Er ist der letzte aus dem Rat der großen Weisen.“

„Dasx Rat der großen Weis*innen?!“ wiederholte Jürgen erstaunt und malte als eine in Fleisch und Blut übergegangene Geste mit dem rechten Zeigerfinger drei schnelle Striche in die Luft. Noch im selben Sekundenbruchteil sprang der Mohr auf und hielt ihm seine Klinge an den Hals.
„Versuche noch ein einziges Mal, einen Zauber gegen mich auszusprechen, und dein Kopf wird die Scheidung einreichen!“ sagte er leise, während Jürgen zum ersten Mal seit seinem 13. Lebensjahr sein überlegenes Lächeln aus dem Gesicht schwand und einem Ausdruck ängstlicher Ahnungslosigkeit Platz machte.
„Was?? Waswas??“
„Jürgen wollte nur korrekt gendern!“ sagte Jule. „Weis … “ mit dem rechten Zeigefinger wiederholte sie Jürgens drei schnelle, sich sternförmig kreuzende Striche “ …innen! Die Rat der großen Weis*innen. Nur echt mit Genderstar. Es geht hier um symbolische Wiedergutmachung von Unrecht, um die Unsichtbarmachung von Frauen in der Sprache!“
„Was soll der Quatsch … ??“ antwortete der Mohr perplex und steckte das Schwert zurück. „Der Rat der großen Weisen bestand seit Anbeginn der dokumentierten Überlieferung ausschließlich aus Männern.“
„Das ist dass, was wir in den Sozialwissenschaften die ’simple Logik‘ nennen.“ antwortete Jürgen, dessen Mundwinkel ob der unerwarteten Chance zu missionieren fast die Ohrläppchen anritzten. „Wenn du sagst, der Rat der großen Weisen bestand nur aus Männer, dann vollziehst du offensichtlich nicht die begriffliche Trennung zwischen dem biologischen Geschlecht; dem Sex; und dem sozialen Geschlecht; dem Gender. Es ist legitim, diese begriffliche Trennung nicht zu vollziehen, aber nicht aus deiner simplen Logik heraus in der Negation dieses Unterschieds, sondern einzig und allein, weil diese Unterscheidung rein artifiziell ist und zurückgeht auf den Kartesischen Dualismus, nämlich die von Descartes begründete philosophische Auffassung, dass Körper und Geist unabhängig voneinander, nebeneinander existierten. Die Trennung zwischen Sex und Gender impliziert, der Mensch bestehe, so wie auch Descartes die Dichotomie zwischen Körper und Geist aufmacht, zum Ersten aus seinem biologischen Geschlecht, das heißt seinem Sex, seinem biologischen, unhinterfragbaren, natürlich gegebenen Körper, und zum Zweiten aus seinem sozialen Geschlecht, das heißt seinem Gender, seinem vom Körper unabhängig quasi frei wählbaren Geschlecht. Aber nicht nur das soziale Geschlecht ist eine Konstruktion, sondern auch das biologische Geschlecht bleibt eine zumindest hinterfragbare Wahrheit oder vielmehr eine kulturelle Interpretation des Körperlichen. Das, was man als Gender leben kann, ist letztlich abhängig davon, welche körperlichen Möglichkeiten man hat, und diese körperlichen Möglichkeiten wiederum sind bereits kulturell interpre … hmm Hhhhmmm HHHHHHMMMMM.“

Jule saß ruhig an der Wand unter ihrem Che-Plakat und war mittlerweile so sehr von dieser Geschichte und diesem außergewöhnlichen Typ fasziniert, dass sie kein Auge für Jürgen hatte, der ihr gegenüber auf seinem Stuhl herumhippelte und krampfhaft versuchte, seine verklebten Lippen auseinanderzuziehen.

„Ich dachte, der Rat der großen Weisen ist ein Ammenmärchen.“ sagte sie. „Eine von der Art Geschichten, die mit: `Es war einmal, vor langer langer Zeit … ´ anfangen und mit ` … und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute´ enden.“

„Nein, keinesfalls, es gibt ihn tatsächlich!“ erwiderte der Mohr. Er drehte sich Jürgen zu, blickte ihn unverwandt an, murmelte den Gegenzauber und legte mit einem bedeutungsvollem Blick seinen Zeigefinger auf die Lippen, begleitet von einem leise gezischelten ‚pst‘. „Beziehungsweise gab es den Rat wirklich. Die letzte Ratssitzung fand vor mindestens vier Dekaden statt. Die „Halle des Wissens“ steht noch, aber der Ratstisch und die Stühle sind verwaist, und die verbliebenen Träger des traditionell überlieferten Weltwissens verstorben, einer nach dem anderen, ohne ihr Wissen weiterzugeben. Alle, bis auf einen. Sein Name ist Georg Meggle, er hatte bis zuletzt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Leipziger Universität inne. Seit Monaten haben wir jede Spur von ihm verloren. Ihr zwei ward seine Schüler und laut unseres Informanten die letzten, die ihn lebend sahen.“

„Redest du tatsächlich von unsx Professorin Meggle?“ fragte Jürgen mit ungläubig geweiteten Augen.
„Nein!“, sagte der Mohr. „Tut mir leid, wenn mein Zauber auch Ihr Hörvermögen in Mitleidenschaft gezogen hat. Ich sprach von Herrn Professor Meggle!“
„Herr Professorin!“, korrigierte Jürgen. „Als Antwort auf die Benachteiligung … “
Der Mohr erstarrte. Wie in Zeitlupe zog er die rechte Augenbraue hoch. Augenblicklich verstummte Jürgen.
„Entspann dich!“, sagte Jule. „Was Jürgen sagen wollte, ist folgendes. An der Uni Leipzig wurde vor drei Jahren beschlossen, in der Anrede ausschließlich die weibliche Form zu benutzen, weil diese die männliche bereits enthält. In ‚Professorin‘ steckt bereits das Wort ‚Professor‘, also sagen wir Herr Professorin!“
„Warum macht ihr so einen Mist?!“, fragte der Mohr fassungslos. Als er sah, dass Jürgen zu einer Antwort anhub, hob er eilig die Hand. „Schon gut, schon gut. Nicht wirklich wichtig. Mich interessiert nur, was ihr mir über den Verbleib Meggles sagen könnt!“

„Wie du schon sagtest, Professor*in Meggle (vorsichtshalber fingerzeichnete Jürgen den Genderstar unterhalb der Tischplatte) ist verschwunden. Gerüchtehalber ist es emeritiert. Ein anderes Gerücht besagt, dass er sich einx zu junge Mensch als Geliebt*in genommen hat und fliehen musste. Es gibt eine Menge Gerüchte über Professor*in Meggle – und es gibt ein Gerücht über die Herkunft dieser Gerüchte! Willst du es hören?“

Der Mohr nickte.

„Es wird gemunkelt, dass der Leipziger Geheimdienst diese Gerüchte verbreitet.“ sagte Jürgen. „Meggle hielt jeden Montag ein kritisches Diskussionsforum in den Gebäuden der Universität, die sogenannten Montagsgespräche, welche ein immer größeres Echo unter den jungen Leuten hervorriefen. Es wird gemunkelt, dass Wurmstich ihn kurzerhand in den Dunklen Turm warf.“
„Was hat es mit diesem dunklen Turm auf sich?“
Jürgen und Jule schauten sich an.
„Der Kerker“, sagte Jule unbehaglich. „Ein unheimliches Gebäude! Gleich hinter dem Dunklen Turm befindet sich der größte Friedhof unserer Stadt. Ein Schelm, der Arges dabei denkt!“
„Wie komme ich dort rein?“
„Nicht das reinkommen ist ein Problem, sondern das rauskommen!“ sagte Jürgen mit zynischem Lächeln. „Ich könnte dir auf die Schnel … “
Plötzlich leuchtete der Schein unzähliger blauer Rundumleuchten durch die Fenster und schrille Sirenen zerrissen die Luft.
„`Conne Island´ ist umstellt, kommen Sie mit erhobenen Händen ins Freie!!“ ertönte eine donnernde Stimme. „Wir haben eine einstweilige Erschießung … äh, Verfügung, gegen Herrn Jürgen Knasteck und Frau Jule Schraube durchzusetzen und wissen, dass sich die genannten Personen sich aufhalten!“

Der bis jetzt still vor sich hindösende Kalimero sprang auf und trommelte sich gegen die Brüste.

„Ugh ugh ugh!“ kreischte er aufgeregt und sprang im Kreis hin und her. Die Tür zum Tanzsaal ging auf und der Barhüter kam herein.
„Das sind Vierschrots Leute!“ rief Gakgak. „Ihr müsst fliehen!“
Kalimero stürmte unter lauter Gekreisch zum Eingang, wo die anderen Gorillas vom Saalschutz schon schreiend auf den Rücken der bewaffneten Stadtwachen hockten, ihnen die Pickelhauben klauten und sie sich gegenseitig zuwarfen. Mit verbissenem Gesicht schwang sich Kalimero auf einen Unterzugführer und versuchte, ihm den Kopf abzuschrauben.

Die Konzertbesucher rannten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen hin und her. Einige riefen laut: „Keine Gewalt, keine Gewalt!“, während sie dabei mit Schnapsflaschen und Bierbänken nach den Beamten warfen, die anderen zündeten Kerzen an, bildeten Lichterketten und sangen inmitten des Schlachtenlärms laut und inbrünstig ‚Kumbaya'“

„Wir müssen los!“ rief Jule, packte den Mohr am Puffärmel und zog ihn zum Schrank. Sie drückte einen in der Wand verborgenen Mechanismus, und der schwere Schrank schwang zur Seite und gab einen Bergwerksstollen frei, düster beleuchtet, abgestützt mit geteerten Balken, modrig riechend.
„Hier kommen wir im Auenwald raus, genau auf der anderen Seite der Pleiße“
Der Mohr betrat den Tunnel, als ihm plötzlich ein Gedanke kam.
„Wohin bringen sie die Gefangenen?“
„In den Dunklen Turm“
„Perfekt!“ sagte der Mohr und trat zurück. „Genau da wollte ich hin. Ihr verschwindet, ich werde euch finden, wenn ich euch brauche.“

Ohne zu zögern und ohne sich weiter Sorgen um den Mohr zu machen – warum auch – verschwanden Jule und Jürgen im Stollen und ließen von der anderen Seite den Schrank wieder in seine Ausgangsposition zurückfahren, dass Loch in der Wand komplett verdeckend. Der Mohr lief in aller Seelenruhe durch die sich gegenseitig wild klopfenden Kombattanten, trat nach draußen und lief gradewegs auf die große Kutsche zum Abtransport der Gefangenen zu. Ein überraschter Polizist stellte sich ihm in den Weg.
„Ich dachte mir, zeitiges kommen sichert die besten Plätze!“ strahlte ihn der Mohr an und überreichte sein Krummschwert. „Passen Sie bitte gut darauf auf. Es kann ohne mich viel Schaden anrichten!“
Dann bestieg er, ohne eine Antwort abzuwarten, die Kutsche und setzte sich nach vorne neben das Fenster, um in aller Seelenruhe das Ende der Schlägerei und den Abtransport der Gefangenen abzuwarten.
Kapitel 3

Eine junge Frau, eher noch ein Mädchen, lief die Erich-Zeigner-Allee entlang. Es war warm, geradezu drückend schwülwarm. Ein leiser Wind blies und die sich sanft wiegenden Kastanienblätter ließen hunderte grelle sonnige Lichtpunkte über das schattige Pflaster der Erich Zeigner Allee tanzen. `Wie schwebende Elfen auf einer dunklen Waldlichtung!´ dachte das Mädchen beglückt.
Die meisten Einheimischen hasteten achtlos vorbei – Zeit ist Geld, wie es im geschäftstüchtigen Leipzig so schön hieß – aber das Mädchen genoss auf dem Weg zu ihrer Arbeit dieses Schauspiel, den Duft der Blumen und die Paarungstänze der Schmetterlinge, welche in wahren Myriaden zwischen den altehrwürdigen Kastanienbäumen und den vorbeirasenden Kutschen hin- und herflatterten. Sie passierte die Kirche `Heilige Mutter der letzten Tage´, überquerte in Höhe der 47. Grundschule auf einem quer über die Fahrbahn gespannten Zebrafell die Straße und hielt sich in Richtung Karl-Heine-Kanal. Trotz der Hitze trug sie ein langes weißes Kleid, ein altmodisches rotes Häubchen und einen Korb, in dem sich wie jeden Tag Kuchen und eine Flasche Rotwein befanden. Entgegenkommende Passanten wichen dem Mädchen in weitem Bogen aus, was allerdings nicht an ihr lag, sondern an dem Tier, dass sie an einer ledernen Leine mit sich führte. Es war ein außergewöhnlich großer und wild aussehender Hund, mit fletschender Zähnen, gelben bernsteinfarbigen Augen und langen Speichelfäden, die von seiner spitzen Schnauze herunter sabberten. Wenn man nicht gewusst hätte, dass dies unmöglich der Fall sein konnte, hätte man den Hund für einen Wolf halten können. Das Mädchen erreichte den Karl-Heine-Kanal, bestieg eine dort wartende Gondel und ließ sich vom Gondoliere, wie sie ein geheimer Mitarbeiter der US-Botschaft, die Hand reichen.
„Zur Ähmbessy?“ fragte der Mann. Das Mädchen nickte, nahm die helfende Hand des Gondolieres und betrat das schwankende Boot. Anmutig raffte sie ihr Röckchen und setzte sich auf die Sitzbank in der Mitte der Gondel. Der Wolf, ein solcher war es tatsächlich, ließ sich zu ihren Füßen nieder und beobachtete missmutig die langgestreckten ehemaligen Fabrikgebäude entlang des Kanals, die schon vor Jahren zu Penthouse-Wohnungen für die Schönen und Reichen der Stadt umgebaut worden waren.
Der Gondoliere stieß sein lange Stange in den schlickigen Grund, um das Schiff vom Ufer abzustoßen, schob seinen runden Strohhut mit dem hübschen Bändchen ins Genick, holte tief Luft und hob an zu singen.
„Oh sole mio …“
„Halt die Schnauze, du Penner!“ knurrte der Wolf, ohne seinen Kopf zu heben. „Ich bezahle dich nicht fürs Jodeln!“
Der Gondoliere verstummte abrupt, während der Wolf mit zusammengekniffenen Augen eine Straßenbahn beobachtete, die gerade über die vor ihnen liegende Brücke über den Kanal hinweg rumpelte. Normalerweise sprach er nie in der Öffentlichkeit, aber zu dieser frühen Tageszeit konnte er schon mal riskieren, den Mund aufzumachen, da sich noch keine Ausflügler auf dem Wasser befanden. Schweigend bogen sie in einen kleinen Nebenarm ab, wo sie schließlich vor der Rückseite einer prachtvollen Gründerzeitvilla zum Stehen kamen. Ein Zwerg, welcher die kleine eiserne Pforte oberhalb des Steges bewachte, legte seine Waffe, (eine kleine Bergarbeiterpicke, mit der er furchtbare Wunden schlagen konnte – allerdings nur bis in Kniehöhe) beiseite und eilte zur Anlegestelle, um das Boot an Land zu ziehen.
„Guten Morgen, Botschafter!“ grüßte der Zwerg ehrfürchtig, als Rotkäppchen und der Wolf das Ufer betraten.
„Guten Morgen, Schlafmütz!“ schnarrte der Wolf zurück und ließ sich auf dem Steg nieder, wo er sich hingebungsvoll die Eier leckte. Während Rotkäppchen peinlich berührt in die andere Richtung blickte, starrten Schlafmütz und der Gondoliere ihren Chef mit einer Mischung aus fasziniertem Ekel und unterschwelligen Neid an.
Der Wolf schüttelte sich kurz und stand auf.
„Wo sind die anderen sechs von deiner Schweinebande?“
„Brummbär und Himpel laufen Streife, Seppel und Hatschi schieben vorne am Haupttor Wache, Torte und Zacke haben heute ihren freien Tag und dieses Schneeflittchen flirtet schon wieder mit dem Werwolf rum“, sagte Schlafmütz. Der Wolf erstarrte. Kein Zweifel. diesen leisnörgelndverzweifelten Ton kannte er. Eifersucht! Der kleine Scheisser war verknallt! Verdammte Axt! Wie oft hatte er seinen Leuten eingetrichtert, keine Liebeleien auf Arbeit anzufangen! Wie oft, wie oft, wie oft!!! Wie oft hatte er diesen einen Satz wiederholt und ihn sich wiederholen lassen! Dieses Schneewittchen, die den ganzen Tag offenbar nichts anderes zu tun hatte, als sich in lasziven Posen zu präsentieren und seinen Angestellten mit ihren unschuldigen braunen Kuhaugen den Verstand zu verwirren, wurde langsam ein echtes Problem!
„AaaWuuuuuuuuhhh!“ brüllte er seinen Frust dem armen Schlafmütz mitten ins Gesicht. Dieser stand wie vom Schlag gerührt vor dem weit geöffneten Maul des Wolfes und traute sich nicht, den Speichel abzuwischen, der sich wie ein feiner Nebel aus übelriechenden Schleim über sein Gesicht gelegt hatte.
„Wie lautet hier in meiner Botschaft die Regel Nummer eins?!“ fragte der Wolf schneidend.
„Friss nicht da, wo du scheißt!“ antworteten seine Angestellten erschrocken wie aus einem Mund.
„WIE??? ICH KANN EUCH NICHT VERSTEHEN!!!“
„FRISS NICHT DA; WO DU SCHEISST, SIR!“
Der Wolf nickte befriedigt. Na bitte, das Wissen war doch da, es musste nur noch beherzigt werden! Nichts auf diesem Planeten war schließlich einprägsamer, kürzer und prägnanter als Wolfsregeln!
Auf sein Kopfnicken öffneten der Zwerg die gusseiserne Pforte. Rotkäppchen löste die Leine und der Wolf betrat sein Reich. Ein mit Kieselsteinen bedeckter Weg führte durch einen kleinen Park. Der Gärtner, ein alter, ewig meckernder Ziegenbock, nickte dem Botschafter furchtsam zu und schnippelte mit doppelter Geschwindigkeit an einer Hecke herum, wobei ihm vor Eifer die Zunge aus dem Hals hing. Der Wolf nickte kurz zurück.
„Moin, Chef!“ grüßte eine mitten im Rhabarberfeld stehende Vogelscheuche von ihrem hohen Pfahl herunter.
„Moin, Scheuch!“ knurrte der Wolf zurück und betrachtete gereizt das breite Grinsen der Vogelscheuche. Der Strohkopf sollte lieber Krähen verjagen, als blöd in der Gegend rumzugrinsen! Er betrat die Treppe aus schwarzweiß geädertem Marmor, die zu einer großen Veranda hinauf führte, setzte sich an den Pool und ließ sich von der Bedienung, einer fingergroßen Fee, einen Caipirinha bringen.
„Hier bitte, eure Exzellenz!“ säuselte diese und flatterte vor lauter Aufregung so schnell mit den Flügeln, dass es wie das Surren eines ganzen Bienenschwarms klang.
„Danke!“ sagte der Wolf und versuchte ein Lächeln.
„Er hat mich angesehen, er hat mich angesehen!“ zwitscherte die Fee beglückt und flatterte von dannen.
Der Wolf blickte ihr nach und schüttelte nur stumm mit dem Kopf.
`Muss an der Hitze liegen!´, dachte er. `Hitze macht diese verdammten Weiber immer total fickrig!´
Er streckte sich im Liegestuhl aus, steckte den Strohhalm zwischen seine langen spitzen Zähne und nuckelte genüsslich an seinem Drink. Dreiviertel Zehn, er hatte noch fünfzehn Minuten Zeit bis zur angesetzten Telefonkonferenz.
„AaahhWuuuuuuhhh!“ ließ er wieder sein lang gezogenes Heulen ertönen, diesmal vor lauter Wohlbehagen. Mit einem Geräusch, dass wie das Schnorcheln einer Wasserpumpe klang, schlürfte er die Reste der Caipirinha aus, setzte das Glas auf dem Tisch ab und erhob sich. Konnte nicht schaden, als Erster im Besprechungsraum zu sein. Als Chef hatte man schließlich eine gewisse Vorbildfunktion.
„Noch eine Caipi, Exzellenz?“ fragte die Fee und flatterte wie ein liebestoller Kolibri um seinen Kopf herum.
„Danke Glöckchen, aber du weißt doch, was die Toffi-Fee davon hält, wenn ich mich schon am frühen Morgen zulaufen lasse“ antwortete der Wolf seufzend. „Bring mir ’ne Cola!“
Glöckchen verharrte drei Sekunden in der Luft und starrte den Botschafter ungläubig an.
„Ach, scheiß drauf“ sagte der Wolf. „Noch ne Caipi, und sage dem Schrotthaufen, dass er seinen Hintern in mein Zimmer schwingen soll!“
Er setzte sich in Bewegung, schob mit seiner spitzen Schnauze die wehenden weißen Gardinen zur Seite und trat durch die vier Meter hohen Flügeltüren in das Innere des Gebäudes. Durch die verspiegelten Glasscheiben konnte er die Menschen erkennen, die sich jetzt schon, eine Dreiviertelstunde vor Beginn der offiziellen Öffnungszeit der Botschaft, vor dem Haupttor eingefunden hatten. Er musterte kurz die Gesichter. Wie immer schienen es hauptsächlich Studenten zu sein, die sich um eine Greencard bewerben wollten. Am Empfang saß Fränk, der Militärattache, ein dreiundfünfzigjähriger Werwolf, und unterhielt sich angeregt mit einer wahren Schönheit von Frau. Dunkelhaarig, blasser vornehmer Teint, Kleider aus feinstem Tüll, ein gar liebliches Gesicht und braune Augen, die den Männern an seiner Botschaft nicht nur die Augen feucht werden ließ.
Der Wolf schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale, drehte ihn mit einer geradezu unheimlichen Kraft in der Mitte durch und unterbrach rüde das glucksende Gelächter der Frau.
„Hallo Süße, Appetit auf ’nen halben Apfel?!“
„Tzzzeee!“ antwortete Schneewittchen beleidigt und schwirrte ab.
„Seien Sie nicht immer so grob, Exzellenz!“ sagte Fränk. „Die Arme findet das nicht lustig – schließlich hat sie sich drei Tage die Seele aus dem Leib gekotzt!“
„Mir doch egal!“ sagte der Wolf und verschnurpste genüsslich den Apfel. „Manchmal wünschte ich mir, wir hätten ihr nicht den Magen auspumpen lassen!“
Er musterte Fränk. Für einen Uneingeweihten war der Militär-Attachee nicht als Werwolf zu erkennen. Eher war er ein gemütlicher, etwas zu dicklicher Typ, der in der Botschaft wegen seiner sanften Art wohlgelitten war. Nur in Vollmondnächten wurde Fränk echt zum Tier und musste in das Kellerverließ gesperrt werden.
`In drei Tagen ist es wieder soweit!´ dachte der Wolf mit sorgenvollen Blick auf den Mondkalender.
„Kommst du gleich mit in mein Büro?“
„Natürlich, Exzellenz!“ erwiderte Fränk und folgte dem Wolf. Sie stiegen über eine breite Steintreppe, die mit einem dicken roten Teppich ausgelegt war, in das Erste von insgesamt drei Stockwerken. Dort wendete sich der Wolf nach links, betrat den langen Gang und blieb vor dem Mittleren von fünf Zimmern auf der rechten Seite stehen.
‚Konferenz-Raum‘, kündete ein schweres Messingschild von der Wichtigkeit dieses Zimmers. Es war das einzige abhörsichere in der ganzen Botschaft. Der Wolf legte seine rechte Vorderpfote auf den Handscanner, wobei er seine Klauen unnatürlich weit abspreizen musste, damit seine Finger in die ausgeformten Mulden passten.
„Guten Morgen, Herr Botschafter!“ säuselte eine Computerstimme und mit einem leisen Zischen wurde die Tür geöffnet. Die beiden betraten den Raum und setzten sich an den darin befindlichen Nierentisch. Nur eine Minute später ließ sich erneut das Zischen vernehmen und der eiserne Holzfäller betrat den Konferenzraum.
„Hallo Fränki, hallo Wolfi!“ grüßte er und schritt mit schweren, wie eingerosteten Schritten auf den Tisch zu. Der Wolf schnaubte leise, blieb aber stumm. Wenn er schon in der ganzen Stadt wie ein verdammter Hund behandelt wurde, legte er wenigstens in seinen eigenen vier Wänden großen Wert auf die Anrede `Exzellenz´. Aber er hielt die Schnauze, schließlich hatte ihm der eiserne Holzfäller einst das Leben gerettet. Damals im Dschungel, als sie gemeinsam Charly jagten. Da hatte man schon Anspruch auf gewisse Privilegien.
Das Gegensprech-Anlage klingelte. Der Wolf nahm ab.
„Ja, komm rein!“ sagte der Wolf und drückte auf den Summer. Die Tür ging zischend einen Spaltbreit auf.
Es klingelte erneut.
„Ich sagte doch, komm rein, verdammt noch mal!“ blaffte der Wolf schlechtgelaunt in die Muschel.
„Ich bin doch schon drin“, antwortete Glöckchen, während sie ein Tablett auf ihren Kopf bugsierte, das mindestens fünfzigmal so groß wie sie selber war. Sie stellte es laut polternd auf den Tisch ab und schwirrte beleidigt davon. Der Wolf hielt sich den Hörer wieder an das Ohr, sagte „Ja?“ und lauschte.
„Auch das noch“, seufzte er schließlich, hängte auf und verteilte die Drinks, welche Glöckchen gebracht hatte. Er selber stellte sich seine eiskalte Caipi auf den Platz, gab dem eisernen Holzfäller sein Glas mit allerfeinstem Motorenöl – SAW 0W30 – und reichte Fränk mit einem prüfenden Blick seine Bestellung.
`Rotwein ist es garantiert nicht!´ dachte der Wolf, der sich mit Alkoholika wirklich auskannte. `Vielleicht Blutorangensaft?´ Misstrauisch beobachtete er, wie Fränk das Glas in einem Zug leerte. Bei diesen verdammten Werwölfen konnte man niemals hundertprozentig sicher sein, vor allem, wenn die Nacht der Nächte so unmittelbar bevorstand.
Die Tür ging erneut auf, und nacheinander betraten Baba Jaga, der Yeti und eine Stenotypistin den Raum und nahmen Platz. Der Wolf nickte. Es konnte losgehen. Er drückte auf einen Schalter unter seinem Platz. Eine Luke im Boden klappte auf, und mit einem summenden Geräusch schob sich eine massive Metall-Säule in den Raum, auf deren Podest ein nagelneues Siemens Mobiltelefon der neuesten Generation lag – nirgendwo in der Botschaft gab es eine gelungenere Symbiose zwischen Magie und Hightech.
„Toffi-Fee“, sprach der Wolf laut und deutlich, das Handy wählte eine Nummer und ein Klingeln erklang.
„Schießt los, was habt ihr über das Gebäude herausgefunden?“ hörte er die tiefe Stimme seiner Herrin.
„Nicht viel“, antwortete der Wolf. „Es ist Magie im Spiel, so viel ist sicher, aber eine uns unbekannte Form von Magie.“
„Tiefdunkelrabenschwarze Magie, wenn ihr mich fragt“, krächzte Baba Yaga, die es wissen musste, da sie über pechschwarze Magie promoviert hatte. „Ich habe mein ganzes Zauberbuch hoch und runter gesprochen, um das Ding wieder im Nirwana verschwinden zu lassen, und es ist nicht das Allergeringste geschehen.“
„Auch mit physischer Gewalt konnten wir uns keinen Zutritt verschaffen“, sagte der eiserne Holzfäller, der die Nacht davor gemeinsam mit dem Yeti versucht hatte, von der Bahndammseite in den Gebäudekomplex einzusteigen. „Wir sind noch nicht mal bis zur Mauer gekommen! Es war, als ob man gegen ein Gummiband läuft!“
„Frustrierend!“ seufzte die Toffi-Fee in den Hörer. „Was ist mit Buratino geschehen?“
„Mission impossible“, sagte der Wolf und blickte den Militärattache vorwurfsvoll an. „Abgesehen davon, dass ich Selbstmordattentate generell ablehne – schließlich sind wir hier nicht in BackdatBrot – stellt sich hier doch die Frage, inwieweit es sinnvoll war, Burantino mit einem Kleintransporter voller TNT loszuschicken – und dann auch noch fett ‚TNT‘ auf das Auto zu malen!“
„TNT ist hier in Ping-Pong nun mal der größte Paketlieferservice“, verteidigte sich der Werwolf.
„Ja klar, fragt sich nur, ob sich das auch schon bis in die Nebenhöhle des Universums rumgesprochen hat, aus der diese Kreaturen gekrochen sind!“
„Hinterher ist es immer leicht, klug zu schnacken, Exzellenz“, erwiderte Fränk spitz, worauf der Wolf ein drohendes Knurren erhob und seine Lefzen zeigte.
„Kinder, vertragt euch!“ sagte die Toffi-Fee. „Wir haben hier ein sehr ernstes Problem zu lösen!“
„Buratino hat sich samt dem Kleinlaster einfach in Luft aufgelöst“, sagte der Wolf kopfschüttelnd. „Er stand an der Schranke, plötzlich fing die Luft an zu flimmern, und peng, weg war er!“
„Dass diese Typen uns beim Thema Magie den Schneid abkaufen, ist beunruhigend“, sagte Baba Jaga „Aber am beunruhigendsten ist, dass sich niemand über das Ding auch nur im Entferntesten zu wundern scheint! Die Ping Ponger benehmen sich, als hätte es schon immer dort gestanden. Es ist bei niemanden auch nur eine Spur Verwunderung zu spüren.“
„Könnt ihr denn nichts in eurem mächtigem Zauberspiegel erkennen, Majestät?“ fragte der eiserne Holzfäller.
„Nein!“ seufzte die Toffi-Fee. „Nein, verdammt nochmal, dass kann ich eben nicht! Seit einer Woche sehe ich nur noch Nebel und giftgrüne Schlieren, sobald ich meinen Blick nach Ping-Pong richte. Hier sind massive Interferenzen am Werk! Aber ich habe euch die Kavallerie geschickt. Ist mein Möhrchen inzwischen eingetroffen?“
„Wie’s aussieht, ist aus der Kavallerie eine leichte Infanterie geworden, und keiner weiß, wo die gerade ihre Manöver abhält“, sagte der Wolf gereizt. Er konnte den Mohr auf den Tod nicht ausstehen. Aber das hatte nichts weiter zu bedeuten, da der Wolf niemand ausstehen konnte. „Ich habe gerade einen Anruf bekommen, dass sein Pferd Roxxy bei uns vor der Pforte steht und mich zu sprechen wünscht. Angeblich ist der Mohr diese Nacht nicht aus `Connes Island´ zurückgekehrt.“
Stille in der Leitung.
„Das ist schlecht“, sagte die Toffi-Fee leise. „Wenn der Mohr ausgefallen ist, bleibt mir nur noch eine Option offen. Offensichtlich ist mein Personal vor Ort nicht in der Lage, die Situation unter Kontrolle zu kriegen. Ich werde einen Tarnkappen-Dumbojet mit dem SAS nach Leipzig schicken. Die Jungs sind Profis. Lautlos reingehen, lautlos zuschlagen, lautlos verschwinden.“
Schlagartig herrschte Ruhe im Sitzungssaal der US-Botschaft. Kreidebleich tauschte Baba Jaga einen entsetzten Blick mit dem Yeti, während der Botschafter seinen trüben Gedanken nachging.
`Profi-Killer, dass sind die Jungs“, dachte er und die Angst schnürte sein Herz ab. `Lautlos reingehen, alle Lebewesen mit weniger als fünf und mehr als einem Bein umbringen, lautlos abhauen! Ausnahmen werden nur für Spinnen, Käfer und Menschen mit Beinamputationen gemacht!“
„Ist das euer Ernst, Majestät?“ fragte er schließlich mit zitternder Stimme. „Ihr wollt den Späschel Air Service zum Einsatz bringen?“
„Es geht nicht anders“, sagte die Toffi-Fee ernst. „Die Welt sieht sich mit der größten Bedrohung seiner Geschichte konfrontiert. Ich als die Hüterin der Magie und Oberbefehlshaberin der Streitkräfte habe bereits die nötigen Befehle unterzeichnet. Bis der Dumbojet eintrifft, lautet euer Befehl: Beobachten und nicht eingreifen! Gott schütze uns in dieser schweren Stunde! Aus und Ende.“
Seufzend schaltete der Wolf das Handy aus. Das verdammte SAS war auf dem Weg! Wer weiß, vielleicht würde der eine oder andere Einwohner Leipzigs auf den Gedanken kommen, dass dieser verwunschene Schlachthof verglichen mit dem SAS das kleinere Übel gewesen wäre …
Der Wolf kippte seine Caipirinha hinter. Kopfschmerzen!! Die ganze Sache verursachte ihm richtig böse Kopfschmerzen!! Am Besten, er würde heute Frei nehmen, ins Bett hauen, ’ne Packung Aspirin plus Betablocker nehmen und so viel Bier trinken, bis in seinem Kopf das Platzen der Kohlensäurebläschen so schön noisy klang wie eine große Seifenblase, die direkt neben dem Ohr zerploppt.
`Genau das werde ich tun´, dachte der Wolf und starrte sehnsüchtig auf seine Hausbar, die sich praktischerweise direkt neben der schweren Ledercouch befand. `Es muss doch schließlich auch seine Vorteile haben, Chef zu sein und soviel Verantwortung zu tragen.´
Er drehte sich zu seinen Mitarbeitern um und sprach das Lieblingswort aus seiner zehnjährigen Zeit beim Militär.
„Wegtreten, Männer!“

Zur selben Zeit saß mitten in der Innenstadt von Leipzig, am Ufer eines kleinen Teiches direkt hinter der Oper, eine ältere korpulente Frau auf einer Parkbank. Ottilie, so der Name der Frau, war gerade erst mit der Dampflok in der Messestadt angekommen, auf der Suche nach ihren Jungs (Ottilie selbst bevorzugte die Redewendung `zwei Nichtsnutze´, sobald die Rede auf ihre Kinder kam), die ihr vor zwei Tagen stiften gegangen waren.
„Einfach ihre arme alte Mama im Wald sitzen gelassen“, brummelte Ottilie verletzt und spuckte ins Wasser. „Verdammte Nichtsnutze, kommt ihr mir nur in die Finger!“
Keiner der zahlreich vorbeiziehenden Passanten schien Ottilie zu bemerken – was sicher auch damit zusammenhängen konnte, dass sie ihren ganzen Besitz mit sich führte, vier große Plastiktüten, verstaut in einem Konsum-Einkaufswagen, den sie auf dem Hauptbahnhof geklaut hatte. Ihr Haar war fettig und zerzaust, ihre schäbigen Kleider schmutzig, und sie brabbelte immerzu wirres Zeug wie: „Hier, meine Süßen“, „Lasst es euch schmecken, meine Süßen!“ oder „Werdet schön fett, meine Süßen!“, während sie die Teichenten mit Brotresten fütterte. Nein, mit solchen Leuten wollte niemand in Leipzig etwas zu tun haben, man konnte schließlich nie wissen, ob diese Art Leute einen nicht um Geld anbetteln oder gar ein Jahresabo des Kulturmagazins `Der Kreuzer´ andrehen wollten.
„Wolln wer doch mal guggen, ob mor nich noch ä bisschen was von den leggren Gägsen ham“, murmelte die Frau und wühlte mit der rechten Hand in der Tasche ihrer Kittelschürze herum, als ihr Blick auf eine schwarze Lieferkutsche mit dunkel verglasten Scheiben fiel, die direkt auf der anderen Seite des kleinen Teiches, unmittelbar vor dem Eingang zum Kroch-Hochhaus, zum Halten kam. Vier durchtrainierte Männer mit Bürstenschnitt, dunklen Anzügen und Sonnenbrillen stiegen aus. Mit einer Geschwindigkeit, die auf ein gut eingespieltes Team schließen ließ, bauten sie eine große Leinwand samt Boxen auf. Zufrieden begutachteten sie ihr Werk. Einer der vier Männer, der kleinste und älteste, holte einen merkwürdigen Gegenstand, doppelt so lang wie eine Zigarettenschachtel, schwarz und mit vielen bunten Knöpfen, aus seiner Jackentasche, richtete ihn auf den Großbildschirm und drückte eine der Tasten. Es flackerte, die Boxen knarzten, und zu einem kristallklaren „Schalalalala, wie ist das Leben schön!“ erschien ein Kinderchor auf dem Bildschirm. Ottilie, die alte Frau, bemerkte eine merkwürdige Veränderung der Passanten. Diese blieben stehen, drehten ihre Köpfe in die Richtung, aus der die Musik kam, und in kleinen zögerlichen Schritten schlurften sie von allen Seiten wie eine Schar Roboter auf den Bildschirm zu, wo sie sich unterhakten, schunkelten und „Schalalalala, Lala, Lala!“ mitsangen.
„Was gedn da ab?“ murmelte Ottilie in ihr gar nicht so kleines Damenbärtchen und nutzte den kleinen Moment der absoluten Unachtsamkeit ihrer Umwelt, um dem ihr aus der Hand fressenden weißen Schwan blitzschnell den Hals umzudrehen und ihn in den leeren Kohlensack zu stopfen, den sie für solche Zwecke immer dabei hatte.
„Jetzt geht es los, mit ganz großen Schritten … “, schallte der nächste Gassenhauer über das einst so stille Wasser. Während sie zu ihrem Wägelchen schlurfte und den Beutel mit ihrem Sonntagsbraten unauffällig unter ihren Plastiktaschen zu verstecken suchte, musterte Ottilie verblüfft die gut drei Dutzend Männer und Frauen, welche sich wie auf Kommando hintereinander aufreihten, sich gegenseitig die Hände auf die Schultern legten und juchzend eine Polonaise um den Teich legten. Befriedigt nickten die Männer in den dunklen Anzügen. Ihr Anführer drückte auf eine Taste des komischen Plastikteils in seiner Hand, der Bildschirm wurde wieder schwarz, die Musik verstummte. Ohne sich auch nur im geringsten um die Leute zu kümmern, verstauten die vier Männer ihr Equipment in ihrer schwarzen Kutsche und verschwanden.
Ottilie, die mit ihrem Einkaufswagen direkt am Weg stand und aus dem Staunen gar nicht wieder rauskam, sah die Schlange aus Menschenleibern direkt auf sich zukommen. Zuerst ungebremst und dann immer langsamer werdend.
„ … mit ganz großen Schritten, und Erwin fasst der Heidi von hinten an die Titten“, krähte fröhlich das Schlusslicht, ein dreizehnjähriger Junge.
„Ferkel!“, schrie die füllige Blondine vor ihm, nahm ihre Hände von den Schultern ihres Vordermannes und knallte dem Knaben einen saftigen Watschen ins Gesicht.
„Aua, das sage ich meiner Mama!“ greinte dieser, ließ von ihren Brüsten ab und rannte in Richtung Hauptbahnhof davon, gefolgt von der wütend mit ihrer Faust fuchtelnden Frau.

Ottilie hatte genug gesehen.
„Furschtbor, dasmo als anständscherer Bürscher nich mal dagsüber in den Bark gen kann, ohne von solchen Tippelbrüdern belästscht zu wern!“ brabbelte sie vor sich hin und schob ihren Wagen an der Schlange vorbei, säuerlich den Leuten einem nach den anderen in ihre glasigen Augen blickend. Es war unheimlich, die Leute standen einfach stumm hintereinander, hielten sich gegenseitig an den Schultern gefasst und starrten auf die Stelle, wo bis vor kurzem die Leinwand gestanden hatte, als erwarteten sie von dort irgendwelche Anweisungen.
„Wass’n los, ihr wartet wohl of ’ne Eenladung?!“ schnaubte Ottilie verächtlich, als ihr Blick auf ein Schild neben der Leinwand fiel.

Sensation!!!
Der Start in das neue Medienzeitalter beginnt am Sonntag mit einer Live-Übertragung des Volksmusikspektakels `Ping Pong singt´ aus dem Zentralstadion. Eintritt und Getränke spendiert Ihre Landesmedienanstalt! Hereinspaziert, hereinspaziert!!

„Soweid kommds noch“, brummte Ottilie. „Machd mor ja nich meine Enten wuschisch mit eurem Rumgehoppse!“ Beseelt vom Eifer der wahren Tierfreunde, trat sie gegen das Werbeplakat, als sie plötzlich von weitem zwei Büttel der Stadtwache heranschlendern sah. Eilig wendete sie ihren Wagen und war eine halbe Minute später im Gewühl des `Weihnachtsgans-Auguste-Platzes´ verschwunden.

„Ist Ringelpietz strafbar?“ fragte Haumeister Nieblütz und starrte zwischen der unbeweglichen menschlichen Schlange und seinem Vorgesetzten hin und her.
„Keine Ahnung“, brummte Oberhaumeister Ehrlicher und marschierte die Schlange zweimal hoch und runter, dabei laut mit dem Gummihammer in seine offene linke Hand klatschend. Er war ratlos. Das waren ihrem Aussehen nach stinknormale Bürger, und stinknormale Bürger zuckten normalerweise zusammen und zogen ihren Kopf ein, wenn er auf Streife dieses Geräusch machte. (Er machte es ziemlich oft.) Schließlich blieb er am Kopf der Schlange stehen, steckte den Gummihammer in die Scheide und zog sein Megafon hervor.
„Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter!“ schallte es laut durch den Park hinter der Oper. Die Schlange schien aus ihrer Kältestarre – oder was immer es war – zu erwachen und zerfiel wieder in ihre Einzelteile. Hände lösten sich von Schultern, Farbe kehrte in bleiche Gesichter zurück, Augen wurden wieder klar. Beschämt und benommen musterten sich die Leute, die vor fünf Minuten noch eine ausgelassene Polonaise um den Ententeich getanzt hatten, und eilten wortlos in alle Richtungen auseinander.
`Ungenemigte Fersamlung aufgelöst´, kritzelte Oberhaumeister Ehrlicher stolz in seine Kladde. Schon jetzt dreiundzwanzig Punkte zum Abrechnen, und die Schicht hatte doch gerade erst begonnen! Jetzt noch drei Falschparker vor die Flinte kriegen, und er hätte sein Geld für heute drinne!
„Es zahlt sich halt aus, wenn man gut ist“, murmelte er glücklich und tastete nach dem Griff seines Gummihammers, welcher ihm dieses unbeschreiblich erotische Gefühl der Stärke und Überlegenheit gab.
„Käffchen?“ fragte Haumeister Nieblütz hoffnungsfroh.
„Käffchen!“ bestätigte Ehrlicher, und gemeinsam marschierten sie zurück in ihr Revier in der nahe gelegenen Ritterstraße.

„Was zum Teufel geht hier vor?“ schrie Wurmstich und knallte, außer sich vor Zorn; die Geheimdienstakten auf seinen Schreibtisch. Die ganze Stadt war offensichtlich am Ausflippen! Hinter der Oper, am Leuschnerplatz, auf dem Blauen Wunder, im Clara-Fettkinn-Park, überall versammelten sich spontan Menschenmassen und ließen die Kuh fliegen.
„Wir wissen es nicht!“ antwortete EM.
„Noch nicht!“ beeilte er sich hinzuzufügen, als er den flammenden Blick seines obersten Dienstherrn sah. „Aber meine Leute sind über die ganze Stadt ausgeschwärmt und ermitteln in alle Richtungen. Vielleicht irgendeine neue Psychodroge, als Aerosol über die Stadt versprüht oder im Trinkwasser verteilt … ?“
Wurmstich brummte nur vor sich hin. Ausschließen konnte man zum jetzigen Zeitpunkt nichts.
`Leipzig ist eine verrückte Stadt!“ dachte Wurmstich. `Ist’s und war’s schon immer gewesen. Aber gestern … ?! Sorry, dass war einfach zu viel! Die ganze Stadt ein Tollhaus, und ich hab’s nicht genehmigt!´
„Jede Wette, dass dieser verdammte Mohr dahinter steckt!“
„Eher unwahrscheinlich.“ sagte EM. „Die Stadtwache hat den Mohr gestern bei ihrer Razzia im ´Connes Island´ verhaftet und in den Dunklen Turm gebracht.“
`Na bitte, es geht doch!´ dachte der Schatzmeister. `Offensichtlich ist Vierschrot doch fähiger, als ich dachte!´
„Wir können ihn dort natürlich nicht ewig festhalten!“ sagte Wurmstich. „Die Toffi-Fee flippt aus, sobald sie es erfährt. Aber immerhin wissen wir offiziell noch gar nicht, dass es sich um den Mohr handelt – und so lange schmort der Knabe! Aber wer könnte sonst noch für das Chaos verantwortlich sein?“
„Wir ermitteln in alle Richtungen!“ versicherte ihm EM dienstbeflissen. „Aber keiner der befragten Personen konnte sich konkret daran erinnern, was ihn so zum Ausrasten gebracht hat! Es war, als hätte ihnen jemand alle Daten von der Festplatte geputzt.“
Wurmstich nickte müde. Was immer es war, sie würden es rauskriegen. Aber jetzt wurde es Zeit, dass er zum Mittagessen nach Hause kam. Dort stand schon seit einer halben Stunde eine Pfanne Krautnudeln bei kleinster Flamme auf dem Herd und wenn er nicht bald erschien, rastete seine Olle garantiert ebenfalls aus.
„Also gut, bleiben Sie am Ball und erstatten Sie nur mir persönlich Bericht!“ sagte er und erhob die Hand zum Gruß. „Seid bereit!“
„Immer bereit!“ antwortete EM zackig und führte ebenfalls seine ausgestreckte flache Hand zum Mittelscheitel.
Mit eiligen Schritten verließ Wurmstich die `Runde Ecke´, den Hauptsitz der Geheimdienste des Stadtstaates. Sein Chauffeur schnippste die gerade angesteckte Zigarette schwungvoll auf den Rasen vor dem Gebäude und riss den Verschlag der Kutsche auf.
„Richard Lehmann Straße!“ sagte Wurmstich kurz und ließ sich in den Sitz sinken. Der Kutscher schloss die Tür, kletterte auf den Bock und ließ die Peitsche schnalzen.
„Hüh!“ sagte er laut und lenkte die Kutsche in Richtung des südlichen Auenwaldes, wo Wurmstichs Privathaus stand.
Eine Eskorte von vier wild strampelnden, unablässig klingelnden Fahrradbeamten begleitete die Kutsche und zwang mit ihren rotierenden blauen Leuchten auf den Kopf die anderen Verkehrsteilnehmer an den Straßenrand. Der Schatzmeister winkte huldvoll einer Handvoll von der Stadt bezahlter Jubler und Schmeichler zu, die am Straßenrand standen, blaugelbe Fähnchen schwenkten und im Chor: „Unser Albert Wurmstich lebe hoch hoch, hoch!“ skandierten.
Als die Kutsche an der großen Daimler-Benz Vertragswerkstatt in die Richard-Lehmann-Straße einbog, fiel ihm die Flasche aus der Hand.

` …also, dass war doch … ?!?´
` … dieses Gebäude … ?!?´
` … unmöglich … ?!?´
`…war da nicht der alte Schlachthof … ?!?´

Ein Ausdruck, der mit `dümmlich´ äußerst höflich umschrieben wäre, lag auf Wurmstichs Gesicht, während er das große Areal voller blitzender Gebäude betrachtete, das sich direkt neben den Schienen befand. Irgendetwas war hier ganz gewaltig faul! Wurmstich wollte schreien, aber es war, als ob ihn seine ganze Energie, seine ganze Willenskraft, verlassen hätte. Dichter grauer Nebel legte sich über seine Gedanken und ließ ihn einfach nur auf die flimmernde große Tafel am Straßenrand gucken.
„Verdammte Scheiße!“ schrie er plötzlich auf und griff nach seinem Organizer. Hatte er nicht jetzt einen Termin bei Dr. Udo, dem Intendanten der neuen Landesmedienanstalt?! Wurmstich schaltete den Zauberkasten an, legte ihn in seine Handfläche und klickte sich auf der berührungsempfindlichen Oberfläche des Bildschirms mit Hilfe eines kleinen Stiftes durch den Kalender. Tatsache, hier stand es „Heute 12 Uhr Termin bei Intendant Dr. Udo“. Und dabei hätte er schwören können, dass er sich heute die Mittagsstunden freigehalten hatte.
`Ein Glück, dass ich zufällig gerade in der Nähe bin´, dachte Wurmstich erleichtert und drückte auf die Gegensprechanlage.
“Fahr mich in den Sender!“ sagte er und es war ihm völlig schnuppe, dass seine Frau mit dem Essen auf ihn wartete und er vor drei Minuten in seinem Kopf schrille Alarmglocken läuten gehört hatte. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern, dass er sich nicht mehr erinnern konnte.

Kapitel 4

Die beiden Räuber liefen mit vor Verblüffung und Bewunderung geweiteten Augen über die König-Kurt-Brücke, einer technischen Meisterleistung aus zehntausenden zusammengenieteten Stahlträgern, welche wie ein sanfter Zirkelschlag den Pleiße-Nordmeer-Kanal in bis zu fünfzig Meter Höhe und mit einer Gesamtlänge von 1300 Meter überspannte. Genau am höchsten Punkt, über der Mitte des Kanals, verweilten sie und betrachteten fasziniert die gemächlich dahingleitenden Containerschiffe, die ihren Bestimmungsort in den verwinkelten Kanälen, Docks und Speicherbecken des Lindenauer Hafens ansteuerten oder in der Gegenrichtung die Produkte Leipzigs über das Nordmeer in die bekannten Teile der Welt exportierten – größtenteils Kutschen, Kutschen, Kutschen, denn in keiner anderen Stadt der Welt wurden derart prächtige Karossen zusammengezimmert, geschweißt, gelötet, gedängelt, geschnitzt und prachtvoll lackiert wie in Leipzig. Hochbegehrte Produkte auf dem Weltmarkt, welche der Stadt viel Renommee und noch mehr klingende, glänzende Goldthaler im Stadtsäckel bescherten.

„Wir müssen weiter“, sagte Willibor.

Drago nickte matt, gemeinsam setzten sie sich wieder in Bewegung. Ein paar einzelne Gehöfte, Ausläufer der großen Stadt, lagen entlang des Weges. Die Hitze eines heißen Spätsommertages lag über dem Land, von den Feldern wehte der Staub der Weizenernte herüber. Nach einer Stunde schweigenden Marsches änderte sich urplötzlich die Szenerie. Die eintönig-braunen Äcker endeten abrupt und vor den beiden Räubern tat sich ein scheinbar bis zum Horizont erstreckender, sattgrüner Urwald auf.
„Der Auenwald“, sagte Willibor. „Noch eine Stunde Marsch, dann sind wir am Ziel.“

Erleichtert und von dieser Aussicht beschwingt, beschleunigten die beiden Räuber ihren Schritt. Ach, was war das marschieren im kühlen Auenwald schön. Die Pleiße määnderte in zahllosen kleinen Nebenarmen durch das Dickicht entlang des Weges, während Speerfischer still auf ihren Booten standen, mit ihren Blicken das kristallklare Wasser absuchend, mit konzentrierter Ernsthaftigkeit die Speere stossbereit in Kopfhöhe haltend. Freundlich grüßten die beiden Räuber eine Handvoll Fischerweiber, welche die erbeuteten Lachse und Forellen zum Räuchern vorbereiteten. Die bis zu fünfzig Meter hohen Urwaldriesen rings um den Räucherofen waren bevölkert von unzähligen Möwen und Fischreihern, welche sich schon sehr bald kreischend um die Fisch-Eingeweide prügeln würden, und ein alles durchdringender Geruch von Bärlauch lag in der Luft. Immer entlang des Hauptarmes der Pleiße führte sie ihr Weg. Sie passierten eine Bootsschleuße, ließen das Schulbiologiezentrum hinter sich, und wanderten an den schmiedeeisernen Zäunen der prächtigen Pferderennbahn entlang, bis sie schließlich die Stadtmauer von Leipzig erblickten. Willibor zeigte mit seiner in Segeltuch eingeschlagenen Keule, die er schon seit ihrem Aufbruch von den Kämmen des Arzgebirches vor drei Tagen auf den Schultern mit sich herumschleppte, auf eine große geöffnete Pforte in der Befestigungsanlage.
„Das Nordtor!“

Als wären die Strapazen der langen Reise von ihnen abgefallen, stürmten sie los. Der von tiefen Kutschenspuren durchzogene, im Winter unpassierbare Trampelpfad, welcher das Arzgebirch und Leipzig miteinander verband – vom Volksmund spöttisch `Bundesstrasse Fünfundneunzig´ genannt – ging in ein Kopfsteinpflaster über, welches offensichtlich ausschließlich dem Zwecke diente, den Strauchdieben, Landeiern und Hinterwäldlern aus dem Arzgebirch auf’s Brot zu schmieren, dass sie soeben die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation passierten.
Die selbstgeschnitzten Holzsandalen der beiden Räuber ließen ein klack-klack-klack ertönen, welches Centurio Schlafmütz, der gerade in der BRÜLL-Zeitung genussvoll die `Titten des Tages´ betrachtete, irrtümlich auf einen nahenden Ackergaul schließen ließ. Als das Klacken vor der Schranke seines Wärterhäuschens zum stehen kam und er die Zeitung sinken ließ, bemerkte er seinen Irrtum.

„Wer seid ihr?“ fragte er in barschem Tonfall. Der einzige Weg, solchem Gesocks Respekt einzuflößen, wenn man ihn fragte.
„Drago und Willibor Mordhorst, zu Ihren Diensten!“ entgegnete Willibor mit ausgesuchter Höflichkeit und reichte ihm die Reisedokumente.
„Einreisezweck?“
„Arbeitsaufnahme.“
„Beruf?“
„Räuber.“
„Soso“, brummte Tadeus Schlafmütz und trommelte mit den Fingern auf das Einreiseformular. Das stand so nicht in der Liste der Berufsgruppen. Schließlich fiel sein Blick auf das Kleingedruckte in der unteren linken Ecke des Blattes:
Bei nicht aufgeführten Tätigkeiten bitte artverwandte Berufsgruppen ankreuzen!
Tadeus seufzte erleichtert und machte ein Kreuz bei `Versicherungskaufmann´.
„Habt ihr etwas zu verzol … “, wollte er seine Liste weiter abhaken, als er einen genaueren Blick über die beiden Elendsgestalten schweifen ließ. Mit einem resignierten Seufzer kreuzte er `Nein´ an. Eher nicht.
„Seid ihr in der Räuber-Gewerkschaft?“
Willibor schüttelte den Kopf.
„Freiberufler.“
„Ihr wisst schon, dass ihr einen Gewerbeschein braucht und eure Beute … äh, die Erträge aus eurer Arbeit abzüglich des monatlichen Selbstbehalt von zwei Silberschekeln voll steuerpflichtig ist?“ fragte Tadeus Schlafmütz streng. Die beiden Räuber nickten.
„Den Gewerbeschein könnt ihr für eine Gebühr von fünf Schekeln bei mir erwerben!“ sagte Centurio Schlafmütz und wedelte mit dem Wisch vor ihren Gesichtern herum.
„Tut mir leid, Sir, aber ich bin wirklich pleite“, sagte Drago schüchtern und krempelte seine Taschen nach außen. Eine Mäusefalle, eine Zwiebel, drei Würfel Käse, Nähzeug und eine halbe Rolle Toilettenpapier kamen zum Vorschein. „Null Bargeld! Nada! Niente! Nix!“
„Aber wir haben einen Verwandten hier, der wird uns bestimmt weiterhelfen“, fügte Willibor schnell hinzu.
„Lebt denn der alte Holzmichel noch?“ fragte Drago erstaunt.
„Ja, der lebt noch“, antwortete Willibor. In einer Geste der Erleichterung warf Drago die Arme hoch.
`Ihr Randfichten!!´ dachte Schlafmütz verächtlich. `Die Nummer von wegen “pleite“ nehme ich euch nicht ab. Ihr würdet euch doch nicht zu uns ins Tal heruntertrauen, ohne wenigstens ein paar kleine Silberklumpen in der Tasche zu haben. Wäre doch gelacht, wenn ich euch nicht irgendwas brauchbares aus der Nase ziehe!´
„Horcht mal zu, Männer!“ sagte der Centurio der Stadtwache in geheimnisvoll-flüsternden Ton und schaute hochkonspirativ nach rechts und links. Drago und Willibor folgten überrascht seinem Blick.
„Pst, kommt doch mal näher ran!“ tuschelte Schlafmütz und schob das Schiebefenster seines Wärterhäuschens bis zum Anschlag zurück. „Ich kann euch Jungs mit Kontakten helfen, nützlichen Kontakten, wenn ihr wisst, was ich meine … ? Ihr sucht Arbeit, habt aber kein Bargeld für den Gewerbeschein, wisst nicht, was ihr essen und wo ihr schlafen sollt?“
Willibor und Drago nickten eifrig.
„Machen wir uns doch nichts vor, die Steuer lässt uns kleinen, anständigen und hart arbeitenden Bürgern doch kaum noch Luft zum Atmen!!“ fuhr Tadeus fort, der sich stundenlang darüber aufregen konnte, mit welchem Recht sich der Staat erdreistete, ihm den zehnten Teil seines Gehaltes abzuknöpfen. „Ich bin ja auch gezwungen, mir den einen oder anderen Schekel nebenbei zu verdienen. Ich könnte euch eine Anlaufstelle vermitteln, wo ihr ein Bett, essen und vor allem gut bezahlte Arbeit findet. Diese Information ist aber nicht kostenlos!“
„Nehmen Sie auch Zahngold?“ fragte Willibor. Schlafmütz nickte. Willibor griff unter sein kratziges Hanfhemd, zog einen Lederbeutel hervor, der an einer Schnur um seinen Hals baumelte, und schüttete etwa zwei dutzend Backenzähne auf den Schalter.
„Meine Ersparnisse der letzten Jahre“, sagte er mit belegter Stimme.
`Geht doch!´ dachte Centurio Schlafmütz, nahm einen kleinen Hammer, zertrümmerte einen Zahn und betrachte mit einem zufriedenen Lächeln der glänzende Füllung. Als er zum zweiten Mal ausholen wollte, stockte er mitten in der Bewegung und sein Blick verfinsterte sich. Ha!!! Was war das denn!!!
„Der hat eine Porzellan-Füllung!“ sagte er streng. „So kommen wir nicht ins Geschäft!“
„Aber das ist Meißner Porzellan“, entgegnete Willibor empört. „Weißes Gold!“
Tadeus klemmte sich sein Monokel ins Auge und schaute genauer hin. Tatsache, zwei blaue gekreuzte Schwerter! Zugegeben, dass war etwas völlig Anderes!
„Also gut!“ sagte er. „Die zwei Zähne sollen reichen, den Rest kannst du wieder einpacken. Hört zu. Mein Vetter Turm betreibt eine Kneipe in Plagwitz, eine Kneipe der besonderen Art. Sie nennt sich `Chopper´ und dort treffen sich alle Angehörige eures Standes und der artverwandten Berufe, wenn ihr wisst, was ich meine.“
Die beiden Räuber nickten. Schon klar.
„Sagt Turm, das ich euch geschickt habe, und er wird sich um euren Start ins hiesige Berufsleben kümmern.“ fuhr Schlafmütz fort. „Alles weitere liegt dann an euch – jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, hehe! Der Chopper befindet sich in der `Weiße-Felsen-Straße´, nicht weit vom Lindenfels. Den Lindenfels könnt ihr nicht verfehlen, ein schiefergrauer Fels von der Größe des Rathauses, auf dessen Spitze Linden wachsen und zu dessem Fuß sich eine Freilichtbühne befindet. Lauft einfach den Marschnerweg runter, dann links am Zentralstadion vorbei in Richtung Lindenauer-Markt. Wenn ihr nicht weiter wisst, Maul auf, fragen. Jeder Leipziger kennt den Lindenfels!“

Willibor, der mit einem Bleistiftstummel eifrig die Stichworte auf der Rückseite einer alten Kneipen-Rechnung notiert hatte, nickte dankbar. Alles klar soweit. Ergriffen sah er seinen Bruder an.
„Es ist soweit, Bruderherz. Wir haben endgültig Mama wie einen dunklen Schatten hinter uns gelassen. Ein neues Leben liegt vor uns.“
„Ein Gebet!“ stammelte Drago.
„Nicht irgendein Gebet!“ erwiderte Willibor. „Das Gebet der Heimat! Das Steigergebet!“
Die zwei Räuber drehten sich der Tradition ihres Volkes entsprechend nach Osten, kreuzten ihre Unterarme mit den geballten Fäusten über ihren Köpfen – der Ritus der zwei gekreuzten Hämmer – und huben laut und falsch zu singen an.

„ Glückauf, Glückauf! Der Steiger kommt
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
schon angezünd’t, schon angezünd’t.
Hat’s angezündt ! Es gibt ein Schein.
Und damit so fahren wir bei der Nacht,
und damit so fahren wir bei der Nacht,
ins Bergwerk ein, ins Bergwerk ein.
Der eine gräbt das Silber, der andre gräbt das Gold.
Doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht,
doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht,
dem sein sie hold, dem sein sie hold.“

Drago und Willibor legten ihre imaginären Hämmer zu Boden, drehten sich von Ost nach West – das Symbol eines arbeitsreichen Tages, der sich dem Ende neigt; wischten sich imaginären Schweiß – das Symbol körperlich harter Fron – von der Stirn; klatschten sich mit beiden Händen ab – das Symbol von Kameradschaft und Zusammenhalt, hakten sich unter und drehten sich im Kreis. Dieser Ritus des Kreistanzes symbolisierte die kurzen Vergnüglichkeiten der Abendstunden, beschwipster Tanz und die anschließenden kreischenden Orgien. Nachdem sich die beiden Räuber fünfmal im Kreis gedreht hatten, stellten sie sich in Reihe nebeneinander, in der rechten Hand ein imaginäres Schnapsglas haltend, die linke Hand im Schritt, und sangen mit heiligem Ernst ihr Gebet zu Ende.

„Und kehr‘ ich heim, zur Liebchen mein,
dann erschallet des Bergmannes Gruß bei der Nacht,
dann erschallet des Bergmannes Gruß bei der Nacht,
„Glückauf, Glückauf, Besteiger kommt!
Die Bergleut’ sein, kreuzbrave Leut’,
denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
und saufen Schnaps, und saufen Schnaps!“

„Ja, Religion kann in schwierigen Zeiten wie diesen so ein Fels in der Brandung sein, ein Anker in schäumender See!“ sprach Tadeus Schlafmütz mit einem nachsichtigem Lächeln, ballte die Faust und streckte den Daumen nach oben.
„Danke, Sir, wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag!“ entgegneten die beiden Räuber und passierten den sich in diesem Augenblick öffnenden Schlagbaum.
„Und saufen Schnaps, und saufen Schnaps, und tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht!“ brummelte Schlafmütz, der nebenbei noch Messdiener war, und spuckte auf den Boden. Aber was sollte man auch groß an ausgefeilten Gebeten und Litaneien von Leuten erwarten, die Sonntags zum Gottesdienst und zur Beichte in die Wirtshäuser ihrer Berge und Täler einkehrten; weil ihre wenigen und vergeblichen Versuche, die majestätischen Kirchen der zivilisierten Welt nachzubauen, sehr viele Waisenkinder und noch viel mehr Bruchholz fabriziert hatten.
„Es is wie’s is!“ brummelte Schlafmütz seinen Standardkommentar zum Geisteszustand der Welt in seinen Bart. Das Arzgebirch war nun einmal das Land, wo die Hosen Hasen und die Hasen Husen heeßen, daran konnte selbst ein eloquenter, weltmännischer Großstädter wie er wenig bis nix ändern. Der Centurio der Stadtwache wollte grade mit einem letzten Kopfschütteln seine BRÜLL-Zeitung umblättern, als auf einmal ein Artikel seine Aufmerksamkeit erregte.

„Ping Pong singt und Ping Pong schunkelt!“ lautete die Schlagzeile und darunter:

`Anlässlich der Einweihung der neuen Bilderübertragungstechnik TeLeWischen lädt die Landesmedienanstalt diesen Sonntag alle Einwohner der Stadt zur großen Party der volkstümlichen Melodien ins Zentralstadion am Elsterufer. Schunkelgarantie!!! Und PREISE! PREISE!!! PREISE!!!!!! zu gewinnen. Das originellste Zuschauerlied wird mit einem Goldtaler und einem Plattenvertrag prämiert!´

Schlafmütz starrte wie betäubt auf die Zeitung. Ein Goldthaler. Ein ganzer verfluchter Goldthaler! Damit konnte er seine Familie ein ganzes Jahr lang ernähren! Und da er keine Familie hatte, konnte er sich für so ’ne große fette Münze ein halbes Jahr im Pfeifenschorschl im Petersteinweg mit Wodka vom Feinsten die Lichter ausschießen! Na das war ja was!!
Er sank auf dem Stuhl zusammen, zog ein hochnachdenkliches Gesicht und vergrub seine gefurchte Stirn in der Hand, so wie er es als Kind immer bei seiner Omama Elisabeth gesehen hatte, zu ihrer Zeit eine der größten Dichterinnen der Stadt. Eine Idee, das brauchte er jetzt. Eine Idee, eine göttliche Inspiration!
„La lala la lalalala!“ summte er ein paarmal in allen möglichen Tonarten und Tonabständen vor sich her, bis er glaubte, die richtige Melodie gefunden zu haben. Jetzt noch ein schöner Text. Irgendwas feines, hintersinniges! Intelligent UND eingängig! Nachdenklich-klug, ohne dabei hochnäsig-intellektuell zu wirken! Ein Text, der Optimismus verbreitet, aber Probleme nicht ignoriert! Ein Lied für Alt und Jung, Arm und Reich, Hinz und Kunz, Dick und Doof.
Schlafmütz saß wie vom Schlag getroffen eine halbe Ewigkeit in seinem Stuhl, hochkonzentriert nachdenkend, bis er sich schließlich kurz räusperte und mit anfangs unsicherer, doch schnell immer stärker und selbstbewusster klingender Stimme zu singen anfing.

„Lebt denn der alte Holzmichel noch, Holzmichel noch, Holzmichel noch?
Lebt denn der alte Holzmichel noch – JA, DER LEBT NOCH!“

Schlafmütz ließ sich in den Stuhl sinken und schaute auf seine Arme. Wahnsinn!! Unfassbar!! Gänsehaut pur! Wie die Härchen standen und vor Energie vibrierten! Einfach nur geil, saugeil!! Mega!! Aber eine Winzigkeit fehlte noch. Der Klecks Schlagsahne auf der Torte fehlte noch! Der Trüffelschnitz auf der Rehkeule fehlte noch! Das Pünktchen auf dem `i´ fehlte noch! Schlafmütz konnte es geradezu körperlich spüren, das da noch dieses eine einzige winzige Detail fehlte, welches den Unterschied zwischen phantastisch und supi-megaphantastisch ausmachte. Eine winzige Winzigkeit, welche am Sonntag im Stadion den Unterschied ausmachen konnte zwischen „tosender Applaus“ und „einmal komplett ausrasten mit Schmackes, bitte!“ Wie ein Tiger im Käfig lief Tadeus Schlafmütz in seinem Wächterhäuschen hin und her und her und hin, bis er plötzlich vor aufgeregtem Entzücken „ich hab’s“ brüllte und sich mit der flachen Hand laut schallend vor die Stirn klatschte. „Ich mach’s genauso wie dieser Bergtrottel!“

Befremdet beobachtete ein älteres Ehepaar vom Balkon eines nahe gelegenen Mietshauses in der Sei-Milde-Strasse, wie ihr Centurio von der Stadtwache auf dem Schalter seiner Zollstation stand, mit seinen ausgestreckten Armen, die Handfläche exakt nach unten gerichtet, eine halbe Stunde hoch und runter wedelte, dass die Epauletten seiner schmucken Uniform wackelten und dabei „DER LEBT NOCH, DER LEBT NOCH, DER LEBT NOCH!“ brüllte.
„Langsam drehn’se alle am Rad, Erna Minna“, sagte der Mann.
„Yup!“ sagte diese und nippelte an ihrem frischgepressten Eierlikör.

Willibor und Drago liefen mit offenem Mund am langgezogenem Karreé der Deha-Efka-Brauerei vorbei, der ersten Adresse, wenn es um Tränke zur Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit ging. Was für eine Architektur! Unglaublich, wie man solche riesigen, absolut gradwinklingen Gebäude aus Steinen errichten konnte! Was die Leipziger doch für pfiffige Kerlchen waren!
`Ah´ und `Oh´ und `Oh´ und `Ah´, die zwei Brüder konnten sich gar nicht satt genug sehen. Hier würden sie ihr Glück und ihre neue Heimat finden, so viel stand fest!

Sie überquerten die Strassenbahnschienen am Sportforum, um den Flohmarkt auf der Wiese vor dem Zentralstadion zu erreichen. Menschenmassen strömten zwischen den mobilen Ständen der Händler hindurch und ein verführerischer Duft von Gesottenem und Gebratenem ging von den Fressbuden entlang des Weges aus.
„Ich würde sterben für einen Döner“, sagte Willibor, dem sein Papa schon einmal diese exquisite Köstlichkeit von einem seiner Raubzüge während der halbjährlichen Mustermessen mitgebracht hatte. Natürlich war das nur eine Redewendung. Was Willibor meinte, war, er würde töten für einen Döner.
„Ich habe Heißhunger auf etwas Süßes“, sagte Drago und betrachtete gierig die Auslagen eines Pfefferkuchenhauses neben dem Dönergrill. „Aber wir haben eh kein Geld.“
„Jetzt schon!“ sagte Willibor und reckte ein herrenloses Portemonnaie in die Höhe, welches er eben in einer Manteltasche gefunden hatte. Triumphierend entnahm er der Börse drei Kupferlinge, gab sie seinem Bruder und reihte sich in die Schlange am `Dönerparadies Izmir Übül´ ein.
„Und?“ fragte Willibor, gierig auf seinem gefüllten Fladenbrot kauend, drei Minuten später seinen Bruder, der immer noch mit großen glücklichen Augen vor den Auslagen des Pfefferkuchenhauses stand.
„Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, flüsterte Drago. „Braune Pfefferkuchen, weiße Pfefferkuchen, schwarze Pfefferkuchen, rote Pfefferkuchen, blaue Pfefferkuchen! Pfefferkuchen mit Nüssen, Pfefferkuchen mit Mandeln, Pfefferkuchen mit Sonnenblumenkernen! Pfefferkuchen mit Honig-, mit Schoko- und mit Pfeffergeschmack. Pfefferkuchen mit `Piep piep piep, ich hab dich lieb´ und Pfefferkuchen `Meine Mama ist die Beste´ Aufschriften! Ich kann mich einfach nicht entscheiden!“

Genervt ließ Willibor den Redeschwall an seinem Ohr vorbei plätschern. Was für ein Rehstreichler sein kleiner Bruder doch manchmal war! Was für ein `Gesicht-mit-Seife-Wascher´! Eine dunkle Stretch-Kutsche erregte seine Aufmerksamkeit. Eine Rakete von einer Kutsche, metallic-schwarz mit glänzenden Chrombeschlägen, vier Achsen, acht Türen. Die vier Männer mit den schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen, denen dieser Wagen zu gehören schien, installierten gerade eine merkwürdige, vier Meter hohe, dunkelglänzende Scheibe an der Fassade des Glockenturms. Einer der Männer richtete einen kleinen schwarzen Gegenstand auf die Scheibe, es flimmerte, die dunkle Scheibe wurde milchigweiß, der Mann drückte erneut auf das Dingsdabumsda und die Scheibe erlosch und ward dunkel wie zuvor.
„Kneif mich, irgendwas geht hier vor!“ flüsterte Willibor und biss in seinen Döner. Weiße Knoblauchsoße spritzte hervor und sickerte in seinen verwucherten Vollbart, doch er war so aufgeregt, dass er es nicht bemerkte. Heilige Scheiße, jetzt wusste er, was hier nicht stimmte! Es war, als ob die vier Männer für den Rest der Menschenmassen unsichtbar wären! Sicher, Großstadt-Typen pflegten sich ständig zu ignorieren, aber an den hämischen, interessierten, belustigten, gierigen oder lüsternen Blicken, die sie sich in vermeintlich unbeobachteten Momenten zuwarfen, erkannte man schon, dass sie unter der gleichgültigen Maske sehr wohl ihre Umwelt auf das Sorgsamste beobachteten. Doch das hier war etwas völlig Anderes. Die anderen Heinis bemerkten die vier Anzug-Typen wirklich nicht! Oder sie bemerkten schon ihre Präsenz – oder irgendeine neue, merkwürdige, ihnen unbekannte Art von Präsenz – aber irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein zwang sie offensichtlich dazu, dieses Wissen zu verdrängen.

Willibor kaute auf seinem Döner herum und beobachtete hochkonzentriert – etwas, wovon er nach 23 Jahren im Räuberhandwerk wirklich etwas verstand. Die Leute benahmen sich völlig normal, bis sie in einen Zwanzig-Meter-Radius um die Anzug-Typen kamen. Dann stockten die Gespräche, die Menschen liefen einen Bogen, hielten die Köpfe gesenkt. Wenn der Zwanzig-Meter-Radius durchschritten war, schüttelten sie sich kurz, lachten und fingen wieder unbefangen mit dem lauten Geschnatter an, dass den Leipzigern eigen war.
`Dass sollte ich mir genauer ansehen!´ dachte Willibor und lief auf die Gruppe der Anzugtypen zu, die gerade Anstalten machten, in ihre Kutsche zu steigen und zu verschwinden, als er plötzlich Dragos Stimme im Rücken hörte.
„Willi, Willi, ich hab mich entschieden, ich hab mich entschieden!“

Willibor drehte sich um und gefror. Während sein Bruder aufgeregt an der Auslage stand und auf eine hässliche alte Vettel einplapperte, stand an dem großen Fenster an der Stirnseite ein Wolf, größer und mächtiger als alle Wölfe, mit denen er es je in den Bergen zu tun gehabt hatte. Vermutlich hätte allein die Größe des Tieres, dass da im Fenster stand, den armen Willibor erschaudern lassen, aber DIESES sich ihm bietende Bild ließ den Räuber tatsächlich zur Salzsäule erstarren. Der Wolf stand auf seinen Hinterbeinen, hoch aufgerichtet wie ein Mensch, mit einer qualmenden Zigarre im Mund, einem Stahlhelm auf dem Kopf, und starrte mit einer mit einem dicken weißen Teleobjektiv bestückten Spiegelreflexkamera direkt in seine Richtung.
Willibor schloss die Augen, kniff sich in die Wange, kniff sich in die Unterarme, ohrfeigte sich rechts und links und blickte wieder auf. Ein hübsches, rothaariges Mädchen mit einem Zigarillo in der Hand stand an derselben Stelle, an welcher er soeben den Wolf zu sehen vermeinte, betrachtete ihn, winkte mit einem schüchternen Lächeln und warf ihm einen Kussmund zu. Die ganze Welt stand still für Willibor, um sich danach umso schneller zu drehen. Er stand steif und reglos, sein Herzschlag setzte aus, das Blut wich aus seinem Kopf, er wurde kreidebleich. Für ein paar Sekunden fühlte er sich, als würde er in der Luft hängen, genau in der Mitte eines riesigen, trichterförmigen Strudels, während sich um ihn herum Szenen und Bilder seines Lebens wie in einem Mahlstrom drehten, immer schneller drehten, spiralförmig nach unten sanken und sich auflösten. Mit einem mächtigen Schlag setzte Willibors Herzschlag wieder ein und sein Gesicht wurde rot wie der Hintern eines Pavianweibchens während der Paarungszeit.
Mit einem Gefühl großer Unsicherheit öffnete Willibor den Mund, dabei diverse Zahnlücken und schwarze Stummel entblößend, zog unter großer Anstrengung die Mundwinkel nach oben, und lief mit einer einfältigen, maskenhaften Grimasse – seinen zuletzt in Jugendtagen gezeigtem ‚offenem Lächeln‘ – langsam, aber unaufhaltsam auf das Mädchen zu. Wie es aussah, hatte Amor mitten ins Herz getroffen, und zwar mit einer Harpune, deren Leine jetzt Meter für Meter eingeholt wurde – ob das Mädchen es wollte oder nicht.

„Ich will den Pfefferkuchen mit Pfeffergeschmack, glasierten Bucheckern, weißen Schaumherz und der `In Gedanken bei Mama´-Aufschrift.“ hörte Willibor seinen Bruder gedämpft wie durch einen Vorhang aus Zutterwatte reden, während er sich im Zombiewalk dem Pfefferkuchenhäuschen näherte, dabei unbewusst „Äääh Öööh Äääh“ stammelnd, krampfhaft über einen originellen Gesprächseinstieg brütend. So benommen er sich auch fühlte, eines war ihm als klar – mit seinem normalerweise den Geschlechtsakt einleitenden Standardsatz – „Ich hab Geld, ich kann zahlen“ – würde er bei dieser Traumfrau keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Zumindest nicht in der von ihm gewünschten Weise. Willibor sortierte gedanklich seine Möglichkeiten. Lieber ein frech-frivoles ‚Ey, was geht?‘ oder vielleicht doch besser den ‚kennen wir uns nicht-Klassiker’… ??
Die alte Vettel nahm Dragos Kupferlinge, griff in das Regal hinter sich und wollte den gewünschten Pfefferkuchen gerade einpacken, als aus dem Innerem des Wagens ein gellender Pfiff ertönte.
„Oh, fuck it!“ fluchte die hässliche Alte, raffte ihre Röcke, und drückte in rasender Eile verschiedene blinkende Knöpfe, während sie dabei in unverkennbarem Ami-Slang vor sich hinbrabbelte. „For fucks sake, we are going to loose ‚em!“
Ein leises Zischen ertönte, das Häuschen hob sich in die Höhe und vier Räder kamen zum Vorschein. Die Auslage klappte nach oben, das Pfefferkuchenhaus setzte sich in Bewegung, rollte aus der Fressbuden-Front, setzte den Blinker und ordnete sich in den stadtauswärtigen Verkehr ein.
„Haltet diese verdammten Räuber!“ schrie Drago mit Tränen der Wut und des Schmerzes im Gesicht, denn das Pfefferkuchenhaus war ihm über die Füße gefahren.
„Nein! Nein!! Nein!!! Geh nicht“ stimmte Willibor in das Geheule ein und schaute dem davonrumpelnden Pfefferkuchenhaus traurig hinterher, dass, vorschriftsmäßig Blinker setzend, auf die Jahnallee einbog und aus seinem Blickfeld entschwand. Dort zog sie davon, die Liebe seines Lebens. Voller Schwermut im Herzen wollte Willibor den heulenden Drago in den Arm nehmen, doch dieser stieß in zurück.
„Verdammte Scheiße, die ha’m mein Geld und meinen Pfefferkuchen!“
Willibor nickte. Die Welt war schlecht. Ungerecht und grausam. Nur wenige Menschen wussten das so gut wie er.
„Lass uns weiterziehen!“ sagte er seufzend. „Wir müssen zum Chopper, bevor es dunkel wird!“
Er pfiff nach einer Rikscha.
„Zum Chopper!“
Der Taxifahrer musterte die beiden:
„Nur gegen Vorauskasse!“

Willibor zog gereizt die Augenbraue hoch, während er das Geld aus dem gefundenen Portemonnaie hervorkramte. Dieses ständige Misstrauen ihm gegenüber, nur weil er nicht als geschniegelter Lackaffe daherkam. Warum nur ließen sich Menschen immer so von Äußerlichkeiten leiten?! Warum nur war die ganze Welt so oberflächlich geworden?!

Die beiden Räuber nahmen Platz und blickten schweigend aus dem Fenster. Viele junge, buntgekleidete Menschen waren in der schnell hereinbrechenden Dämmung auf den Straßen unterwegs, fröhlich und aufgeregt schnatternd den Freuden und Abenteuern der Nacht entgegensehend. Im flackernden Schein der Gaslaternen konnte man die Gesichter Liebender sehen, die auf den zahllosen Freisitzen entlang der Karl-Heine-Strasse saßen und die Fische, Muscheln, Krebse und Austern verspeisten, welche die Pleiße-Fischer nur wenige Stunden zuvor mit ihren Booten den Restaurants entlang des Kanals verkauft hatten. Aus geöffneten Pub-Türen erklang Livemusik. Der Blick auf die vielen glücklich turtelnden Paare schmerzte Willibor. Ein Gefühl von unerwiderter Liebe und Einsamkeit überwältigte ihn dermaßen, dass er nicht anders konnte und laut seufzte.
„Was ist denn los“ fragte Drago erstaunt.
„Ach, sie war so schön, so absolut wunderschön“ antwortete Willibor.
„Wer??“ fragte Drago verblüfft.
„Die Frau aus dem Pfefferkuchenhaus“
Drago warf einen angewiderten Blick auf seinem Bruder. Willi hatte schon immer einen merkwürdigen Geschmack gehabt, was seine Intimpartner anging, aber die alte Vettel hatte doch im Gesicht mehr Warzen als eine Erdkröte, eine Haut wie ein Krokodil und Finger, die so lang und dünn waren, dass sie wie Spinnenbeine wirkten. Er selber hätte es zwar auch mal wieder nötig, aber wie um alles in der Welt konnte man auch nur daran denken, SOWAS zu stopfen??
„Oje, oje; Oje oje“ klagte Willibor. „Was für eine Frau!“
Nachdem Willibor ein paar Minuten mehr oder weniger leise vor sich hin gejammert hatte, wurde es Drago zu bunt.
Halt dich lieber fern von Frauen“ feixte Drago. „Du weißt, was aus deiner letzten Freundin wurde“
„Ich hatte keine Wahl“ antwortete Willibor knapp.
„Du hast sie gefressen“ sagte Drago.
„Ich hatte keine Wahl“ sagte Willibor mit einem Gesichtsausdruck, der andeutete, dass er selber an Dragos Stelle dieses Thema nicht weiterverfolgen würde. Doch sein Bruder schien die Warnsignale, dass spielen am Schaft der Keule und das knirschen mit den Zähnen, entweder nicht zu erkennen oder bewusst zu ignorieren.
„Du hast zwei Jahre mit Inge zusammengelebt.“ fuhr Drago genüsslich fort. „Dann hast du ihr eines Morgens plötzlich die Keule über den Kopf gezogen, sie geschlachtet und gefressen“
„Ich hatte keine Wahl“ brüllte Willibor außer sich vor Zorn. „Ich habe Inge geliebt. Aber du weißt genau, was wir damals für einen Hungerwinter hatten. Wenn ich Inge nicht gegessen hätte, wäre wir alle beide Hungers gestorben. Sie hätte diesen Winter so oder so nicht überlebt. Das ich mein Schaf gegessen habe, macht mich nicht zum Monster!!“
„Habe ich auch nicht behauptet“ antwortete Drago und lachte dreckig. „Aber irgendwie finde ich, dass man dein Verhalten Inge gegenüber schon als eine gewisse Art Untreue bezeichnen könnte – immerhin habt ihr schon über Kinder geredet, harharhar!“
Kurz und ansatzlos knallte Willibor seinem Bruder die Faust an das Kinn und ohne jeden Zweifel hätte sich daraus wieder einmal eine zünftige Rauferei mit blauen Flecken und Stichwunden entwickelt, wenn nicht in diesem Moment der Rikschafahrer scharf gebremst hätte.
„Wir sind da“, sagte er, ließ die zwei Brüder aussteigen, wendete die Rikscha und strampelte mit allem, was seine Waden hergaben, in Richtung Linden-Fels davon. Drago schaute Willibor von der Seite an und konnte sich nur mit allergrößter Mühe ein losprusten verkneifen. `Schon über Kinder gesprochen´ … der war gut … chchche … und scheiß auf die blutige Lippe, was wäre ein Leben ohne Humor?! Gemeinsam schauten sich die beiden Brüder um. Die letzten Minuten waren sie dermaßen in ihre liebevollen Frotzeleien verwickelt gewesen, dass ihnen komplett entgangen war, wie sehr sich der Charakter des Viertels verändert hatte. Die Weiße-Felsen-Strasse wirkte ausgestorben, dunkel, bedrohlich, grau. Müll türmte sich auf den Gehwegen. Vereinzelt waren Hauseingänge oder Fenster zugenagelt. Nur aus dem Erdgeschoss eines nahegelegenen Eckhaus waren laute Geräusche, Flüche, das splittern von Gläsern zu vernehmen. Ein blaues Licht illuminierte düster einen mächtigen schwarzen Chopper mit chromblitzenden V-Motor, der über einer schweren eisernen Tür thronte und dessen hochgezogene Gabel einen teufelshörnerähnlichen Schatten an die Wand warf. Eine große rote Neonschrift flammte im ersten Stock.
„Chooo….per“ las Drago laut und mühsam vor, sich vor Anstrengung dabei mit der Zunge die Lippen befeuchtend.
„Als ob es daran noch Zweifel gegeben hätte“, sagte Willibor, öffnete die Tür. Die beiden Räuber traten ein und fanden sich in einem spärlich beleuchteten Vorraum wieder. Auf einer alten Couch rechts von ihnen schlief ein langhaariger Typ mit Armeehosen und rotem Stirnband seinen Rausch aus, daneben befand sich ein kleines Podest mit kunstvoll drapierten Schrottteilen, welche die Form eines Choppers erahnen ließen und über und über mit kleinen Schnapsflaschen übersät waren. Es mussten hunderte, wenn nicht tausende sein.
„Hau wech den Scheiss“, grölte es aus der Ecke, wo eine Gruppe langhaariger Subjekte um den Dartautomaten herumstand, im nächsten Augenblick kamen fünf weitere leere Schluckiflaschen durch die Luft gesegelt und kullerten zwischen den Schrottteilen zu Boden. Vor dem Durchgang zum Schankraum stand ein Glatzkopf vor einem Flipper und trat mit seinem linken Bein wie ein Wahnsinniger auf den Spielautomaten ein, als plötzlich eine mächtige Erscheinung den Rahmen der Tür ausfüllte. Der etwa zwei Meter große, bärtige, langhaarige Mann trug eine schwarze Jeanshose, eine schwarze Lederweste, und eine mächtige silberne Kette, an welcher ein Schlüsselbund hing, welches auch einem Gefängnis-Direktor zur Ehre gereicht hätte.
„Bist du bescheuert, Zojka, lass den Flipper in Frieden! Sgladschdglei!“
„Die Kugel klemmt schon wieder“ entgegnete dieser und zog den Kopf ein.
Der Mann lief an Willibor und Drago vorbei, hob die Couch an und kippte ihren Inhalt zu Boden.
„Und du stehst auf, Koma. Saufen wie die Großen und vertragen wie die Kleinen. Ich bewerbe den Chopper in der Ping Ponger Volkszeitung zwar immer als ‚rustikale Erlebnisgastronomie‘, aber ihr müsst es nicht immer mit der Rustikalität übertreiben“
Der Angesprochene stand auf und wankte wort- und klaglos in Richtung Bar davon. Der Recke mit den langen dunklen Haaren wandte sich langsam den beiden Räuber zu.
„Wer seid ihr denn? Die Gesichter von euch zwei Galgenvögeln habe ich hier noch nie gesehen.“
„Wir suchen Turm“ sagte Willibor schüchtern. „Der Centurio vom Nordtor schickt uns.“
„Ich bin Turm“ sagte der Mann und musterte die Zwei von oben bis unten. „Lasst mich raten … keine Arbeit, kein Geld, keine Ahnung, wie es weitergehen soll?“
Willibor und Drago nickten eifrig.
„Na dann, willkommen in der Chopper-Familie!“ sagte Turm. „Ich werde Toffel schicken, dass der sich für’s erste um euch kümmert. Lasst euch von Haggi auf meine Kosten Bier und Bockwurst geben, über die Arbeit reden wir morgen.“
„Vielen Dank, Herr Turm“ sprachen die beiden Räuber wie aus einem Mund und verbeugten sich ehrfürchtig, während Turm schon wieder in Richtung Küche davon eilte. Mit ihrem Bier in der Hand, gierig ihre Wurst kauend, saßen die beiden Räuber kurz darauf am Tresen und sogen die Atmosphäre in sich auf. Aus den Lautsprechern der Firma `Böse´ dröhnte Cannibal Corpse, ihrer beider Lieblingsband. Für Uneingeweihte mochte es klingen wie eine Mischung aus kaputter Waschmaschine und einem die Treppe herunterfallenden Drumkit, aber das störte die beiden überhaupt nicht. Death Metal war halt so.
„Stab, Hack, Slash, Kill“ grunzten die beiden Räuber mit seeligen Lächeln und schüttelten ihre Mähnen im Takt, während ihnen das 22-prozentige Chopper-Bockbier ins Blut schoss. „Stab, Hack, Slash, Kill! Die, Die, Butcher, Butcher, Mayhem!“
Es war erstaunlich. Schon nach fünf Minuten verschmolzen Drago und Willibor mit ihrem Umfeld, als ob sie schon seit Jahren zum Chopper-Inventar gehörten.
`’s fast so schee wie dahaam!´ dachte Willibor beseelt. `Wenn ich nur wüßte, wo meine Liebste ist!´

Zum selben Zeitpunkt an einem anderem Ende der Stadt …
Das Pfefferkuchenhaus zuckelte schon seit einer knappen halben Stunde in gebührendem Abstand der schwarzen Prachtkutsche der Anzugtypen hinterher. Dahinter hupten und klingelten andere Kutschen völlig entnervt, denn das Pfefferkuchenhaus war so breit, dass es beide Fahrspuren einnahm – oder, wie es der über ihnen in einem Heißluftballon schwebende Verkehrsreporter in diesem Moment im Stadtradio ausdrückte: „Auf der Tauchnitzstraße ist stadtauswärts ein Pfefferkuchen-Schwertransporter unterwegs, der nicht überholt werden kann!“
„Sie halten vorne an der Pferderennbahn!“ sagte das Rotkäppchen und bog ebenfalls von der Hauptstraße ab. In gebührender Entfernung von der schwarzen Stretch-Kutsche parkte sie und drückte auf einen Knopf. Ein lautes Kikeriki erklang und sofort strömten die Eltern mit ihren Kindern vom nahe gelegenen Spielplatz herbei. Hurra hurra, die Pfefferkuchenfrau war da!
„Fensterladen auf, Straßenverkauf!“ schnarrte der Wolf in die Gegensprechanlage. Um solchen Quark hatte sich Baba Yaga alleine zu kümmern. Er und das Rotkäppchen waren schließlich Observations-Spezialisten.
„Das ist jetzt schon der fünfte Bildschirm!“ sagte der Wolf. „Beunruhigend!“
„Wollen wir warten, bis sie weg sind, und dann das Ding zerstören oder zur Untersuchung mitnehmen?“ fragte Rotkäppchen.
Der US-Botschafter schüttelte den Kopf. „Beobachten, aber nicht eingreifen, bis der Späschel Air Service in Leipzig eintrifft!“ wiederholte er den strikten Befehl der Toffi-Fee. Rotkäppchen zuckte mit den Schultern. Auch gut! Dann eben warten, bis die Schlächter kommen!

Auf der Mauer, auf der Lauer

Hach, man kommt im Neuen Deutschland aus dem wiehern gar nicht mehr heraus. Nachdem in Schwäbisch Gmünd drei Tage lang Anwohner und freiwillige Helfer schufteten, um dem Hochwasser zu trotzen, schickte die Stadt also nach Beendigung der Aufräumarbeiten ein Fernsehteam und ein paar Asylbewerber in eines der am schlimmsten betroffenen Wohngebiete, damit diese die bereits aus den Kellern geborgenen Möbel wieder runterschleppen, um sie vor den Augen der Kameras erneut ins Freie zu tragen – damit man einen Aufhänger hat, die niemals verstummende Botschaft ein weiteres Mal in die Herzen und Hirne der stumpfen Autochthonen prügeln zu können: Der Flüchtling, ein Mensch wie du und ich! Einer (um es in Neudeutsch zu formulieren) der wo anpackt in der Not, verunglückte NPD-Funktionäre aus dem Auto birgt und noch jedes gefundene Portemonnaie und jede an der Bushaltestelle vergessene Stradivari unter lautem klack-klack-klack der Kameras wieder seinem rechtmäßigen Besitzer übergibt. Ich liebe Happy Ends, deswegen ist diese Geschichte von den syrischen Fluthelfern auf jeden Fall ein schöneres Märchen als die Geschichte vom erschöpften syrischen Flüchtling, der nach tagelangem anstehen vor dem Lageso vor Erschöpfung zusammenbricht und nach der Einlieferung im Krankenhaus stirbt. Obwohl diese Geschichte zugegebenerweise so gut und hochdramatisch inszeniert wurde, dass ausnahmslos alle Zeitungen auf die Lügen des Aktivisten Dirk V. vom Verein ‚Moabit Hilft‘ aufsprangen und – als erste Zweifel aufkamen – Dominik Rzepka vom ZDF-Hauptstadtstudio sogar twitterte, er wüsste, in welchem Krankenhaus der tote Syrer liegt. Das Problem ist halt nur – ich stehe nicht so auf traurige Storys. Ich musste bei Dirk V.s Geschichte Rotz und Wasser heulen wie damals im Kino bei „das letzte Einhorn“ in der Szene, als Prinz Lir das Einhorn vor dem roten Stier beschützen will, sich diesem zum Kampf stellt und getötet wird.

Also, liebe Bürgerinnen und Bürger der Bunten Republik Deutschland, liebe Genossinnen und Genossen. Das Leben rast, die Ereignisse schlagen Volten, und wann, wenn nicht jetzt, sollte ich meinen Traum wahr machen, in Zukunft meine Brötchen mit Drehbüchern zu verdienen.
Man hat ja eine leise, ungefähre, vage Ahnung, was dem Auftraggeber gefallen könnte, also starte ich mit einem Krimi.

Polizeiruf 110 – Tatort Reihenhaus
Intro.
Rückblende. Ein Montag Nachmittag im Spätherbst 2015, es dämmert. Stefan Jagd, ein Lokalpolitiker einer fiktiven Partei namens ‚Heimat-Alternative‘ (Logo: rotes HA auf blauem Grund), rast mit seinem Volkswagen (was sonst?) in Richtung Dresden. Am Auto flattert die Deutschlandfahne, am Heck prangt „Todesstrafe für Kinderschänder“. In einer Kurve bricht eine Rotte Wildschweine hinter einer mächtigen Eiche hervor, bringt sein Auto ins schleudern, Kamerad Jagd verliert die Kontrolle, landet im Strassengraben. Rauch, ein fiepen im Ohr, dann Stille.
Schnitt.
Ein Bus aus der Gegenrichtung. An Bord syrische Flüchtlinge mit niedergeschlagenen Gesichtern, denn einer der Ihren starb am Vortage. Die Flucht über das Mittelmeer überlebte er, doch nach tagelangem vergeblichen anstehen vor dem Berliner Lageso kollabierte er vor Erschöpfung und starb bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Und jetzt wird diese Gruppe, viele Frauen, viele Kinder, ansonsten Familien, ausgerechnet ins sächsische Clausnitz verlegt. Clausnitz, die Schande Deutschlands und der gefährlichste Ort der Welt für einen syrischen Flüchtling. Na gut, der gefährlichste Ort gleich nach Aleppo.Der Bus bremst vor dem qualmenden Wrack, eine kleine Gruppe von syrischen Männern steigt aus und obwohl HA-Funktionär Jagd mit seinem braunem Hemd, mit dem Compact-Heft hinter der Frontscheibe (die legendäre Ausgabe mit Frauke Petry auf dem Cover, soll den Zuschauer an den AfD-Skandal der Jenaer Polizei erinnern) und der offen liegenden Frey.Wild-CD klar als Nazi zu erkennen ist, sehen die Syrer in diesem Moment in ihm nur den verletzten Mensch, der Hilfe braucht. Sie retten Kamerad Jagd aus dem Auto, führen vor Ort eine medizinische Erstversorgung durch, übergeben ihn schließlich in die Obhut der eintreffenden Rettungssanitäter.

Klappe, schwarzer Bildschirm, Filmmusik. Fette Einblendung.
„Tatort Reihenhaus.“

Ins hier und jetzt, Frühjahr 2016. Ein Hochwasser wälzt sich durch das fiktive sächsische Dorf Kloppe a.d. Elster, alles unter sich begrabend. Jens Schmand, der feiste, rotbäckige Traktorist der örtlichen LPG „Heimatscholle“, starrt fassungslos auf die braune Flut vor seinem Fenster. Die Kamera zoomt zurück ins Zimmer von Traktorist Schmand, auf dessen Computerbildschirm die RT-Liveübertragung der montäglichen Pegida-Demonstration läuft. Die Kamera blendet ab, bewusst mit Schärfe/Unschärfe spielend. Die Kante des Fensterbrettes ist die Trennlinie, der künstliche Horizont des Bildes. Oberhalb dieses Horizont in der Unschärfe sieht man die braune Flut, die sich durch Kloppe a.d.Elster wälzt, unterhalb des Horizontes in der Schärfe die braune Flut, die durch Dresden marschiert.
Was … ?? wie bitte … ?? Nein, verdammt nochmal, ich werde Sie nicht endlich mit dieser endlosen, überbordenden Metaphorik in Frieden lassen. „Weniger ist mehr“ gilt bei ARD & ZDF vielleicht für die Sparten Unterhaltung, Kunst, Kultur, Politik und vor allem gilt es für die Nachrichten – aber ganz sicher gilt es nicht für den Staatsbürgerkundeunterricht. Schauen Sie wirklich niemals Tatort … ?? Also gut, ich erkläre es Ihnen. Dort läuft es für gewöhnlich so, dass die sympathische, attraktive, türkische Kommissarin beim besorgten Bürger ermittelt und anfänglich wirkt der Typ gar nicht mal so unsympathisch. Man denkt, ‚ein Mensch mit Alltagssorgen, vielleicht ein kleiner Gimpel, aber sicher kein schlechter Kerl‘ – und dann, sobald er sich unbeobachtet fühlt, zischelt der „besorgte Bürger“ mit hasserfüllter Fratze „Türkenfotze“. Oder schauen Sie auf das Meisterwerk des ZDF: „NSU – Mitten in Deutschland“. Die Jenaer sächseln, im Jugendklub brüllen alle „Sieg Heil“, worauf der Sozialarbeiter nur eine milde „Och Kinners“-Reaktion übrig hat usw.usf.
Sie sehen … there is no thing like: „just too much“ …

Der deutsche Fernsehzuschauer will abgeholt, mitgenommen werden. Den kann man nicht mit dezenten Andeutungen im Regen stehen lassen und darauf hoffen, dass er Gleichungen wie: „der Mond scheint, also ist es Nacht“ alleine lösen kann. Der deutsche Zuschauer braucht Denkbegleitung. Und jetzt halten Sie endlich die Klappe und hören Sie weiter zu.

Kloppe a.d.Elster liegt unter einer Schlamm- und Gerölllawine begraben, abgeschnitten von der Außenwelt, durch die Überalterung des Ortes unfähig, sich selbst zu helfen. Doch Hilfe kommt aus einer Richtung, aus der man sie am wenigsten erwartet hätte. Aus dem nahegelegenen Claußnitz machen sich die syrische Flüchtlinge aus der Eingangssequenz auf den Weg, zusammen mit ihrem jungen sympathischen, langhaarigen, evangelischen Pfarrer. Dieser hatte vor Monaten bei seinem Lampedusa-Urlaub ein Flüchtlingsboot erworben, instandgesetzt, und es nach den furchtbaren Ereignissen von Clausnitz als Altar und Mahnung in die heimatliche Kirche geholt. Dieses Flüchtlingsboot wird in Claußnitz zu Wasser gelassen (ersparen Sie sich bitte Recherchen, ob Claußnitz überhaupt an der Elster liegt. Es hat keine Relevanz), und unter Gefahr für Leib und Leben macht sich die syrische Besatzung Besatzung auf den Weg. In Kloppe a.d.Elster angekommen, retten Sie Menschen, räumen sie Keller, widerlegen alle bestehenden Vorurteile, die nur deswegen bestanden, weil die Klopper vorher noch nie mit Menschen jenseits ihres Tales in Berührung kamen.
Doch die Zuneigung der Bewohner von Kloppe a.d.Elster ruft dunkle Neider auf den Plan. Eine Bürgerwehr unter Führung von HA-Kader Jagd gemeinsam mit dem örtlichen CDU-Vertreter Dieter Oeler lauert den syrischen Rettern auf, überwältigt sie, fesselt die Syrer mit Kabelbindern an Bäumen, und zerstört die unersetzliche Reliquie, das heilige Flüchtlingsboot, Symbol der Hoffnung auf eine gerechtere Welt.
Und jetzt die Schlüsselszene. HA-Funktionär Jagd schreitet mit gehässig-siegesbewusstem Blick die Reihe der gefesselten Syrer ab, Blicke kreuzen sich, gegenseitiges erkennen – der Auto-Unfall im Herbst. (Wenn Sie jetzt einwenden, dass Kamerad Jagd niemand erkennen kann, weil er ohnmächtig war, zeigen Sie damit nur, dass Sie immer noch nichts geschnallt haben – solche Dinge haben in deutschen Produktionen keine Relevanz). Der älteste der Syrer, Muhamad Ali, ein gütig lächelnder grauhaariger Mann, ruft:“Bruder, du?“ … und für drei Sekunden sieht man ihre Augen in der Totalen, so wie die Augen von Charles Bronson in „Spiel mir das Lied vom Tod“, wenn er zur Mundharmonika griff und jeder wusste: gleich stirbt ein Mensch. Spannung pur. Zeigt Jagd vielleicht doch menschliche Züge??
Ein lautes: „foltert sie!“ macht alle Hoffnungen zunichte. Die Bürgerwehr tritt vor die gefesselten Flüchtlinge und zwingt ihnen Schweinekoteletts in den Mund, doch zum Glück hört man schon von der Ferne die Sirenen des Staatsschutzes, welche von Traktorist Jens Schmand alarmiert wurden, der weinend in seiner schäbigen Wohnung zum Telefonhörer griff, weil ihm – wie den anderen Bewohnern von Kloppe a.d.Elster – durch den Edelmut der syrischen Retter schamvoll bewusst wurde, wie blind, vorurteilsgetränkt und beschränkt er bis jetzt durch das Leben ging. In der Schlusssequenz quittiert seinen Job, schreibt sich in Leipzig für ein Studium der ‚kritischen Weißseinsforschung‘ ein und die Syrer ziehen nach Kloppe a.d.Elster, wo sie fortan als geachtete Bürger leben und der Stadt neues Leben einhauchen.
THE END

 

Leipzig, 03.06.2016

Wolfram Ackner

 
http://remszeitung.de/2016/6/2/peinliche-hochwasser-inszenierung-mit-fluechtlingen-in-der-weststadt/

http://peymani.de/syrische-retter-der-ideologische-unfall-der-frankfurter-rundschau/

http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_78012562/buergerwehr-streit-polizei-verteidigt-vorgehen-in-arnsdorf.html

http://www.achgut.com/artikel/die_woelki-autopsie_1_wir_betreiben_sklavenhaltung

http://t.haz.de/Hannover/Aus-der-Region/Barsinghausen/Nachrichten/Unbekannte-legen-Koteletts-auf-Fensterbaenke-des-Fluechtlingsheims

http://www.deutschlandfunk.de/critical-whiteness-weisssein-als-privileg.1184.de.html?dram:article_id=315084

to pee or not to pee, that’s the question …

Neidisch. Kaltherzig. Einfältig. Geistlos.
Das sind für gewöhnlich die Attribute, mit denen die tonangebenden Edelmenschen in Politik&Medien fortschrittsverweigernde Kleinbürger wie mich etikettieren. Glauben Sie mir, nichts liegt mir ferner, als mich darüber zu ereifern. Von mir aus können sich die Guten auch weiterhin tagtäglich einen auf ihre eingebildete Überlegenheit ‚runterholen‘, wie man es bei uns auf dem Bau ausdrücken würde. Die Dinge sind nun mal, wie sie sind. Regen fällt vom Himmel zur Erde, Wasser fließt vom Berg ins Tal und die linksgrüne Bourgeoisie verdrückt in der Öffentlichkeit gerne Tränen der Rührung über die Reinheit der eigenen Seele und Tränen der Entrüstung über die Bosheit der anderen. Ist mir zu mühsam, mich jeden Tag auf’s Neue über die Doppelstandards der Helldeutschen und ihre Logikfehler aufzuregen. Ich ziehe mich da lieber unser Gärtchen zurück „und richte ein Blume hin, beziehungsweise meine Frau macht es zusammen mit dem Gärtner“, wie es Ede Stoiber ausdrückte, bevor er zur EU abdelegiert wurde, um eine neue Bürokratiebekämpfungs-Bürokratie aufzubauen. Denn Grün beruhigt die Nerven.
Zumindest dieses Grün.

Nein, ich wähle diese Einleitung, weil ich auf etwas völlig anderes hinauswill. Da in ostdeutschen Städten das Wort „Speckgürtel“ höchstens in Bezug auf das Adipositas-Problem in den typischen Hartz IV-Ghettos Anwendung findet, weil die Einkommen wohl bis zum St.Nimmerleinstag weit unter Westniveau bleiben werden und sich selbst Doppelverdiener-Ehepaare wie wir mächtig zur Decke strecken müssen, um Rechnungen und Raten bezahlen zu können, schiele ich schon so manches Mal voller einfältigen, kaltherzigen, geistlosen Neid dorthin, wo die wirklich vollen Fleischtöpfe stehen.

Ich will nicht länger als Montagearbeiter durch die Republik pendeln, durch Dreck robben, Dämpfe atmen, Schleifstaub fressen, Überstunden leisten, um mitzuhelfen, Kraftwerke, Raffinerien, chemische Großbetriebe am laufen zu halten, die in unserer neuen, grünen, nachhaltigen, digitalen Wunderwelt (wo Geld offensichtlich nicht mehr erwirtschaftet werden muss, sondern von der EZB nach Bedarf gedruckt wird) als Steinzeitrelikte betrachtet werden. Ich will nicht mehr die Knochen hinhalten für unsere Großdenker in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten oder die Edelfedern in den Redaktionsstuben, die mittlerweile ihren Lebensunterhalt ausschließlich damit zu verdienen scheinen, sich von den Werte schaffenden Malochern dafür bezahlen zu lassen, denen als Gegenleistung ihren Alltagsrassismus, ihren ‚Extremismus der Mitte‘ zu erklären. Ich will nicht mehr mein Auto zuschande fahren, die zeitweilige Trennung von meiner Familie in Kauf nehmen, um Hofnarren wie Oliver Welke oder Jan Böhmermann zu finanzieren. Hey, ist es ein Wunder, dass Dinos wie ich der guten alten Zeit hinterhertrauern … ?? Früher bezahlten die Fürsten ihre Hofnarren, damit sich die kleinen Leute auf Kosten des Hofstaates amüsieren durften. Heute bezahlen wir Zwangsgebührenzahler Hofnarren wie Welke oder Böhmermann, damit die Fürsten und ihre Hofschranzen auf Kosten der einfachen Leute was zum lachen haben.
Nein, ich will nicht mehr, und ich stehe zu meinem Neid. Ich will auch ein Meinungsbildner werden. Ich will mich auch dafür bezahlen lassen, andere Leuten von früh bis Abends meine Weltanschauung um die Ohren zu knallen – egal, ob diese es hören wollen oder nicht. Ich will auch mit Oberlehrer-Attitüde anderen Menschen mit einem Finger vor dem Gesicht rumfuchteln … es muss ja nicht zwangsläufig der Zeigefinger sein.

Leider gibt es da ein Problem. Genau so, wie die Globalisierung der Weltwirtschaft bei uns in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe einiges durcheinandergewirbelt hat, macht die Globulisierung der Redaktionsstuben den Verlagshäusern wirtschaftlich zu schaffen. Die Leute kündigen einfach in Scharen ihre Abonnements, weil sie keine Lust mehr auf linksgrün angehauchten Staatsbürgerkunde-Unterricht haben, auf diese ‚alternativlose‘ progressive Einheitsmeinung von FAZ bis TAZ. Zwar wird von Seiten der Politik und der Journalistenlobby ernsthaft daran gearbeitet, die bewährte „Demokratie-Abgabe“ namens Rundfunkbeitrag in eine „Demokratieplus-Abgabe“ umzuwandeln, welche auch die staatliche Alimentierung der Tageszeitungen umfasst, aber bis es so weit ist, muss ich dorthin, wo der Kunde kein Mitspracherecht darüber hat, ob er das Produkt kaufen will oder nicht. Ob es ihn interessiert oder nicht. Oder ob er sich gar davon belogen, diffamiert und beleidigt fühlt. Ich muss zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern.

Früher dachte ich immer, es wäre aus Gründen des Umweltschutzes, wenn die Stars der Öffis und der Leitmedien Dinge erzählen, die automatisch jeden einfachen Bürger in Wutgeheul ausbrechen lassen. Ich dachte, dass es mittlerweile sicher auch hier im Land der erneuerbaren Energien so läuft wie in meinem Lieblingsfilm „Monster AG“ … dass unser Land mit umweltfreundlicher Kreischenergie elektrifiziert wird. Anja Reschke, Augstein, Posener, Wizorek, Diez, Berg, Restle, Lobo, Mikich, Hayali; und wie sie alle heißen, sind in Wahrheit Mike Glotzkowsky, James P. Sullivan, Randale Jogge, Don Carlton, Squishy Squibbles, Terri&Terry Perry und Miss Hardscrabble. Sie sind in Wahrheit Schrecker der Monster AG, die unter der genialen Tarnung als „kritische, linksintellektuelle Journalisten-Elite“ die Aufgabe haben, unseren Planeten mit grüner Kreisch-Energie zu versorgen und um die dümmsten Rübenschweine von der rechten Strassenseite zu Hassmails zu provozieren, die man wiederum dazu verwenden kann, die Notwendigkeit der staatlichen Finanzierung von Qualitätszeitungen zu begründen.

Aber dann las ich in der ‚Jüdischen Rundschau‘ ein Interview von Chaim Noll mit dem Sprecher der israelischen Siedler, Elyakim Haetzni. In diesem Interview erzählte Haetzni einen Witz. In den Erzählungen der arabischen Welt lebt eine Narrenfigur namens Dshocha. Dieser Dshocha schlendert eines Tages durch die Straße und die spielenden Kinder machen ihn nervös. Da sagt er: „lauft zum Ende der Straße, dort steht einer und verteilt Bonbons“. Und alle Kinder laufen hin. Plötzlich denkt Dshocha: ‚dort gibt es kostenlose Bonbons und ich stehe hier rum?‘, und läuft hinterher.

Und genau das war es, was mir plötzlich über den Wesenskern der Globulisierung bewusst wurde. Es ist gar nicht so, dass es sich unsere Journalisten zur bewussten Aufgabe gemacht haben, kreuzbrave Rotgrünwähler zu züchten. Es ist gar nicht so, dass wache Geister in den Redaktionsstuben aus taktischen Gründen Nonsense-Artikel wie: „Fakten gegen Dummheit“, „Fakten gegen Vorurteile“ publizieren, um Shitstorms heraufzubeschwören, die man wiederum propagandistisch ausschlachten kann. Es ist viel besser! Unsere Meinungsproduzenten sind der Dshocha! Die glauben tatsächlich selber all den Mist, den sie schreiben. Genau das werde ich mir zu Nutzen machen, um mir meinen Weg an den Trog der Öffis zu wühlen. Wenn ich mir die zahlreich übertragenen Galas anschaue, auf denen sich die Guten selbst abfeiern, wo die Iris den Udo für sein „langjähriges Engagement gegen Rechts auszeichnet“, und die Margot den Til für seinen „Kampf gegen Hetze“, und die Dunja von Bundespräsident Gauck für ihre Zivilcourage ausgezeichnet wird … und bei der nächsten Gala wird dieser Ringelpitz mit umgedrehten Rollen gespielt, bis alle Guten und Wichtigen dieses Land mal dran waren … dann weiß ich, mit welcher Sorte von Drehbüchern ich mich bei meinem MDR um die Ecke vorzustellen habe, welche Tonart ich anschlagen muss.

So here we go … die Sendung mit der Maus.

Die Maus und der blaue Elefant fahren zusammen in den Urlaub, beziehungsweise sie buchen – wie viele unverdientermaßen wohlhabenden Tiere der westlichen Welt – ein Kreuzfahrt. Auf einem großen Schiff mit ganz viel essen, trinken, Spaß und Tanz. Plötzlich erhebt sich ein durch die menschgemachte Klimaerwärmung ausgelöster Orkan und schleudert die sich eben noch sorglos amüsierende Maus und den blauen Elefant aus dem Boot, treibt sie an die afrikanische Küste. Erschrocken sieht die Maus, dass die afrikanischen Mäuse viel magerer und kleiner sind, und gar nicht so schön wie sie selbst mit den Wimpern klimpern können, weil sie gar kein Geld für lange, künstliche Wimpern haben. Die afrikanischen Mäuse müssen jedes Korn dreimal umdrehen, weil das furchtbare Ungeheuer Monsato ihre traditionelle Ernte zerstört. Der blaue Elefant wiederum schämt sich zu Tode. Was war er immer stolz auf sein schönes blaues Fell gewesen. Was hatte er immer über den hässlichen, grauen Elefanten im Zoo gespottet und ihn höhnisch über das Gitter hinweg angetrötet. Und auf einmal sieht er – alle Elefanten sind in Wahrheit grau und er selbst ist der Aussenseiter. Und statt es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, sind die anderen Elefanten freundlich, spenden Trost, brechen gemeinsam mit ihm das Affenbrot. Da schämten sich Maus und blauer Elefant, weil ihnen klar wurde .. alle Tiere sind Exoten, fast überall. Wir sind eine Welt. Erst wenn der letzte Fluss vergiftet, der letzte Affenbrotbaum gerodet, das letzte Maiskorn mit natürlichem Erbgut weggeschnorpst wurde, werde ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.

Oder halt, noch besser. Ich schreibe ein Sequel für Jan Böhmermanns neuestes gefeiertes Meisterwerk „Be Deutsch! (ACHTUNG. Germans on the Rise!)“. Die fröhlich-bunt-toleranten gegen die mausgrau-aggressiv-verbiesterten, nur dass ich in meiner Fortsetzung darauf verzichten würde, dass ein kleines Buntmädchen die düsterdumpfen Flüchtlings-, Homo- und Europahasser als Pimmelköppe, Fickfressen, asoziale Knallköppe, Arschlöcher und Fotzen bezeichnet und diese von den Guten aus dem Land getrieben werden. Ich stehe auf Happy Ends.

„BE ROMAN! (Attenzione. Romans on the Rise!)“
Verzerrte Powerchords, Larghissimo.
Dunkler, verhangener Himmel, römische Soldaten in Uniform, von der Befestigungsanlage mit feindlichen Blicken die heranströmenden Fremden betrachtend. Knurrender Chor:
„Hunnen, Goten, Langobarrrden/
wirrr können nicht mehrrr lange warrrten“

Bäm, die Pauke. Der Himmel reißt auf und Minerva, die Göttin der Weisheit, schwebt zur Festungszinne hernieder, wehende Haare, die Hände zur Raute geformt.
Allegretto, mezzosopran, Streicher:
„OH NO!“ Paukenschlag, ganze Pause „OH NO!“ (8mal)
niemals sollt ihr es wagen/
den hass im herz zu tragen.
„OH NO!“ (4mal)

Bridge (in Englisch, um den polyglotten Anspruch zu unterstreichen)
Zögerlich sieht man die Soldaten ihre Waffen niederlegen und ihre Uniform ausziehen. Darunter kommen gestrickte Hemden, rosa Stringtangas, Regenbogenmotive zum Vorschein.
„Diversity and Tolerance/
sustainability, my friends (Two times)
vegan vegan, apple pie/
it’s not a piece of meat I fry“

Ein fröhlich-folkiger Schluss-Chorus. Die Hunnen, Goten, Langobarden reiten in endlosen Kohorten in die Stadt ein und was von der Ferne wie eine bedrohliche Reiterschar wirkte, entpuppt sich jetzt als fröhlich im Kreis fahrender, klingelnder Fahrradkonvoi.
Hunnen:“how should you know/how should you know/auch wir sind Menschen/sowieso“
Römer:“Germania oder Römsches Reich/wir sind Menschen/alle gleich“
Alle:“Veränderung und Neubeginn/sind für alle ein Gewinn/Wir hören auf/mit Holz zu feuern/Solarstrom soll uns jetzt erneuern/und für eine bessere Welt/brauchen wir das Bürgergeld“
Römer:“Wir brauchen, Hunnen, euren Rat/für einen liebenswerten Staat“

Schlussakkord und ein letzter, langsam in die Ferne zoomender Blick über ein im neuem Reichtum und Glanze erstrahlendes Rom.

Ich schwöre, ich könnte von MoMa bis Tatort jedes Format bestücken, und ich würde es mit Freude tun, denn was gibt es schöneres, als Leute zu verspotten, die mit all ihrer Medienmacht über Wehrlose herfallen … ??
Und grandios finde ich die Vorstellung, wie die Welkes und Böhmermanns dieses Landes mit dieser Sorte von infantilen Bullshit ebenfalls viel viel Geld verdienen zu können.
Ihr Geld.
Deswegen möchte ich Sie bitten, einmal kurz die Augen zu schließen, sich das Bild von Danny de Vito in „Other Peoples Money“ vor Augen zu rufen und mich als Lawrence Garfield mein Schlusswort sprechen zu lassen.

„Ich liebe Geld! Ich liebe Geld mehr als alles, was man dafür kaufen kann! Sind Sie etwa überrascht? Dem Geld ist es egal, ob ich ehrlich bin oder nicht. Es ist ihm gleich, ob ich schnarche oder nicht. Ihm ist es egal, welchen Gott ich preise. Ich kenne nur drei Dinge auf der Welt, von denen man so bedingungslos akzeptiert wird: Hunde, Donuts und Moneten. Nur Moneten sind besser! Wissen Sie wieso? Weil Sie davon nicht zunehmen und weil es Ihnen auch nicht auf den Teppichboden kacken kann! Es gibt nur eine Sache die ich noch lieber hätte: das Geld anderer Leute!“

Glühende Landschaften

Irritiertes blättern in den Papieren, ratlose Blicke über den Rand der Brille hinweg ins Rund ob der Reporterfrage nach dem Umsetzungsdatum der von ihm gerade vom Blatt abgelesenen neuen Reisefreiheiten für die Bürger der DDR.

„Das tritt nach meiner Kenntnis … tritt das sofort, unverzüglich … in Kraft… “

An diesen Satz, mit dem ZK-Mitglied Günther Schabowsky (der im Spätherbst 89 von den schwer ins schlingern geratenen ostdeutschen Machthabern an die Medienfront entsandt wurde, um den manöwrierunfähigen, rostigen Seelenverkäufer namens SED wieder flott zu kriegen) unabsichtlich die nächtliche Erstürmung der Berliner Mauer auslöste, muss ich oft in diesen Tagen denken, als gut gemeinte, aber unbedachte Worte Angela Merkels dafür sorgten, dass sich hunderttausende, vielleicht bald Millionen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika in Richtung Deutschland auf den Weg machten und machen. Damals vor 26 Jahren sorgte dieser eine Satz in einer Kettenreaktion dafür, dass innerhalb kürzester Zeit ein scheinbar für die Ewigkeit aus Beton gegossener Unrechtsstaat wie ein Kartenhaus bei einem plötzlichen Windstoß in sich zusammenfiel. Denn große Umwälzungen beginnen oft so. Mit wenigen Worten, die wie Blitze einschlagen, von Ohr zu Ohr springen, Menschen elektrisieren und in Fieber versetzen, und, so wie kleinste Flussäderchen vom Berge rinnen, sich zu Adern vereinen, die zusammenkommenden Adern zu Flüssen verschmelzen und die Flüsse zu reißenden Strömen, so kamen an jenem 09.11.89 die neugierigen Berliner zu den Grenzübergängen gelaufen. In unzähligen Wohnungen schalteten die Ostberliner nach Schabowskys Ankündigung kurzentschlossen ihre Fernseher aus, löschten das Licht, traten auf die Straßen und setzten sich wie sanft fließendes Wasser in Bewegung. Das umgebende Delta aus Alleen, Gassen, Nebenstrassen spuckte unaufhörlich seinen Inhalt in die Hauptstrom und an der Staumauer – dem Schlagbaum – staute sich rasch ein Menschenmeer.Tausende standen schließlich vor den ahnungs- und ratlosen Grenzpolizisten. Tausende Menschen, neugierig, schüchtern erst, dann mutiger werdend, Fragen stellen, schließlich laut skandierend das öffnen der Grenze fordernd. In den gesicherten Wachgebäuden telefonierten sich die Offiziere die Finger wund und gaben schließlich resigniert das Zeichen.
Das Wunder geschah.
Die Grenze zwischen Ost und West hörte auf zu existieren.
Der Atem der Geschichte pustete freundlich-amüsiert über das Kartenhaus der ‚Deutschen Kratschen Republik‘ – wie unser Honi immer in die Mikrophone fispelte – und nur zehn Monate später, am 03.Oktober 1990, trat die DDR nach Art. 23 GG dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland bei.

Die Umwälzungen waren rasant. Am 1. Juli 1990 wurde die Deutsche Mark eingeführt. DIE!!! D-Mark!!! Inbegriff all unserer Wünsche und Sehnsüchte. Ein Facharbeitergehalt in der DDR lag so um die 600 Ostmark. Ich als Jungfacharbeiter auf Montage verdiente etwa 800 Mark. Monteure, denen das heißbegehrte Glück widerfuhr, in die Hauptstadt beordert zu werden und dort statt neun Mark Auslösung am Tag die begehrte „Berlin-Zulage“ von 19 Mark/täglich kassieren zu können, verdienten auch schon einmal tausend und knapp mehr im Monat. But this was the end of the line – wie man heute im Weltläufigkeit suggerierenden Neudeutsch vermutlich sagen würde – wo die gute alte Sekretärin zum ‚Office Manager‘ aufgeblasen wird, der Sanitärtrakt plötzlich ‚facilities‘ heißt, Wirtschaft & Verwaltung auf devil komm raus outsourcen, der Autovermieter Sixt es harder als andere tried … und wo Leute, die dieses amüsant-ärgerliche Denglisch als provienziell belächeln, als ‚unsophisticated‘ bezeichnet werden.

Sicher waren in der DDR die Dinge des täglichen Lebens spottbillig – ein Brötchen 5 Pfennig, eine Strassenbahnfahrt 20 Pfennig, ein Bier in der Kneipe fünfzig Pfennig, für unsere hochherrschaftlich 120 qm-6Zimmer Wohnung 115 Mark – aber alles was über die täglichen, allereinfachsten Bedürfnisse hinausging war entweder nicht vorhanden, nur gegen DM erhältlich oder unbezahlbar. Für unseren ersten echten Luxusgegenstand – einen kleinen Farbfernseher mit sechs von Hand zu schaltenden Programmen – mussten meine Mutter Annemarie und ihr zweiter Mann Bringfried 6000 Ostmark auf den Tisch legen, fast ein komplettes Facharbeiter-Jahresgehalt. Aber hey, jetzt war die Fernsehcouch tatsächlich wieder der Ort, wo die ganze Familie zusammenkam. Farbe! Urst fetzig.
Und wir Ostdeutschen waren unglaublich ausgehungert nach wenigstens einem klitzekleinen Zipfelchen Luxus, nach etwas, dass über Schlagersüßtafel und Schneejeans hinausging – und diese Dinge gab es nur gegen ‚harte‘ (wie wir selten hinzuzufügen vergaßen) D-Mark im Intershop zu kaufen. Ach, den Geruch des Intershops werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In perfekt ausgeleuchteten, noblen Ambiente lagen all der Luxus dieser Welt – Coca Cola, Westschallplatten, echte Schokolade, Pall Mall, Whisky, Schnapskaraffen aus Kristallglas und viele viele Schätze mehr – und dieser süße, betäubende Duft des Intershops, diese olfaktorische Mischung aus Waschmittel, Kaugummi, Kaffee, Tabak und Hochglanzbroschüren, versetzte uns jedesmal beim betreten in eine gespannte, fast schon euphorische Stimmung, in pure Aufregung.
D-Mark war DAS Zauberwort, das in der DDR alle Türen öffnete. Schon mit fünfzig Westpfennig war man dabei und konnte den kleinsten Forumcheck kaufen – jene ‚Banknote‘, die als ausschließliches Zahlungsmittel im Intershop akzeptiert wurde. Drei D-Mark waren bei uns Jugendlichen eine echte Hausmarke und mit zehn D-Mark war man reich. Zu meiner Jugendweihe bekam ich von Bringfrieds Schwester Siglinde und ihren Mann Ralf aus Ludwigshafen 25 D-Mark geschenkt – was mich wie Rockefeller fühlen ließ. Als meine Mutter Annemarie, die auf das Zubrot aus dem in der DDR üblichen ‚Zimmer vermieten‘ angewiesen war, eines schönen Tages beim Badeofen anheizen von einem gerade eingecheckten Messegast mit den Worten überrascht wurde, dass er gleich bezahlen möchte, und er ihr hundert Mark West statt hundert Mark Ost in die Hand drückte, stand sie wie vom Schlag gerührt da, fand ihre Sprache erst nach langer Zeit wieder.
So, wie meine Mutter sich in diesem Moment fühlte, müssen sich vor 150 Jahre am Klondike-River in Alaska Goldsucher gefühlt haben, die nach Goldsand schürften und urplötzlich auf taubeneigroße Nuggets stießen. Das endlose, fassungslose, betäubte Schweigen vor dem Freudenschrei.
GOTTVERDAMMTE HUNDERT D-MARK!!!!

Diesen Sprung auf der Zeitachse zurück in eine Ära, als uns das Zeitalter des ‚Real Existierenden Sozialismus‘ wie angelegt für die Ewigkeit vorkam, musste sein, denn leider/zum Glück (der geneigte Leser mag je nach eigenem Gusto das eine oder das andere streichen) ging dem ‚Real Existierenden Sozialismus‘ schon nach 40 Jahren die Puste aus und ich wollte euch gerne den Stellenwert, den Status, die fast schon göttliche Aura begreifbar machen, welches die D-Mark für uns Ostdeutsche umgab. Und damit springen wir zurück in den Frühsommer 1990, als – noch vor der Wiedervereinigung – die Einführung der DM unmittelbar bevorstand.
Der zu DDR-Zeiten marktgerechte Umtauschkurs DDR-Mark zu D-Mark betrug etwa 5:1, vorausgesetzt, man fand jemand, der bereit war, einem D-Mark zu verkaufen. Der offizielle war da mit 1:1 weit günstiger, hatte allerdings einen kleinen Haken, einen winzigen Pferdefuß. Er funktionierte nur in eine Richtung. Wir durften keine DM kaufen, die in die DDR einreisenden Westdeutschen MUSSTEN allerdings pro Tag zwangsweise 25 harte Mark zum offiziellen Kurs in unsere Aluchips tauschen. Allerdings nur bei der Einreise. Bei der Ausreise mussten sie ihre übriggebliebenen Aluchips zum Marktkurs von 5:1 in D-Mark zurücktauschen, wenn sie nicht wegen illegaler Ausfuhr von Mark der DDR verhaftet werden wollten. Klingt wie eine gute Geschäftsidee und war es auch, viereinhalb Milliarden dringend benötigter Devisen nahmen unsere roten Bonzen im Laufe der Dekaden mit diesem Raubrittertum ein. Zusammen mit den Milliarden von ihren anderen mafiösen Geschäftsfeldern, nämlich dem Verkauf von politischen Gefangenen oder von geraubter Kunst in den Westen und nicht zuletzt mit dem von F.J.Strauss eingefädelten Milliardenkredit, konnte sich die DDR zumindest bis 89 mehr schlecht als recht über Wasser halten. Aber ich glaube, ohne die in meiner geliebten Heimatstadt Leipzig eingeleitete Wende wären die in unserer recht offenen, überraschend kritischen und deswegen so überaus beliebten monatlichen Satirezeitung ‚Eulenspiegel‘ abgedruckten, sarkastisch verfremdeten Propagandasprüche ala „Von der Sowjetunion lernen heißt siechen lernen“ (Originalparole: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“) oder „Ruinen schaffen ohne Waffen“ (Originalparole:“Frieden schaffen ohne Waffen“) schon sehr bald traurige Wirklichkeit geworden.
Und jetzt, am erstem Wochenende nach der Maueröffnung, stand der Umtausch-Kurs schon bei 1:10. Am zweiten Wochenende in Freiheit, dass ich in Ludwigshafen bei meiner im Sommer geflüchteten Mama und ihrem bereits 87 nicht von einer Besuchsreise zurückgekommenen Mann Bringfried verbrachte, schnellte der Kurs auf 1:20 hoch, was Bringfrieds Schwager Ralf, einem selbsternannten Finanzexperten und – wie wir uns all die Jahre ehrfürchtig zuraunten – Geschäftsmann, dazu veranlasste, mich händeringend davon zu überzeugen, dass ich jetzt all meine Ersparnisse in Wertgegenstände wie einen Farbfernseher investieren sollte, da ich mir mit meinem Geld vermutlich nächstes Wochenende schon „nur noch den Arsch abwischen kann“. Glücklicherweise hatte ich kein Geld. Ich hätte mich vermutlich sehr geärgert. Denn plötzlich dampfte die Lok in die völlig entgegengesetzte Richtung. In jenen ersten Tagen der offenen Grenzen verließen täglich zwischen zweitausend und dreitausend Menschen die DDR und unter diesem Druck, dieser Abstimmung mit dem Füßen, preschte der westdeutsche Kanzler Helmuth Kohl plötzlich beherzt vor. Plötzlich war von Wiedervereinigung und Währungsunion die Rede. Währungsunion! Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. DIE!!! D-Mark sollte plötzlich auch unser Geld werden. Und zwar nicht als Silberstreif am Horizont, sondern quasi übermorgen. Und zwar nicht im Kurs 20:1, nicht im Kurs 10:1, nicht 5:1 sondern 1:1 bei Sparguthaben bis 2000 Mark. Darüber hinaus gehende Guthaben plante die Bundesregierung zum Kurs von 2:1 in D-Mark umzutauschen.
Eigentlich ein Grund, um vor Freude an die Decke zu springen!
Eigentlich.
Allerdings fand ich in jenen Monaten die sich plötzlich rasant vermehrende Leipziger Anarcho- und Hausbesetzerszene unglaublich faszinierend und meine aus Trotz über Kohls Überrumpelungstaktik (wie ich es damals zumindest empfand) neuentdeckte politische Liebe, die von einem eloquenten, schlagfertigen Ostberliner Rechtsanwalt namens Gysi zur SED/PDS gewendete SED – gegen die ich all die Wochen zuvor auf die Straße gegangen war – ließ sich natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, diesen Umtauschkurs von 2:1 für Sparguthaben über 2000 Ostmark, bei dem wir Ostdeutschen vor einem halben Jahr noch vor Dankbarkeit weinend zusammengebrochen wären, als Inbegriff von Ausbeutung, sozialer Kälte und Degradierung 40 Jahre ostdeutschen Lebensleistung anzuprangern. Tja, der blutrünstige, verschlagene Sheriff von Nottingham erfand sich nur Stunden nach seiner Entmachtung als Sir Robin von Loxley aus dem Sherwood Forest neu und kaum einer fand an dieser Groteske etwas auszusetzen, am allerwenigsten ich.

Sei es, wie es sei, in allen DDR-Familien wurde plötzlich hektisch Kontostände abgeglichen und Beträge hin- und her überwiesen. In unserer Familie, in der nur unsere Omama, die Schriftstellerin Elisabeth Hering – (in Familienkreisen scherzhafterweise als ‚die Bank von England‘ bezeichnet) über erwähnenswerte Geldmittel verfügte, übernahm meine Tante Wilmi die Aufgabe, allen Familienmitglieder aus Omamas Vermögen das Konto auf 2000 Mark aufzufüllen, um die überwiesene Summe abzüglich einer fairen Provision nach erfolgter 1:1 Umstellung wieder zurücktransferieren zu können. Wir wollten nicht auch nur auf eine einzige verdammte D-Mark verzichten. Nicht auf eine!

Und wie es halt so ist, wenn es läuft, dann läufts. Plötzlich hatte ich auch meine erste feste Freundin. Ich meine, eine RICHTIGE Freundin. Nicht nur sturzbesoffen auf irgendwelchen Partys rumfummeln, wo an alles über Petting hinausgehende nicht zu denken ist, weil sich die Welt wie ein verschwommener Kreisel um einen dreht, man es schon als körperliche Leistung betrachtet, dem anderen beim knutschen nicht schwallend in den Rachen zu kotzen und die nächste Erektion schon vor drei Stunden die schriftliche Notiz hinterlegt hat, sie bitte nicht vor morgen Mittag anzurufen.
Nein, wir ‚gingen miteinander‘ … so lautete damals die korrekte Bezeichnung.
Kerstin und ich lernten uns beim gemeinsamen Molotow-Cocktail bauen kennen, auf dem Dach eines der besetzten Häuser in der Stöckertstrasse, mitten in ‚Notorious Connewitz‘ gelegen, wo ich in jenen Tagen permanent abhing, weil ich nach den verklemmten DDR-Jahren mit ihrem eingeforderten Kadavergehorsam die Atmosphäre von bunter, planloser Anarchie, von Aufbruch zu neuen Ufern, einfach nur unwiderstehlich fand, und mein Bruder Karsten zu den ersten Hausbesetzern zählte. Denn jetzt, in diesen ersten wilden freien Wochen, kam eine Menge unappetitliches hervorgequollen, dass besser weiterhin still unter dem Teppich vor sich hingestunken hätte. Die ganze Stadt wimmelte plötzlich von Nazis. Wir wussten gar nicht, wo die plötzlich alle herkamen. Denn Nazis, dass hatten uns zumindest die Genossen immer erklärt – so etwas gab es doch nur im Kapitalismus. Wenn du jetzt furchtlos&unbeeindruckt mit den Achseln zuckst, zeigt mir das sehr deutlich, dass du ein Kind des Jahres 2015 bist. Nein, ich rede hier nicht von zumeist harmlosen älteren Herren, die den Euro, Gender Mainstreaming, offene Grenzen, Energiewende oder die Vereinigten Staaten lautstark ablehnen, und die man völlig gefahrlos überbrüllen oder bespucken&bewerfen kann. Ich rede von tatsächlichen Nazis, die dir einfach im vorbeilaufen in die Fresse klatschen. Die zu viert aus dem Auto springen und auf dich eintreten. Ich rede von Hakenkreuzen, Hitlergruß, muskelprotzenden Skinheads, bomberjackentragenden Faschos mit Adolf-Haarschnitt, Schlagringen, Baseballschlägern undsoweiter. Es war beängstigend in jenen Tagen, ich ging immer nur mit durchgeladener Schreckschusspistole aus dem Haus, behielt ständig die Umwelt im Auge. Und die besetzten Häuser in der Stöckertstrasse waren damals immer schnell in Panik zu versetzen. Es reichte, wenn ein einziger behauptete, er hätte grade aus dem Auto heraus gesehen, wie sich die ‚Reudnitzer Rechte‘ oder andere Nazi-Gangs versammelten … und schon fand man sich auf dem Dach wieder, um Mollys und Pflastersteinhaufen zu bauen. Immer umsonst, der Feind kam nie – aber egal. Ich lernte beim Bierflaschenbefüllen (zweidrittel Heizöl, ein Drittel Benzin) Kerstin kennen, dass war mir den Fehlalarm wert.
Die Zusammenkünfte in den Besetzer-Wohnungen, die illegalen ‚Uffta-Uffta-Schrammelpunkkonzerte‘ in den Stö-Innenhöfen, und die heißblütigen Diskussionen mit den anderen Linksintellektuellen im fortgeschrittenen Teenageralter oder den von der Weisheit eines langen Lebens gekennzeichneten Mitzwanziger-Philosophen, welche wir in den neu entstandenen Kneipen wie dem ‚Backwahn‘ oder der ‚LiWi‘ führten, konnten mich allerdings nicht völlig dazu bewegen, dem Gift des Materialismus zu entsagen. Am Abend des 1.Juli, ein Sonntag, schlenderte ich mit Kerstin durch die Leipziger Innenstadt, um uns die Vorbereitungen für das morgen zu erwartende Spektakel anzuschauen. In den Schaufenstern der Geschäfte wurde mit Ameiseneifer der alte, mausgraue DDR-Plunder heraus und die neue kapitalistische Glitzerwelt hineingeräumt. All unsere Läden und Geschäfte wurden in jener Nacht zum Intershop umgebaut.
Die D-Mark war da!
Endlich!

Leider merkten wir sehr sehr schnell, dass mit der D-Mark nicht nur dass große Einkaufsglück kam, sondern auch die halbseidenen, schmierigen Glücksritter aus dem Westen. Jene dröhnenden, endlosschwadronierenden Lautsprecher, die – völlig zu Unrecht – das Wessi-Bild vieler Ostdeutscher prägten und in Ostdeutschland den Witz prägten, dass die Westdeutschen aus dem Grund 13 statt 12 Jahre bis zum Abitur brauchen, weil ein Zusatzjahr Schauspiel-Unterricht dabei ist. Plötzlich marschierte im Tagestakt Drückerkolonnen durch unser Haus in der Kantstrasse 5 … und wir verdrucksten, vermuggelten, trutschigen Ossis waren dieser Invasion völlig wehrlos ausgeliefert. Zum einen waren wir zu dooflieb&höflich, um einfach laut und deutlich „Nein, danke“ sagen zu können; zum anderen liebten wir Eingeborenen tatsächlich die Glasperlen, die uns im Tausch gegen Edelmetall von den weißen Seeleuten angeboten wurden, die von Bord der Santa Maria zu uns an den Strand kamen – und wir waren in jenen ersten Monaten nicht darauf vorbereitet, die Psychospielchen der Verkäufer zu durchschauen. Woher denn auch? Bis vor wenigen Tagen hatten wir schließlich in einem Land gelebt, wo wir Kunden oft genug den Verkäufern ihre ‚Bückware‘ abschwatzen mussten. Mit dem Konzept des „aufschwatzen“ waren wir einfach nicht vertraut.
So kaufte meine Mutter dem beredten Herrn mit der Alkoholfahne ein Stern-Abo ab, weil ein Teil des Erlöses an die Kindernothilfe ging, wie er ernsthaft versicherte. Ich ließ mir eine Lebensversicherung aufschwatzen, weil ich mich einfach nur schlecht gefühlt hätte, wenn der Herr mir gegenüber – der mir jetzt schon seit einer Minute den Kuli hinhielt und mir dabei zusammen mit seiner Partnerin wortlos und durchdringend in die Augen starrte – jetzt zwei Stunden seiner kostbaren Zeit verschwendet hätte, um mir meine gesicherte finanzielle Zukunft bis ins letzte Detail zu erklären, ohne dass ich wenigsten auch eine kleine Gegenleistung bringe und ihm endlich seinen Vertrag unterschreibe. Meine Oma Erna Minna war ’spitz wie Nachbars Lumpi‘ auf ihren im Briefkasten gefundenen 5000 D-Mark Rubbelgewinn, zu dessen „Einlösung“ man allerdings etwas bestimmtes kaufen und beachten musste, dass … ähm, keine Ahnung, an diesen Stellen am unteren Ende der Werbung wurde die Schrift immer so unlesbar klein. Überall auf freiem Feld, Brachen oder Hinterhöfen schossen provisorische „Autohäuser“ aus dem Boden, wo westdeutsche Händler ihre zuhause unverkäufliche C-Ware für gutes Geld an den Mann brachten. Westdeutsche Käufer strömten ins Land, um sich die Rosinen unter den Immobilien und Firmen für kleines Geld und große Versprechen unter den Nagel zu reißen. Ja, ich erinnere mich sogar an einen akuten Ausbruch von Gelbfleckenfieber in Leipzig, tausende und abertausende bemitleidenswerter Seelen waren betroffen. Tschibo verteilte runde, gelbe ‚Oh, frische Bohnen-Aufklebern‘, die man sich – sofern man Interesse hatte, einen Mercedes zu gewinnen – an gut sichtbarer Stelle auf die Kleidung, die Aktentasche oder denn Rucksack kleben und darauf warten sollte, vom ‚Undercover Tschibo-Agenten‘ angesprochen zu werden. Und prompt beklebte sich halb Leipzig mit gelben Aufklebern – in der vagen Hoffnung, von 00Tschibo angesprochen und in einen glücklichen Mercedesfahrer verwandelt zu werden.
Wenn man Freunde oder Verwandte anrief, melden die sich am Telefon plötzlich nicht mehr wie gewohnt mit „Meier“ oder „Schulz“, sondern mit einem vor Erregung zitternden: „Radio soundso, die beste Musik! Jeden Tag, den ganzen Tag!“
An den Strassenrändern standen plötzlich Autos mit westlichen Kennzeichen, die aus dem Kofferraum heraus heißbegehrte Ware verkauften, meist Pornos. Die 20 DM für unser erstes ‚Happy Weekend‘ brachte meine ‚Schweißerbrigade des HKW Ernst Thälmann‘ gemeinsam auf, und dann standen wir in der Werkstatt um die Richtplatte, grölten, brüllten und stierten auf die Bilder und ihre dazugehörigen Anzeigentexte:“40-jährige Stute sucht erfahrenen Hengst, um ihr immerjuckendes Großarschloch mit allen möglichen und unmöglichen Ding zu befriedigen. Mindestschwanzgröße 20 cm.“
So stellte sich der Westen im Osten vor.
Der blanke Rinderwahn brach aus, denn der Tanz ums goldene Kalb hatte begonnen – und wir Ossi bewegten uns auf dieser neuen, ungewohnten Tanzfläche mit der Eleganz von betrunkenen Bärenkinder auf spiegelglatten Eis. Wenn wir dabei wenigstens ein schönes, gepflegtes, geschmeidiges Fell gehabt hätten, auf das die Tapsigkeit unserer Bewegungen nicht so ins Gewicht fällt … doch – oje – nicht einmal das. Bei jungen ostdeutschen Herren war der Vokuhila-Oliba beliebt, bei den Damen die ondulierte Fönwelle. Schneejeans waren heißer Scheiß, ich liebte meinen braunen Streifencordanzug, noch Mitte der Achtziger war der sichtbar in der Arschtasche steckende Stielkamm ein modisches Accessoire, vergleichbar heute der ins Haar hochgesteckten 400€-Markensonnenbrille … und ich war als 14-jähriger wochenlang in einen einteiligen silbernen Glitzer-Anzug verliebt, der im Schaufenster unseres Exquisit-Modehauses hing und mich davon träumen ließ, oberlässig gewandet über die Tanzfläche der Schuldisco zu gleiten, welche gelegentlich im nach Kohl und chemisch geschälten Kartoffeln müffelnden unterirdischen Speiseraum meiner Schule stattfand. Ich will euch also nichts vormachen. Wir waren in jenen Wendetagen unter ästhetischen Gesichtspunkten vollumfänglich ein Witz, eine Zumutung … was uns die stilbewusst gekleideten und geschliffen formulierenden Edelfedern der Münchener, Hamburger oder Frankfurter Redaktionsstuben auch deutlich in ihren Artikeln spüren ließen.

Und so, wie 1945 nach dem Abzug der amerikanerischen Jeeps und Panzer die Russen in Pferdefuhrwerken in Leipzig einmarschierten, so rumpelte plötzlich eine Invasionsarmee aus alten Wohnwagen mit in den Fenster geklebten Herzen durch die Stadt und stellte sich, ein Wohnwagen hinter dem anderen, in der Roscherstrasse am Kraftwerk auf, unweit des Hauptbahnhofes.
Ihr Inhalt … ??
Als studierter Human-Ornithologe bin ich versucht, es so auszudrücken. In jenen Tagen wurde nach dem ‚Wendehals‘ noch eine zweite neue Vogelart auf dem Gebiet Ostdeutschlands heimisch – die Bordsteinschwalbe.
Da standen sie also, die Damen des horizontalen Gewerbes, betrachteten mit wenig Begeisterung unsere derben Malocherfressen, während wir realisierten, dass das uns bis vor einem halben Jahr unbekannte Wort ‚Einführungspreise‘ offensichtlich noch eine zweite Bedeutung hatte – und das es trotz harter DM offensichtlich immer noch ‚Bückware‘ gibt. Aber als Kundschaft waren wir vermutlich eine Enttäuschung. Die meisten von uns kleinen Leuten – und in der DDR gab es eigentlich nur kleine Leute – waren viel zu geizig, harte D-Mark für etwas rauszurücken, was es zuhause umsonst gab. Bei mir kam erschwerend hinzu, dass ich in meinem neuem Job, als Reparaturschweißer im ‚Heizkraftwerk Ernst Thälmann‘, so wenig Geld verdiente, dass an mehr als ‚Fünf Minuten Muschi zeigen‘ eh nicht zu denken gewesen wäre. Aber zum kostenlosen ‚in-den-Ausschnitt-glotzen‘ kamen wir oft und gerne.
Aber ich schaffte es trotzdem problemlos, sowohl bereitwillig&freudig den Verlockungen des Kapitalismus zu erliegen als auch lautstark dagegen zu protestieren. Mein alter Metal-Look musste von Bord. Metallica, Maiden, Priest und Manowar hatten ausgedient, das Pentagramm verschwand im Schrank. Denn als neugewonnener Anhänger der Ideen von Mühsam&Bakunin, der anarchistischen Version von Marx&Engels, kam nur noch eine Musik in Frage. ÄHN WEI ÄTSCH ZI! New York Hard Core. Ab jetzt knüppelten mir im Leipziger Szeneschuppen Nr.1, dem ‚Conney Island‘ beinahe im Wochentakt Bands wie die ‚Cro Mags‘, ‚Madball‘, ‚Agnostic Front‘, ‚Youth of Today‘, ‚Pro Pain‘, ‚Sick of it all‘, ‚Biohazard‘ oder ‚Gorilla Biscuits‘ existenzielle Weisheiten der linken Szene um die Ohren.

Statt kill und evil/ death und slash/da hieß es plötzlich ‚Fuck‘ und ‚Smash‘

„Fuck the System“, „Fuck the Cops“, „Smash Capitalism“, „Smash the Machine“ etc.pp. Ich und die vielen anderen Linksintellektuellen im Teenageralter fanden das einfach nur grandios. Kritisch, authentisch, kompromisslos, wild. NYHC war die Speerspitze des Widerstands, und ich wollte dazugehören. Auch optisch. Die linke Hälfte meiner Metallermatte wurde kahl geschoren, die Hosen zerfetzt, ich trug nur noch meine längsgestreiften DDR-Schweißerhemden, um die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse zu betonen. Kurz und gut, ich sah aus wie eines der Kinder vom Bahnhof Zoo – was allerdings neue Missverständnisse nach sich zog. Mit diesem Aussehen wurde ich plötzlich von dubiosen Leuten im vorbeilaufen angezischelt und angetuschelt. Es klang wie das zischen einer alten Dampflok.
„Sche Sche Sche. Hey, tz, Sche Sche Sche, tz tz, hey schschsch schschsch tz“
Irgendwann konnte ich schließlich phonetisch auseinanderklamüsern, dass diese Leute: „Haschisch, Haschisch??“ zischelten … aber das machte es nicht wirklich besser.
Glaubt es mir oder lasst es bleiben, aber ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was dieses Wort bedeutet. In einer meiner Stammkneipen saß neben mir ein Iro-Punk, griente mich breit an und zeigte mir mit der rechten Hand den nach oben gereckten Daumen, während er mit der linken immer und immer wieder auf einen großen Button mit einer grünen, fünfblättrigen Pflanze deutete und mich Reaktion heischend anstarrte … und ich spürte einfach nur pure, blanke Ratlosigkeit, weil ich nicht die allerleiseste Ahnung hatte, was all diese merkwürdigen Leute eigentlich von mir wollen.
Aber nach ein paar Tagen hatte ich es gerafft. Hurra, hurra, die Drogen waren da – auch wenn sie offensichtlich nicht jedem gut bekamen. Aber dazu muss ich länger ausholen.

Die jungen Leute von heute kennen Helmuth Kohl nur noch als siechen Greis im Rollstuhl. Mir ist Helmuth Kohl anders in Erinnerung geblieben. Ein Koloss, eine deutschen Eiche. Der ewige Kanzler meiner Adoleszenz. 16 Jahre an der Macht, länger als jeder Kanzler vor ihm, und, seit unsere hochverehrte Frau König entschied, die Tür sperrangelweit zu öffnen und zur großen Begeisterung ihrer Untertanen die Welt hereinzubitten, vermutlich auch länger als jeder Kanzler nach ihm. Die Machtmaschine. Der Riese, der alle neben ihm zu Zwergen degradierte – nicht nur körperlich. Oder, wie es das Nachrichtenmagazin SPIEGEL auf seinem Cover fett titelte:“DER BÜRGERKING“. Wie alle Linken titulierte auch ich ihn pflichtgemäß mit „Birne“ oder „Tölpel“, aber ich muss sagen, Kohl flößte mir schnell Respekt ein. Bei einer CDU-Freiluftveranstaltung in Halle, wo man sich immer darauf verlassen konnte, dass dutzende Leute wie ich auftauchen würde, um zu stören und zu provozieren, wurde er von einem – wie man es euphemistisch nennt – „Gegendemonstranten“ mit einem Ei am Kopf getroffen … und wie ein wütender Stier marschierte der von seinen Leibwächtern nicht zu stoppende Kohl los, mitten hinein in den Block der roten Pöbler, um dem Schuldigen höchstpersönlich die Fresse zu polieren. Kohl hatte Eier und Unbeirrbarkeit, dass musste man ihm lassen. Und er schaffte es, im Frühjahr 1990 dreihunderttausend Menschen zur Wahlveranstaltung der Allianz für Deutschland in Leipzig zu mobilisieren, jener Allianz für Deutschland, die Kohl aus der CDU, der Ost-Blockflöten-CDU und den beiden neuen, unbelasteten konservativen Splitterparteien Demokratischer Aufbruch DA und Deutsche Soziale Union, DSU, geschmiedet hatte. 300000!!!!!
Und jetzt möchte ich den Kreis sich schließen lassen und zum Ausgangspunkt zurückkommen. Drogen. Diese schon erwähnte Splitterpartei Demokratischer Aufbruch hatte einen Vorsitzenden Namens Wolfgang Schnur, in der DDR Rechtsanwalt aus dem Dunstkreis der evangelischen Kirche. Jener Wolfgang Schnur lief bei einer Veranstaltung des DA in Halle vor ein paar hundert Leuten dermaßen zu Höchstform auf, berauschte sich dermaßen an sich selbst, dass er mit sich überschlagender Stimme folgenden Satz für die Fußnoten der Geschichtsbücher in das Mikrophon brüllte:“UND LASSEN SIE MICH EINES GESAGT SEIN; MEINE DAMEN UND HERREN: VOR IHNEN STEHT IHR NEUER BUNDESKANZLER!“
Keine Ahnung, was er nahm und auf welchen Weg Kamerad Schnur die Musik hereingebeten hatte, ob durch Nase, Mund oder straight durch den roten City-Tunnel … aber von dem Zeug hätte ich auch gerne einmal ein halbes Gramm probiert.

Was neben solchen amüsanten Episoden eher schockierte, war die Erkenntnis, wie weit „Firma Horch&Guck“, wie wir die Stasi nannten, das ganze Land in ein Volk von Spitzeln und Zuträgern verwandelt hatte.
Ebenjenem Wolfgang Schnur wurde „die schon fast sichere Kanzlerschaft“ dadurch entrissen, dass er als kleiner, schäbiger Spitzel enttarnt wurde. Aber das verblüffte bei Schnur, der auch ohne Maske und Schnorchelgeräusche wie Darth Vader wirkte, nur wenige. Was schmerzte, war die Enttarnung von Hoffnungsträger Ibrahim Böhme, Gründer der Ost-SPD, eine Lichtgestalt der DDR-Dissidentenszene. Was schockierte, war die Enttarnung von Knud Wollenberger, der seit 1982 seine eigene Frau Vera bespitzelte, spätere Gründerin der Oppositionsgruppe ‚Kirche von Unten‘. Was muss das für die Frau für ein Schock gewesen sein, in ihrer Stasi-Akte zu entdecken, dass derjenige, der jahrelang Berichte über sie beim Geheimdienst ablieferte, niemand anders als ihr eigener Mann war. Nun, sie ließ sich scheiden, nahm wieder ihren Mädchennamen Lengsfeld an und landete schließlich für die CDU im Bundestag. Aber das nur am Rande. Was mich verzweifeln ließ, war die Enttarnung meines Lieblingsautoren Stefan Schwarz. Schwarz war ein unglaublich witziger Journalist, ein Juwel. Sprachwitz, Lockerheit, feine Ironie,Sarkasmus. Seine Kolumnen verschlang ich regelrecht. Und dann stellte sich heraus, dass selbst Schwarz für die Stasi gearbeitet hatte. Nicht als ‚Informeller Mitarbeiter‘ IM, sondern als ‚Offizier im besonderen Einsatz‘, OibE. Heute würde man die OibE vermutlich als ‚Schläfer‘ bezeichnen. Offiziere, die wegen ihrer besonderen Linientreue ausgewählt, ausgebildet und mit Legenden ins Privatleben zurückgeschickt wurden, um bei Bedarf für Geheimaufträge aktiviert zu werden. Und von einer Sekunde auf die andere verwandelten sich für mich all die wunderbar ironischen Texte über DDR- und Wendethemen meines Lieblingsschreibers in hässlichen schwarzen Zynismus. Heute ist dieser Stefan Schwarz übrigens wieder ein gefeierter humoristischer Autor, der gutbesuchte Lesungen hält – was für mich absolut okay ist … und der beim MDR als Autor mitwirkt an „Sedwitz – die komödiantische Serie zum Mauerfall“, einer „Satire“ zum blutigen DDR-Grenzregime … wo ich mir einfach nur den Finger in den Hals stecken möchte. Aber so ist wohl die Menschheit – mit dem Erinnerungsvermögen von Fruchtfliegen ausgestattet.

Wohin man also auch schaute in jenen Tagen, Spitzel, Spitzel, Spitzel. Kein Tag, an dem nicht alte Selbstverpflichtungen von ehemaligen Oppositionellen der Presse zugespielt oder von entsetzten Angehörigen/Freunden/Kollegen in der eigenen Stasi-Akte entdeckt wurden. Und die Spitzel und Mauerschützen waren weißgott noch nicht der Bodensatz. Es gibt – auch wenn das Verfahren eingestellt wurde – weit mehr als nur den begründeten Anfangsverdacht, dass die an Krebs verstorbenen DDR-Bürgerrechtler Jürgen Fuchs, Rudolf Bahro, Gerolf Pannach und Rudolf Tschäpe vorsätzlich durch die Staatssicherheit radioaktiv verstrahlt wurden. Wenn du, lieber Leser, mehr herausfinden möchtest – Google ist dein Freund.

Nachdem sich das erste revolutionäre Feuer wieder gelegt hatte, verlor ich dann doch wieder schnell das Interesse an der linken Szene. Irgendwann hörten sich die Sprüche, die mir anfänglich so imponiert hatten, als genau das an, was sie waren – auswendig gelernte Phrasen ohne Bezug zur Realität. Imponiergeplapper von Leuten, die wussten, dass sie nie in die Nähe der Verlegenheit kommen würden, auch nur eine ihrer oberflächlich-gutklingenden Parolen in die Tat umsetzen zu müssen. Als dann noch ‚Panne‘, eine langhaarige, gutaussehende Szenegröße und Sohn eines Stasigenerals, in Diskussionen die RAF-Morde als ‚Hinrichtungen‘ und ’notwendige Härten‘ bezeichnete und aus Berlin angereiste Antifas von ‚Bordsteinkicks‘ berichteten oder vom ‚ewigen Lächeln‘, dass mit einem Messer in die Mundwinkel geschnitzt wird, hatte ich genug. Ich beschloss, dass die Weltrevolution auch ohne mich zurechtkommen muss und entschied mich, wieder zu meinem alten Leben zurückzukehren. Bier trinken und Metal hören, Metal hören und Bier trinken … und biken, Yiiiihaa!

Denn, unglaublich aber wahr, plötzlich konnte jedermann auf der Bank einen Kredit aufnehmen! Ich glühte. Jahrelang hatten wir Jungs mit Motorrad-Quartettkarten gespielt, sehnsuchtsvoll auf die Bilder heißer Öfen geschaut, von denen wir wussten, dass wir nie im Leben die Chance bekommen würden, sie uns einmal in natura anzuschauen. Und jetzt redeten wir nicht von anschauen, sondern von besitzen. Kein 14PS-Einzylinder/Zweitakt-Röngtöngtöng, sondern WWRRRUUUUUMM!!! Mein Gott, war ich selig, von meiner neuen Suzuki GS 500 zu steigen, das knacken des heißen, ausgeschalteten Motors zu hören, das frische Leder und das Plastik zu riechen und zärtlich die Fliegen von der Lampe zu wischen.
Die ersten Dienstwochen des neuen Polizeipräsidenten, der wie allen Leipziger Spitzenbeamten per ‚Buschzulage‘ aus dem Westen gelockt wurde, waren ein einziges Ärgernis, eine einzige Provokation für den Mann. Denn die Leipziger schienen Gefallen dran gefunden zu haben, dass sich die PS-Zahlen unter ihrem Hintern verfünfacht hatten. In jenen ersten Wochen pegelte sich das Durchschnittstempo des Leipziger Stadtverkehr auf 70-80 km/h ein (ich will Spaß/ ich will Spaß/ich geb Gas/ich geb Gas) und unser oberster 4-Goldstern-Grünrock war nur noch am jammern und wehklagen ob der Disziplinlosigkeit der Ostdeutschen. Wäre er nur ein einziges Mal mit uns in die Roscherstrasse gefahren, wäre ihm ein Licht aufgegangen. Einfach aller dreißig Meter eine geile Schlampe an den Strassenrand stellen und die Leute fahren freiwillig und gerne 30. It’s really just that simple, dude!

Aber ich kön …
MEINE FRESSE, ICH GEH FEST!!!
Sorry, aber grade eben ist mir eingefallen, wie ich das derzeitige Chaos in Deutschland beenden kann. Wie es sich doch manchmal auszahlen kann, als Ossi einen Scheissgeschmack zu haben. Es gab noch eine ungebeichtete Sünde der Wendetage. Mein damaliger Filmgeschmack. Baywatch, Police Academy, Rambo, Terminator, Jean Claude van Damme, Batman … und Zurück in die Zukunft. Na, klingelt’s … ?? Wir haben jetzt den 20. Oktober 2015. Morgen erscheint Marty McFly in seiner Zeitmaschine in Hill Valley. Ich muss Marty überreden, mich ins Berlin des Jahres 1989 zu beamen, zu dem verfallenen Mietshaus in der Marienburger Straße 12 im Prenzlauer Berg. Und zwar muss Marty in den Bordcomputer seines umgebauten De Lorean DMC-12 den 04.12.89 11:00 Uhr einstellen, damit ich das junge, unscheinbare Mädchen abfangen kann, das dort gleich im Berliner Büro des Demokratischen Aufbruch klingelt, um sich zu erkundigen, ob sie helfen kann. Ich werde vor ihr niederknien und sagen:“Angela, ich habe nur eine Minute und es ist sehr sehr wichtig, dass du mir zuhörst. Ich komme aus der Zukunft, aus dem Jahr 2015, mit EXISTENZIELLEN Informationen für dich. Es wird hier nicht lange bei deinem kleinen Ehrenamt bleiben. Du wirst schon sehr bald im persönlichen Umfeld von Wolfgang Schnur landen, wirst Pressesprecherin der Partei, Schnur stellt dich Lothar de Maiziere vor, unser Ministerpräsident stellt dich Kohl vor, in einem halben Jahr bist du Bundestagsabgeordnete und Ministerin. Du wirst Gottvater Helmuth Kohl stürzen, den Parteivorsitz übernehmen, alle Andenpakt-Alphamännchen der Union wegbeißen. Du wirst Schäuble ins zweite Glied drücken, Bundeskanzlerin werden, dass Forbes-Magazin wird dich zweimal hintereinander zur mächtigsten Frau und zum fünftmächtigsten Menschen der Welt küren. Du wirst ganz Europa deinen Willen aufzwängen, und es muss dich nicht stören, dass Millionen Südeuropäer gegen dich protestieren und dich als Domina-Hitler und Hitlerdomina darstellen. Bis zu diesem Punkt machst du mehr richtig als falsch. Aber niemals, NIEMALS in deinem Leben darfst du vor einer Kamera den Satz sagen, dass ‚Deutschland aus humanitären Gründen vorübergehend Dublin zwei aussetzt‘, oder du riskierst die Zukunft des Landes.
Haut rein, Leute, ich muss meinen Flieger nach Kalifornien kriegen. Vielleicht glaubt mir die schüchterne junge Frau jener Tage am Ende gar nicht, aber ich muss es zumindest versuchen!

Wie erkläre ich es meinem Kind?

Vor wenigen Wochen zog ich mit meiner Frau und unseren zwei kleinen Töchtern aus der wilden, bunten, linksalternativen Südvorstadt ins beschauliche konservative Lausen, ein Siedlungsstadtteil mit teils dörflichem Charakter am Kulkwitzer See, an der äußersten südwestlichen Leipziger Peripherie gelegen, wo wir als Familie genau das taten, was im Moment halb Deutschland zu tun scheint. Wir griffen nach dem letzten Strohhalm, den das große europäische Friedens- und Wohlstandsexperiment €uro den kleinen Leuten lässt, um selbst für ein einigermaßen unbeschwertes Alter vorzusorgen, und bauten uns ein Haus. Tja, und jetzt haben wir ein Problem. In unserem neuerschlossenem Baugebiet leben junge, weiße, heterosexuelle, verheiratete Paare, in der Altsiedlung daneben ältere, weiße, heterosexuelle, verheiratete Paare. Gestutzte grüne Hecken, getrimmter Rasen, Blumenbeete, gepflegte Außenfassade. Es ist schlicht und ergreifend so spießig, dass die grüne Jugend der Südvorstadt unser Lausen vermutlich als ‚völkisch‘ bezeichnen und eigentlich ‚Flashmobs gegen Alltagsrassismus‘ oder ‚Fahrraddemos gegen Zwangsheteronormativität‘ organisieren müsste – wenn sie nicht glücklicherweise mit wichtigeren Dingen beschäftigt wären. Zum Beispiel imponierschwatzen im linken Szenecafe beim dreieurofünfzig Machiato. Oder in den Semesterferien mit Ryanair nach Barcelona, London, Rom, Madrid fliegen.

Ach kommen Sie, bitte. Ersparen Sie mir Ihr süffisantes Grinsen und den Spruch vom „ökologischen Fußabdruck“. Bei diesen Flügen zum Aldilidlnorma-Tarif steht nicht das persönliche Vergnügen, sondern der Bildungsaspekt im Vordergrund! Und Bildung ist Investition in die Zukunft der GESAMTEN Gesellschaft. Jawollja, diese in der grünen Jugend so beliebten Ryanair-Studienflüge kommen durchaus auch irgendwie denjenigen zugute, die man eigentlich verachtet … zum Beispiel 45-jährige Arbeiterklassetypen wie mich, die bei Aldilidlnorma ihr Billigfleisch in Plastiktüten wegtragen, demonstrativ dekoriert mit der BILD-Zeitung, und partout nicht das machen wollen, was die 25-jährigen ‚Befreier der Arbeiterklasse‘ von ihnen verlangen. Und es gibt sicher noch mehr Gründe, warum die grüne Jugend bis jetzt darauf verzichtet, Lausen auf das nächsthöhere Bewusstseinslevel zu heben. Müßig zu spekulieren. Vielleicht kommen sie deswegen nicht an den tiefschwarzen Stadtrand, weil nicht jeder so tapferblöd sein kann wie damals im Leipziger Oberbürgermeisterwahlkampf die fünf Herrschaften von der Union, die mit dem absurden Argument, dass es selbst hier im ultralinken Kiez mehr CDU-Wähler als Wähler der Linkspartei gibt, am Connewitzer Kreuz einen Wahlkampfstand aufbauten … im sicheren Wissen, dass es keine zwanzig Minuten dauern wird, bis dreißig Vermummte auftauchen, um dem braunen Spuk mit Gewalt ein Ende zu setzen. Aber zum Glück war sich die Leipziger Zivilgesellschaft schnell einig in der Verurteilung. In der Verurteilung dieser Provokation. Dieser Provokation der CDU. Vorausgesetzt natürlich, die CDU hat es am Ende nicht selbst inszeniert … cui bono, you know … ?? Ja, es gibt Tage, da steht die Leipziger Zivilgesellschaft auf, da will sie Courage zeigen, Farbe bekennen, Missstände benennen, den Anfängen wehren, Provokationen anprangern … Aber man kann ja nicht jeden Tag dunkle Mächte wie hier einen CDU-Oberbürgermeisterkandidaten bekämpfen. Manchmal will man schließlich als Szenemensch auch einfach nur tanzen gehen. Oder im schicken alternativen Cafe einen Machiato zu Dreieurofünfzig trinken und potentiellen Sexualpartnern mit seiner nachdenklichen Belesenheit und seiner humanistischen Gesinnung imponieren … womit sich der Kreis nun wieder schließt.

Und jedesmal, wenn ich jetzt auf dem Weg zum See quer durch unsere Siedlung laufe, Heimat und natürliches Biotop von Gartenzwerg, Rasensprenkler, blickdichter Hecke, und dran denke, dass unsere Große in wenigen Wochen eingeschult wird, quält mich dieselbe Frage, der bei den großen und kleinen Krisen dieser Welt in vielen Medien eine eigene Rubrik eingeräumt wird.

„Wie erkläre ich es meinem Kind“

Gar nicht so einfach, glauben Sie mir. Probieren Sie es doch einfach mal selber aus, ein schwieriges Thema einem Kind so zu erklären, dass es zumindest halbwegs versteht und Sie nicht der Versuchung erliegen, lächerlich und inhaltlich gradezu falsch zu simplifizieren. Ich meine, wer will sich denn schon zum Idioten machen, hochkomplizierte Geschichten, wo sehr viele Aspekte gegeneinander abgewogen werden müssen, auf Sätze herunterzubrechen wie ‚Israel ist ein Landräuber, dass Palästinenserkinder ermordet‘, ‚Terrorismus entsteht durch die vom Westen verursachte Armut der arabischen Welt‘ oder ‚die USA sind schuld am Bürgerkrieg in Syrien‘ … ??

Glau … wie bitte … ?? Gut, einverstanden, der kleine Augstein, der zählt nicht. Glaub … was … ?? Ok, richtig, Wecker. Glauben Sie mir … Entschuldigung … ?? Gut, Todenhöfer, jaja, von mir aus, Jebsen, … Glauben Sie mir, die … meine Fresse, ja, Prantl, Grass … okay okay, ich hab’s begriffen, es sind schon einige, eigentlich sind es sehr viele, aber jetzt halten Sie doch endlich mal die Klappe, setzen sich wieder hin und lassen mich meine Geschichte erzählen! Danke!Ich wollte sagen: glauben Sie mir, die Rubrik „Wie erkläre ich es meinem Kind“ ist die Königsdisziplin!

In diesem Fall geht es um Gender Mainstreaming, die Lehre vom verkünden der Botschaft, dass die Biologie eine Scheibe ist. Bewusst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Normalbürger segelnd, auf Nachfrage mit treuherzigem Wimpernschlag säuselnd, dass es bei den Gender Studies darum geht, dass sich nicht mehr so viele Jugendliche umbringen sollen, weil sie auf dem Schulhof als“Schwule“ gehänselt werden, und das man sich um die Gleichberechtigung der Geschlechter kümmert; Milliarden verschlingend, ohne sich jemals einer wissenschaftlichen Evaluierung zu unterziehen, an Anzahl der Leerstühle … ähm, Lehrstühle … in Deutschland nahezu gleichauf mit der Pharmazie, ähnlich viel Papier produzierend wie das einzige andere vom wissenschaftlichen Wert vergleichbare (ehemalige) Studienfach, der Marxismus-Leninismus, hat es Gender Mainstreaming mittlerweile geschafft, sich Schritt für Schritt den Weg vom Berggipfel ins Tal zu bahnen. Von der Richtlinie des politischen Handelns der Europäischen Union zur Richtlinie der Bundespolitik, von dort zu den Ländern und weiter sternförmig ausschwärmend in die Städte und Kommunen, wo die Genderista-Kampfbatallione mittlerweile in jedem Rathaus, in jeder Schule, selbst in den Kindergärten Einlass begehren.

Und jetzt haben wir den Salat. Wie erkläre ich es meinem Kind – dass in seinen sechs Jahren nie etwas anderes erlebt hat, als das eine Familie aus Vater, Mutter, Kind besteht; für die es selbstverständlich ist, dass man Jungs am Schnippi erkennt und Mädchen an der Mumu – dass sie jetzt vielleicht schon bald in der Schule lernen wird, dass diese vermeintlich klare Einteilung in Jungs und Mädchen falsch ist. Das nicht dass biologische Geschlecht entscheidend ist, sondern dass soziale. Und dass es nicht zwei Geschlechter gibt, sondern 3, 20, über 60 oder gar viertausend … die genaue Zahl hängt davon ab, welcher Genderpriester gerade auf der Kanzel steht. Dass das Leben vermeintlich nicht schwarz/weiß – sprich zwangsdeterminierend weiblich/männlich – ist, sondern eben bunt und vielfältig … weil es eben so uunglaublich viiiele sexuelle Identitäten gibt, und, wie es Professor Voß von der Uni Merseburg im Interview mit Deutschlandradio Kultur begründete, „man ja Geschlechter im Normalfall ja sowieso nicht klar zuordnen kann, weil sie meist von Kleidung verhüllt sind.“

Wie erkläre ich meinen Kind, dass diese scheinbare Natürlichkeit, mit der sich Männer zu Frauen hingezogen fühlen und Frauen zu Männern, nichts anderes als ein soziales Konstrukt ist, eine Frage von falscher Erziehung?

Wie erkläre ich meinem Kind, dass in der Gender-orientierten Pädagogik der Wunsch besteht, „weg von der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie zu kommen hin zu Modellen, in denen Kinder auch glücklich sein können.“ wie es neulich eine Frau Kempe-Schälicke der Presse in die Blöcke diktierte, die in Berlin ein federführend ein Medienkoffer-Projekt betreibt, mit dem die Genderista-Kavallerie in die Kitas eingallopiert, um Rollenstereotype aufzubrechen …

Ja, wie stellen wir das an … ?? Wo unseren Kindern bis jetzt noch nicht einmal bewusst war, dass sie in dieser mitteralterlichen zwangsheteronormativen Konstellation unglücklich sind … schlicht und einfach, weil es im rückständigen Sachsen niemand für nötig hielt, ihnen das mitzuteilen. Und dort in Berlin geht es um Vierjährige, während wir in unserem Fall von einem Schulkind reden. Jetzt geht es nicht mehr um Rollenstereotype, um Themen wie „fieses Rosa&Klischee-Blau‘, sondern um Sex. Schließlich wird in der Gender-Pädagogik schon von Grundschulkinder erwartet, dass sie sauber den Unterschied zwischen Intersexuellen und Transsexuellen herausarbeiten können. Und wenn dann noch dass laut Eigenwerbung als Standardwerk empfohlene Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ von Elisabeth Tuider, Professorin für „Soziologie der Diversität unter besonderer Berücksichtigung der Dimension Gender an der Uni Kassel“, zur Anwendung kommt, dass als Zielsetzung die „Vervielfältigung von Sexualitäten, Identitäten, Körpern, dass verstören im aufzeigen verschiedener Idenditätsmöglichkeiten“ nennt, kommt einiges an Erklärarbeit auf uns zu. Meine Güte … ‚Vervielfältigung von Körpern‘ … Das ist selbst Kindern, die mit Einhorngeschichten groß wurden, nicht ohne weiteres zu vermitteln.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich stehe dem gesellschaftlichen Fortschritt durchaus nicht generell ablehnend gegenüber. Ich meine, klar, ich bin mir bewusst, ein Reaktionär zu sein, aber ich arbeite an meiner Einstellung. Denn wenn das BILDGIRL wegen Frauenfeindlichkeit in Zwangsrente geschickt wird; wenn Blätter von TAZbisFAZ erzählen, dass es um Willy, den Blauwal, und den Fortbestand der Menschheit geht; wenn selbst Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen – adlig, elegant, Mutter von sieben Kindern – uns Fortschrittsverweigeren ins Gewissen redet, dass wir uns ändern müssen, ODER ANSONSTEN IN ZUKUNFT KEINE PARTNERIN MEHR FINDEN, dann muss was dran sein. Obwohl ich hinzufügen muss, dass die Uschi wirklich clever ist. Als realistische Konservative weiß die Frau genau, dass Appelle an Idealismus und höhere Einsichten zwecklos sind, weil sich Leute wie wir nur für die grundlegenden Bedürfnisse essen, trinken, fortpflanzen und eine warme, sichere Höhle interessieren. Ich würde Ihnen gerne etwas anderes erzählen, aber im Grunde ist es die traurige Wahrheit. Im tiefsten Inneren meines Herzens scheiße auf Willy, den Blauwal. Schließlich komme ich ja auch prima ohne Mammut, Dodo und Säbelzahntiger zurecht. Aber Sex-Entzug … ?? Das zieht! Das wäre tatsächlich der Weltuntergang.

Deswegen wurde mir schon vor Jahren klar, dass ich dazu verdammt bin, mich zu bewegen. Dass ich meiner Partnerin beweisen muss, dass auch ich in der Lage bin, mich als Mann und Mensch weiterzuentwickeln – damit sie mir nicht noch am Ende mit einem der jungen wilden fortschrittlichen Männer durchbrennt, die ihrer Frau den Rücken für die Karriere freihalten, den Haushalt schmeißen, tolle Liebhaber sind, Superdaddys, geistreiche Gesprächspartner, bester Freund und die nie wie ich den leckeren Schweinekrustenbraten vom Fleischer alleine futtern und den Kindern die Schoki mopsen. Diesen Weg zu gehen war und ist schwer, dass will ich nicht verhehlen. Doch schon der erste Versuch brachte mir die Offenbarung.

Unmittelbar vor der Geburt unserer Jüngsten ließ ich mich dazu überreden, am Geburtsvorbereitungskurs teilzunehmen. Mitten im alternativsten Stadtteil Leipzigs, bei dementsprechenden Publikum … Was tut man nicht alles aus Liebe und um im Rennen zu bleiben. Wir Jungs durften uns an einen Tisch setzen, der Reihe nach an eine Babypuppe in die Hand nehmen, berühren und vorsichtig weiterreichen. Denn dass Männer um die vierzig schon seit Jahren keine Lust mehr haben, zusammen mit anderen Männern mit Puppen zu spielen, ist vermutlich auch nur so ein zwangsdeterminierendes Stereotyp, dass es zu bekämpfen gilt. Dann wurde es Ernst. Uta, die circa dreißigjährige Hebamme, kramte ein Beckenmodell raus und jeder von uns musste das Baby mit einer Vierteldrehung durch den Geburtskanal bugsieren. Denn auf die Vierteldrehung kommt es an, wie uns Uta mit ernster Miene erklärte. Nur mit dieser Vierteldrehung des Kopfes passt das Baby exakt durch den nicht kreisrunden, sondern leicht ovale Geburtskanal. Ohne diese Vierteldrehung leidet die Frau Höllenqualen. Dermaßen vorgebildet holte Uta uns Männer dann feierlich rein zu den Frauen, die schon erwartungsvoll im im Schneidersitz auf ihren Matten hockten. Uta stellte sich vor uns, plapperte eine halbe Stunde über dies und das und erklärte dann, dass sie jetzt demonstrieren will, wie wir uns eine Geburt vorzustellen haben. Sie drehte uns den Rücken zu, ging auf alle viere, streckte den Hintern weit nach oben, legte ihren Kopf auf die Hände und fing laut und ekstatisch an, „AAAHH“ und „OOOHH“ zu stöhnen und dabei wild mit dem Hintern zu wackeln, zwei Minuten lang, die sich wie Stunden anfühlten. Ihr Hinterteil schwankte nach links und schwankte nach rechts, das Hinterteil zuckte nach oben, es zuckte nach unten, der Leib vibrierte,

„AAAHHH“ und „OOOHHH „und „UUUHHH“ und „AAAHHH“

In diesem Moment wurden mir die Augen geöffnet. Wurde mir bewusst, wie weit der Weg noch ist, und wie bitter ich es nötig habe, diesen Weg einzuschlagen. Ich meine, beim Blick auf die stöhnende Uta mit ihren weitgespreizten Beinen, deren Arsch direkt vor unserer aller Nase hoch- und runterwippte, war jedem im Raum die Situation klar. Der Babykopf schafft die Vierteldrehung nicht und die Schmerzen trieben Uta komplett in den Wahnsinn. Eigentlich sollte es wohl der normalste Gedanke der Welt sein, hinzugehen, ihr mit einem eiskalten Lappen die verschwitzte Stirn zu kühlen, ihre Hand zu halten und zu sagen, dass das wieder vorbei geht. Vielleicht. Irgendwann. Warum habe ich dann stattdessen das Bild vor Augen, hinzugehen, Uta wortlos die Hosen runterzuziehen, laut klatschend einen wegzustecken und dabei Yeeehaa zu schreien … ?? Richtig, weil ich tatsächlich immer noch ein Steinzeit-Männchen bin, ein Dinosaurier – endlich hatte ich es begriffen!

Und seitdem versuche ich, mit einem anderen Ansatz an die Dinge heranzugehen. Wenn mir früher zu Ohren gekommen wäre, dass in Berlin die Queerszene und die Schwulenverbände Amok laufen, weil sich der Senat entschieden hat, doch noch nicht ab Klasse Eins das Thema sexuelle Vielfalt in den Lehrplan aufzunehmen, wäre ich vor die Blaue Trude oder die G-Garage gezogen, um eine Regenbogenflagge zu verbrennen oder mit Steinen zu werfen oder was man als Protestler halt so macht, um ‚ein Zeichen zu setzen‘ … genau weiß ich das leider auch nicht, da Leute wie meine Frau und ich leider keine exotischen Schmetterlinge sind, die in allen Regenbogenfarben glitzern, sondern mausgraue Motten, und deren Kenntnisse der Protestkultur dementsprechend unterentwickelt sind. Leute wie wir haben leider keine Zeit für Flashmobs. Wir müssen arbeiten. Irgendjemand muss ja schließlich das viele Geld für diesen Genderquatsch und für diese Armee von Soziologen und Rechtsextremismusforschern erwirtschaften, die ihren Lebensunterhalt dann damit verdienen, Leute wie uns über unseren Alltagsrassismus, unsere Homophobie und unsere unrechtmäßigen Privilegien aufgrund der weißen Hautfarbe aufzuklären. Und wer, wenn nicht wir, soll.diese Milliarden erwirtschaften? Die Grüne Jugend vielleicht … ?? Guter Witz!!

Aber mein neues Ich, dass sein Steinzeit-Problem erkannt hat, geht kompromissbereiter an die Sache heran. Wenn bei den Genderpädagogen nun eben der unbedingte Wunsch besteht, dass Kinder, die noch nicht einmal lesen, schreiben und die Grundrechenarten gelernt haben, ja, die noch nicht einmal wissen, was Sexualität ist, sich gleich mit dem Thema „sexuelle VIELFALT“ auseinander setzen sollen, dann bitte auch kindgerecht. Könnte man nicht Worte wie lecken, blasen, Darkroom, Sado-Maso einfach weglassen und den Kindern sexuelle Vielfalt mit Hilfe von Figuren erklären, die jedes Kind kennt und liebt. Maus und Elefant zum Beispiel. Die Ente kommt im schwarzem Latex-Stringtanga an der Maus vorbeigewatschelt – nak nak – und die Maus haut der Ente klatschend auf den Popo und klimpert dabei mit den Augenbrauen. Oder der blaue Elefant trottet verliebt mit einem rosa Elefant durch die Savanne, die Rüssel sind miteinander verknotet, die Schwänze sind miteinander verknotet … die Kinder denken, alles klar, rosa = Mädchen, unser blauer Elefant hat eine Freundin gefunden … Und plötzlich klappt bei beiden der dritte Rüssel herunter, die sich ebenfalls miteinander verknoten und beide Elefanten trompeten laut und fröhlich. So etwas in der Art halt. Ich meine, es sind unsere Kinder, da kann man doch ein klein wenig Rücksichtnahme verlangen, oder? Wie würdet ihr denn reagieren, wenn wir Steinzeitmenschen verlangen, dass ihr uns eure Kinder überantwortet, damit die endlich jagen, kämpfen und Gottesfurcht lernen? Eben. Bei den eigenen Kindern will man doch auch ein Wörtchen mitreden.

Wenn also eines Tages mein Kind völlig verwirrt von der Schule nach Hause kommt, weil dort nach Lehrplan anhand eines fiktiven Mehrfamilienhauses sexuelle Vielfalt und Beispiele für Regenbogenfamilien aufgezeigt werden sollen – in der einen Wohnung lebt ein schwules Paar ohne Kinder, daneben ein lesbisches mit Kindern, darunter wohnt ein Kind mit zwei Pflegevätern, im dritten Stock ein anderes Kind mit ihrer Mutter und deren Freundin, die zweigeschlechtlich ist und deswegen Mama ein Kind zeugen konnte undsoweiter undsofort – und mein Lenchen mich fragt, warum in diesem im Unterricht besprochenen Beispielhaus nicht ein einziges Kind zusammen mit Mama und Papa lebt, oder alleine mit Mama, obwohl doch circa 85 Prozent aller Kinder bei Mama und Papa groß werden und 14,9 Prozent bei einem alleinerziehenden heterosexuellen Elternteil, werde ich ihr folgendes sagen.

„Dass, was du gerade erlebst, habe ich als Kind und Jugendlicher in ähnlicher Form erlebt. Ich bin in einem Land namens DDR groß geworden, wo – so wie heute wieder – sehr viel Zeit, Geld und Energie darauf verwendet wurde, den Menschen ihre Alltagserfahrungen auszureden und das Gegenteil von dem zu behaupten, was sie Tag für Tag mit eigenen Augen sahen. Uns wurde im Unterricht erzählt, dass wir zu den zehn stärksten Industrienationen der Welt gehören, während man gleichzeitig die Industrie-Anlagen verrotten sah. Wir konnten jeden zweiten Tag in der Zeitung lesen, dass dieser oder jener Wirtschaftsplan um 357% Prozent übererfüllt wurde, während wir gleichzeitig sahen, wie unsere Städte verfielen. Meine im vierten Stock lebende Omama zum Beispiel musste bei Regen ein Dutzend Eimer auf den Dachboden stellen, weil es überall durchregnete. Die roten Bonzen redeten vom ‚Respekt vor der Natur‘, während sie gleichzeitig durch die Einleitung ungefilterter, ungeklärter Chemieabfälle die Flüsse in stinkende Kloaken verwandelten, und Städte wie Lauchhammer in Ascheabsetzbecken. Es wurde viel von der Gleichheit aller Menschen gesprochen und gleichzeitig alle mosambikanischen, vietnamesischen und kubanischen Gastarbeiter wie Nutzvieh behandelte. Dass, was du gerade erlebst, ist eine freundliche, wohlmeinende, im Grunde harmlose Variante jener Zeit. Du wirst einfach dasselbe lernen müssen wie wir damals. Dass man dass, was man wirklich denkt und fühlt, nur unter Menschen äußern kann, denen man vertraut, und im Unterricht dass sagen muss, was von einem erwartet wird. Es hat auch keinen Sinn, diese Leute – die mal wieder an der Züchtung des neuen Menschen arbeiten, an der Erschaffung der perfekten Welt – in Diskussionen zu verwickeln. Du hast keine Chance. Die machen dich einfach dadurch fertig, indem sie dir öffentlich die schlimmsten Namen geben, die du dir vorstellen kannst, dir niedersten Motive unterstellen, geringe Intelligenz. Diese Leute debattieren nicht. Warum auch, sie kennen die Wahrheit. Versuche es und du wirst sehen, dass es keine fünf Minuten dauert, bis einer dieser selbstgefälligen, pietistischen Wichte – die sich einbilden, dass sie kantige, widerborstige Querdenker darstellen, während sie in Wahrheit stromlinienförmige, immer den Weg des geringsten Widerstandes suchende Karrieristen sind – sich vor dir aufbaut, um dir mitzuteilen, dass er deine Meinung empörend findet. Vermutlich wird er dann ein wichtiges Gesicht aufsetzen und hinzufügen, dass er dir nur raten kann, ein gutes Buch zu lesen, denn lesen bildet. Dass ist allerdings tatsächlich ein guter Rat. Allerdings solltest du Bücher aus der Genderbibliothek wie beispielsweise dass von dem anfänglich schon erwähnten Professor Heinz-Jürgen Voß: „Der ‚polymorph sinnliche‘ Charakter kindlicher Sexualität“ oder auf ähnlichen Müll verzichten, so wie wir damals heimlich darauf verzichtet haben, Lenin und Marx zu lesen. Lies ‚der Herr der Fliegen‘ von William Golding und du wirst alles über das Wesen der menschlichen Natur wissen. Lies ‚Farm der Tiere‘ von Georg Orwell, um zu begreifen, wohin bis jetzt seit mehr als hundertfünfzig Jahren jeder einzelne Versuch geführt hat, absolute Gerechtigkeit und Gleichheit zu erkämpfen. Lies den Roman „1984“ desselben Autors, damit dir klar wird, was ‚Neusprech‘ ist und wie du Begriffe wie „Toleranz & Vielfalt“ einzuordnen hast; um zu verstehen, warum dieses neue schwarzweißdenken sich als „bunt“ verkauft. Lies das fast hundert Jahre alte Buch ‚der brave Soldate Schwejk‘ von Jaroslav Hašek, um zu lernen, wie man mit List und Mutterwitz Idioten mit Befehlsgewalt ins Leere laufen lässt.

Respektiere generell jeden Menschen, der dir nichts getan hat – egal welche Hautfarbe, egal, welche Sexualität – aber um dass zu verstehen, brauchst du nicht die Hilfe einer Pseudowissenschaft, die versucht, den Thron zu besteigen. Dazu reicht ein Herz. Und der wichtigste Rat von allen, mein liebes Kind – schluck nicht jeden vorgekauten Meinungsbrei herunter, egal, wie gut er klingt, wie lecker er duftet und wie hübsch er verpackt wurde. Egal von wem er präsentiert wurde, selbst wenn er von mir kommt.

Denk für dich selbst.

Shit happens

Vermutlich hänge ich schon seit einer Stunde vor dieser winzigen 50 Euro-Glotze, auf der ein drittklassiger SM-Porno läuft. Mich darüber zu beschweren wäre unfair, schließlich hat mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, gleich bei meinem Eintreten in ihr winziges Studio im vierten Stock dieses schäbigen Duisburger Laufhauses gefragt, ob sie eine DVD einlegen soll, damit wir ein bisschen in Stimmung kommen. Nein, mich über die grotesken Dialoge und die unästhetischen Darsteller aufzuregen wäre müßig. Denn ich habe ein schlimmeres Problem. Wie ich schon erwähnte, hänge ich seit einer Stunde vor der Glotze.

Dass meine ich wortwörtlich.
Ich hänge mit dem Kopf nach unten. Meine weitgespreizten Beine sind mit starken Lederriemen an zwei Eisenketten befestigt, die Eisenketten laufen durch zwei massive, in die Decke eingebaute Stahlringe und enden in einer großen Kurbel gleich neben dem Andreaskreuz. Und mit Hilfe dieser Mechanik, die an eine mittelalterliche Konstruktion zum heraufholen des Brunneneimers erinnert, hat mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, bis direkt unter die Decke gekurbelt, mit einem satten, lauten KlackKlackKlack-Geräusch, wo ich nun seit einer Stunde hänge.
Splitterfasernackt. Die Arme mit Handschellen gefesselt und mit Seilen schmerzhaft eng auf den Rücken gebunden. Eine schwarze Latexmaske über den Kopf gestreift. In meinem Mund ein Knebel, der für eine verringerte Luftzufuhr sorgen soll, wenn ich anfange zu keuchen. Macht angeblich geil, das Gefühl zu ersticken. So weit, so merkwürdig, aber mein wahres Problem kommt jetzt erst.
In meinem Arsch steckt ein Vibrator, beinahe so groß wie eine dieser riesigen Magnum-Taschenlampen, mit denen US-Cops in Hollywoodfilmen immer durch düstere Kulissen schleichen. Aber eigentlich ist auch nicht der Vibrator meine Problem, schließlich habe ich hundert Tacken auf den Tisch gelegt, um ein bißchen zu entspannen. Nein, mein Problem ist folgendes. Olga aus Polen, die in Wahrheit aus der Ukraine stammt, ist seit einer Stunde verschwunden. Ich bin zwar schon oft in meinem Leben von anderen Menschen hängengelassen wurden, aber noch nie hat es mich so geschmerzt wie heute, und wie es dazu kam, erfahrt ihr jetzt.

Ich fuhr mit meinem schwarzen Fiat Stilo die A 44 entlang, den sogenannten Ruhrschnellweg, der mitten durch das Herz des Molochs führt. Dortmund, Bochum, Essen, Mühlhausen, Duisburg … tja, und eigentlich sollte ich diese Aufzählung mit Venlo, Eindhoven, Antwerpen, Terneuzen weiterführen, Terneuzen, wo ich seit 3 Jahren arbeite … wenn ich nicht jedesmal in Duisburg in der Dunkelheit an diesem Müllheizkraftwerk vorbeifahren würde, zu dessen Füßen, wie ich von einem meiner Duisburger Montageeinsätze weiß, dass Laufhaus steht.
4 Etagen voller sündiger Weiber.
Und dieses wunderschön angestrahlte Kraftwerk, von starken Flutern in ein leuchtendes, fast schon giftiges Grün getaucht, dieser illuminierte Solitär, der aus der dunklen, einsamen Nacht, aus den grauen halbverfallenen Häuserschluchten dieses Duisburger Arbeiter- und Migrantenviertels herausragt, zieht mich jedes Mal an wie die Motte das Licht, und ich kann nichts dagegen tun.
Aller zwei Wochen fahre ich Sonntag Nachmittag los, von Leipzig nach Terneuzen. Ich höre laut mitgrölend Rammsteinlieder führe, stundenlange Selbstgespräche, telefoniere mit zwischen dem Ohr und der Schulter eingeklemmten Handy, während ich mit der einen Hand lenke und der anderen Hand den Kaffeebecher halte, bohre mit tiefster Inbrunst in der Nase … kurz und gut, ich benehme mich wie ein völlig normaler Mann, der alleine eine 800 km Autofahrt zu bestreiten hat.
Bis dann plötzlich dieses giftgrüne Kraftwerk in meinem Blickfeld erscheint, zu dessen Füßen der Puff liegt, und eine mir unbekannte Macht die Steuerung übernimmt, mich in einen willenlosen Zombie verwandelt.

M-U-S-S  A-B-B-I-E-G-E-N
M-U-S-S  A-U-T-O-B-A-H-N  V-E-R-L-A-S-S-E-N
M-U-S-S  K-R-A-F-T-W-E-R-K  F-A-H-R-E-N

Als Mensch hat man eigentlich gegen höhere Mächte keine Chance, aber ich kämpfe. Ich kämpfe wirklich. In den zwei Minuten, die mir vom ersten erblicken des giftgrünen Rotlichtbezirks bis zur Entscheidung verbleibt, ob ich in Duisburg-Hochfeld abfahre und einen kurzen Puffbesuch einbaue oder tapfer und diszipliniert bin und einfach weiterfahre, stemme ich mich mit aller Kraft gegen diese abgehackte, blecherne Roboterstimme in meinem Kopf, gegen dieses MUSSKRAFTWERKFAHRENMUSSKRAFTWERKFAHRENMUSSKRAFTWERKFAHREN. Gehe mit mir ins Gericht und zähle mir nochmal alle Gründe auf, die dagegen sprechen. Das es einfach widerlich ist. Dass das Laufhaus voll ist mit schmierigen, billigen kleinen Männern. Dass man selbst Gefahr läuft, ein schmieriger billiger kleiner Mann zu werden, ein Freak gar. Dass einige der Frauen unter falschen Versprechungen nach Westeuropa gelockt und hier zur Prostitution gezwungen werden, aller paar Wochen regelrecht von Puff zu Puff weitergereicht werden. Und dass es auch unter finanziellen Aspekten besser wäre, wenn ich nach Terneuzen durchfahre, mir dort schön gemütlich einen von der Palme wedele und den Fuffi ins Sparschwein stecke. Und diese Argumente beenden für gewöhnlich das innere Zwiegespräch. Ich straffe den Rücken durch, setze den Blinker und fahre zum Kraftwerk.
Es ist schließlich keine Schande, gegen höhere Mächte zu verlieren, solange man wenigstens versucht hat zu kämpfen.

So ein Laufhaus hat schon eine eigenartige Atmosphäre. Dieses in Duisburg ist ein großes vierstöckiges Haus mit unendlich langen Fluren und schmalen Treppen, auf denen sich eine Ameisenstraße von Männern entlangwälzt, mit gehetzten Gesichtern, Blickkontakt vermeidend. Sex-Junkies auf der verzweifelten Suche nach dem nächsten Schuss. In den kleinen Zimmern sitzen die halbnackten Frauen auf ihren Betten und werfen den Männern, die ihren Kopf hereinstecken, um routiniert-prüfend die Ware zu mustern, lockende Blicke zu. Männer geben sich die Klinken in die Hand, man hört die Geräusche der sich schließenden Türriegel. Kurz und gut, es geht zu wie im Taubenschlag, oder treffender, wie in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt … es fehlt nur noch, dass über den Türen der Melkabteile die kleinen grünroten Leuchtschilder der Flugzeug- oder Zugtoiletten hängen würden.

‚Besetzt‘
‚Frei‘

Keine Ahnung, warum ich diesmal bis in das winzige SM-Studio unter dem Dach hinaufstieg, dass so versteckt liegt, dass ich es beim letzten Mal nur durch puren Zufall entdeckte. Vermutlich war ich einfach neugierig auf außergewöhnliche Sachen … und die habe ich mittlerweile zur Genüge bekommen, denn unmittelbar nachdem mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, wie ein Paket verschnürte, knebelte, mir die schwarze Latexmaske über das Gesicht zog, splitterfasernackt unter die Decke kurbelte und mir diesen Monstervibrator in den Arsch schob, ertönte urplötzlich auf der Straße vor dem Laufhaus ein wahres Orchester an Polizeisirenen, Blaulicht, den aufgeregten Stimmen der Nutten und ihrer Freier und den bellenden Kommandos der Beamten. So kam es, dass die Polizei und der Zoll auf der Suche nach Illegalen das Haus stürmte … und Olga mit entsetztem quiecken über das Dach türmte.

Meine Furcht, in dieser doch etwas unpassenden Aufmachung von den Beamten gefunden zu werden, wich dann schon nach zehn Minuten der blanken Panik, von ihnen NICHT gefunden zu werden. Meine Fresse, dieser Vibrator mit seinem rotierenden Kopf ist wirklich Rock’n Roll, ist wirklich Heavy Metal! Das ist kein Vibrator, dass muss der Tunnelbohrkopf Leonie sein, auf seinem Weg vom Bayrischen Bahnhof zum Leipziger Hauptbahnhof, wo er innerhalb der nächsten Stunden ankommen wird und mir aus dem Mund fällt. Wenn ich nicht im Deckenspiegel sehen könnte, dass tatsächlich noch das Ende dieses Marterinstrumentes aus meinem Arsch herausragt, würde ich vermuten, dass die Tunnelbohrmaschine Leonie schon an der ‚Haltestelle Leuschnerplatz‘ angekommen ist.
Unter mir hörte ich die emsigen Beamten von Zimmer zu Zimmer gehen und Personalien aufnehmen, ohne dass auch nur einer auf die Idee kam, mal über die kleine Stiege am Ende des Ganges hier hoch zu steigen und mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Und meine Hilfeschreie verhallten ungehört. Was soll ich machen? Mit einem Knebel im Mund klingt alles, was man in die Welt hinausschreien möchte, wie ein gedämpftes `mppff mppff mppff´.

Und das war vor einer halben Stunde. Seitdem baumle ich mit knallrotem Kopf von der Decke und wimmere resigniert vor mich hin. Machen die Batterien von dem Ding denn nie schlapp?!? Das ist ja wie in der Duracel-Werbung, wo die drei Spielzeughasen ihren Wettlauf starten, der eine mit Duracel-Batterien betrieben, die beiden anderen mit Konkurrenzprodukten, und die drei Hasen laufen los und hauen dabei auf ihre Pauken … und der Duracelhase läuft und läuft und läuft, während der Konkurrenz schon längst der Saft ausgegangen ist. Und ich Glückspilz habe natürlich den Duracelhasen erwischt, nicht die Konkurrenzprodukte … nur das mein Duracelhase nicht durch die Pampa marschiert und dabei debil grinsend in seine Pauke haut, sondern hinter mir kniet und mich unglaublich hart rannimmt. Sozusagen.
Vor Schmerzen heulend betrachte ich in den Spiegeln des SM-Studios dieses nackte gefesselte Wesen mit der Latexmaske über dem Gesicht, dass mit weitgespreizten Beinen kopfüber von der Decke baumelt, mit einem Riesenpflock im Hintern. Was für ein bizarrer Anblick! Ob es das letzte ist, was meine Augen auf dieser Welt sehen? Dieses schwarze Futonbett mit der roten Delphin-Bettwäsche? Das Andreaskreuz an der Wand? Der Schlagbock in der Ecke? Die Sammlung an Vibratoren auf dem Nachttisch? Die kitschigen, Poster? Wird morgen früh der BILD-Fotograf hier erscheinen und seinen Auslöser rattern lassen, auf das ganz Deutschland sich mit lustvollem Schauder mein bizarres sterben unter dem Brennglas betrachten darf???
Ich atme tief durch. Ich muss entspannen, meditieren. An andere Sachen denken. Die Pein und Qualen ignorieren. Aber das stellt sich als gar nicht so einfach heraus, denn urplötzlich, mit einem skalpellscharfen Stich in meinen Unterleib, meldet sich die Blase zu Wort. Ich muss pieseln. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle. Warum muss ich beim Autofahren auch immer eimerweise den Kaffee in mich hineinschütten … ??
Mühsam richte ich den Kopf auf und blicke nach oben. Da hängt er, der blöde Zipfel, der mir das alles eingebrockt hat. Der kleine Tyrann, der mich immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Da hängt er, der boshafte Einflüsterer, einen halben Meter über meinem Gesicht, starrt mich mit seinem mitten auf der Stirn befindlichen Glotzauge an und erzählt mir, dass ich ihm gestatten muss, mir ins Gesicht zu pinkeln. Doofer Pimmel! Ich hasse dich!! Du und deinesgleichen, ihr habt soviel Unglück über die Welt gebracht! Ich starre dem Feind ins Zyklopen-Auge, wissend, dass ich keine Wahl habe. Wenn ich mich nicht augenblicklich erleichtere, platzt mir die Blase. Das stechen ist einfach nur qualvoll, unerträglich. Naja, was soll’s. Dann strulle ich mir eben ins Gesicht, der Abend ist doch eh schon ziemlich im Eimer.

Doch oje, ich kann nicht pinkeln, weil ich komplett verkrampft bin und entspannen müsste, um Wasser lassen zu können … und entspannen ist für mich im Moment leider nicht drin, weil ich dazu den Schließmuskel lockern müsste, der mit eisernem Griff den Vibrator mit seiner bohrenden, rotierenden Spitze daran hindert, auf Nimmerwiedersehen im City-Tunnel zu verschwinden. Wellen des abartigsten, bösesten Schmerzes durchfahren mich. Tränen der Hoffnungslosigkeit perlen über meine Latexmaske. Ich bin am Ende. In wenigen Minuten wird meine Blase platzen! Womit habe ich nur diese Schmerzen verdient?!? Ich werde sterben! Ich werde ohne jeden Zweifel qualvoll sterben! Olga muss vom Dach gefallen sein, oder die Bullen haben sie erwischt. In dem einen wie in dem anderen Fall bedeutet es meinen Tod. Ich will jetzt wirklich nicht abwertend klingen, ich will jetzt wirklich niemanden zu Nahe treten, aber Olga hat doch vom tuten keine Ahnung. Die Frau kann russisch, griechisch, spanisch und französisch ohne, aber nicht eine Fremdsprache! Die ist doch nie in der Lage, den Beamten zu erklären, dass sie nochmal schnell zurück in ihren Workshop muss, weil sie hier noch ein Werkstück im Schraubstock festgespannt hat.

“MMPPFF!!! MMPPFF!!! MMPPFF”, keuche ich den den Knebel, doch auch dieser Schrei nach Hilfe verhallt ungehört.

Mit gebrochenem Blick schicke ich ein letztes, resigniertes Gebet gen Himmel.
`Herr, nimm mich zu dir, ich ertrage die Schmerzen nicht mehr! Herr, ich schwöre, ich habe keine Angst vor dem Tode, ich bin bereit. Schließlich ist das Leben nichts anderes als ein permanentes Sterben, ein stetes, unaufhaltsames Zugehen auf den Tod. Ein „Sein zum Tode“, wie es schon Heidegger sagte. Herr, schon Sokrates meinte, dass der Tod nur zweierlei bedeuten kann. Dass er entweder ein Nichts-Sein ist, so dass der Tote auch keine Wahrnehmung mehr hat; oder er ist tatsächlich ein Übergang, eine Übersiedelung der Seele von dieser Stätte an eine andere. Und das der Tod nichts Schreckliches an sich hat. Ist er ein Nichts-Sein, ist er ein traumloser Schlaf, ein Ausruhen von diesem Leben und damit angenehm. Ist er die Umsiedelung der Seele an einen anderen Ort, verheißt dies ewiges Glück und Seligkeit. Und jetzt in diesem Moment, in dem ich seit einer gefühlten Woche mit dem Kopf nach unten splitterfasernackt von der Decke hänge, gefesselt, geknebelt, wo in meinem Unterleib tausend glühende Stricknadeln stecken und im Arsch eine russische Mittelstreckenrakete, sehne ich mich einfach nur nach ewigem Glück und Seligkeit, ich sehne mich nach dem Nichts-Sein, in dem man keine Wahrnehmung mehr hat. Ich werde jetzt aufhören, mich gegen das Unvermeidliche zu sträuben. Ich werde jetzt meinen Arsch öffnen und Harakiri verüben, mich wie ein Samuraikrieger in meinen Vibrator stürzen. Bitte lass mich nicht unnötig leiden. Bitte lass es schnell vorbei sein! Amen´

Doch halleluja, halleluja, halleluja, gepriesen sei der Allmächtige! Das `Amen´ in meinem Kopf ist kaum verhallt, als urplötzlich das grauenhafte, nervtötende Summen des Vibrators schwächer wird und verstummt. Dem verfickten Duracelhasen geht endlich der Saft aus! Oh Gott, ist das schön, dass endlich dieses bohren aufhört! Endlich kann ich mich genug entspannen, um den Wasserhahn aufdrehen zu können, endlich kann ich meine höllisch schmerzende  Blase entleeren. Vorsichtig, wie ein Maschinist, der mit sehr viel Fingerspitzengefühl zwei fragile Kreisläufe neu austarieren muss, der mit viel Gefühl gleichzeitig ein verrostetes Ventil ein Stück weit, ja nicht zuviel, zudreht und gleichzeitig vorsichtig einen alten Schieber öffnet, lockere ich den Griff um den Vibrator bis exakt zu dem Punkt, wo ich die Wasserleitung wieder freigeben kann, ohne dass der Vibrator nachrutscht.
Und Wasser marsch.

So, wie die Wassermassen der Viktoriafälle mit ungeheurer Wucht auf die Steine und Felsen der Sambesi-Schlucht aufschlagen und Gichtwolken über die betörend schöne Landschaft versprühen, im harten Gegenlicht tausende kleiner und großer Regenbögen hervorzaubernd, so schlägt mir die gelbe Flut auf die Brust und verteilt sich in feinste Wolken. Doch das Gefühl der Erleichterung währt nur kurz, denn schon nach wenigen Sekunden haben sich meine Nasenlöcher in kleine Urinseen verwandelt. Mit dem Kopf nach unten zu hängen und die Nase voller Pipi zu haben ist wirklich nicht angenehm … aber wenn man dazu noch einen Knebel im Mund hat, dann hat man ein echtes Problem. Wie der Schwall eines Stausees, der mit tosender Wucht die morsche Staumauer zerbröselt; erst einzelne Steine herauslösend, dann, mit mit der Kraft eines Titanen, der seinen Oberkörper durch dieses kleine Loch in der Mauer steckt und anfängt, mit seinen muskulösen Armen ganzen Mauerbrocken herauszureißen, um der Flut ungehindert Weg zu bahnen; ergießt sich der Urin über mich, mir den letzten Atemweg nehmend. Pisse hochziehend und Pisse kraftvoll aus den Nasenlöchern stoßend, kämpfe ich gegen das Ersticken, als ich plötzlich das klappern des Balkonfensters höre.

„DU CHLEINES FERKEL!“

Während die letzten Tropfen an mir abperlen und ich mühsam versuche, meine Panik wieder niederzuringen und Atmung und Puls zu stabilisieren, betrachte ich schwer atmend den gepiercten Bauchnabel direkt vor meinen Augen und blicke nach unten, was in meinem Fall oben bedeutet. Heulkrämpfe schütteln mich. Ich bin gerettet. Ich bin endlich gerettet!

„DU CHLEINES CHLEINES SCHWCHEIN!“ wiederholt Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, Sadismus völlig ohne jeden Zeitdruck, überhaupt nix darf, alles muss, in ihrer gestrengen Dominastimme und streckt ihre Hand nach dem Vibrator aus. Oh nein, Baby, lass das Ding bitte stecken! Bitte, nimm die Hände da weg, die Stelle ist grad ein wenig überreizt. Bitte, ich will den selbst rausziehen! Bitte, Baby, mach mir die Handfesseln und den Knebel ab, ich kümmere mich selbst um den Vibrator! Bitte, nein, bitte, das Ding ist mir inzwischen im Arsch festgebacken wie eine frische Forelle, die zu lange auf Backpapier im Ofen lag, du wirst der Forelle die komplette Fischhaut abreißen, wenn du denn jetzt rausziehst, dass wird wie eine Ganzkörperflüssigwachsenthaarung, bitte, Baby, nein, Hände weg …

„AUMPPFF AUMPPFF AUMPPFF“

Das KlackKlackKlack-Geräusch der Kette ist das letzte Geräusch, dass zu mir durchdringt, bevor mich die Ohnmacht mit einem gnädigen, warmen, dunklen Mantel zudeckt.

Ohne jedes Gefühl für Zeit, zitternd, mit schwachen Knien, lehne ich kurze Zeit darauf an meinem Auto, die fiebrige Stirn auf dem Autodach kühlend, während der Lärm des nahen Autobahn im Unterbewusstsein zu mir durchdringt.

Leck mich am Arsch! Was für eine Nacht!
Kopfschüttelnd bugsiere ich schließlich meinen zermarterten Körper ins Auto. Was soll’s. Sowas kann schon mal passieren.

Shit happens

 

 

 

Wie töte ich einen Maulwurf …

… zeigt mir Google in letzter Zeit als den am häufigsten von mir verwendeten Suchbegriff an, und das kommt so.

 Dieses Jahr übernahm ich zusammen mit meinem Bruder Aki, einem Urgestein der Connewitzer Szene, das alte Wochenendgrundstück unserer Familie im Muldentalkreis. Eine ehemalige Biberfarm mitten im Wald, völlig verwildert und heruntergekommen, weil gleich nach der Wende nebenan ein Steinbruch eröffnete und die Sprengungen und der Staub unsere Großfamilie vertrieb. Zwanzig Jahre Dornröschenschlaf – und jetzt gehört es uns. Verwildert, zugewuchert, halbverfallen, aber hey, acht Zimmer und ein Riesensaal, wo selbst Motörhead ihre Boxentürme dröhnen lassen könnten, und es würde den sprichwörtlichen Dachs interessieren.
Wie so ein Grundstück doch mein Leben verändert. Plötzlich tue ich Dinge, die ich früher belächelt hätte. Plötzlich kaufe ich mir voller Begeisterung Gartenzeitungen … dabei immer vorsichtig nach rechts und links blickend, auf dass mich auch ja keiner meiner Rockerkumpels dabei erwischt.
Ein Meer aus Blüten und Düften soll es werden, dort, wo jetzt noch alles mit Gestrüpp und Unkraut zugewuchert ist. Eine Symphonie in Rot, Gelb, Grün, Blau und Lila, eine Komposition aus Rosen, Ziersträuchern, Blumenstauden, farbenfrohen Wildhecken und Bambus. Genau wie der Garten von Frau Schmidt, der ‚Lesergarten des Monats Juli‘ aus meiner Gartenzeitung.
Also frisch ans Werk. Den knochenharten Urwaldboden aufhacken, umgraben, auf allen vieren über den Boden rutschen, mit erdverschmierten Fingern Wurzeln herausreißen, schubkarrenweise das gerodete Unkraut wegfahren, die neugeschaffene Fläche glatt rechen und verdichten.
Glücklicherweise wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich hätte es sonst vermutlich sein gelassen, und überall herumerzählt, dass ich gerade die Wildnis meines Grundstücks so reizvoll finde. Aufgrund des unerwartet hohen Arbeitsumfangs bekommt meine Motivation nämlich schon nach diesen vier Tagen einen ersten Knacks, und ich beschließe, einen Gang zurückzuschalten. Krisenzeiten rufen nach Bescheidenheit, und schöne Pflanzen sind nun einmal unglaublich teuer. Ich kaufe einen Beutel Rasensamen und streue ihn aus.
Drei Wochen später steht eine dichte, lindgrüne Rasenfläche.
Vier Wochen später zieht der Maulwurf ein.Das war vor drei Monaten.
Seitdem kann ich nicht mehr ruhig schlafen.
Seitdem trage ich Mord im Herzen.Nach einer Woche sind es schon 15 hässliche fette schwarze Haufen, die wie kleine Termitenhügel durch den frisch gesäten Rasen stoßen. Ich öffne die Maulwurfsgänge und setze Röhrenfallen ein. Eine Woche später sind es dreißig Maulwurfshügel. Jetzt wird in Technik investiert. Ein batteriebetriebener Stab, der Vibrationen und Schallwellen absondert, wird von mir eingegraben.
Eine Woche später komme ich voll freudiger Erwartung auf mein Grundstück, und es erwarten mich 50 Maulwurfshügel.Verdammtes kleines, pelziges Arschloch! Glaube ja nicht, wen du vor dir hast!

Ich stecke 20 leere Bierflaschen mit dem Flaschenboden nach unten in die freigeschaufelten Öffnungen der Maulwurfsgänge. Das vom Wind erzeugte Pfeifen und Heulen wird Grabowski sicher den Spaß daran verderben, meinen Garten weiter zu unterminieren.
Am nächsten Wochenende sind es 70 Maulwurfshügel, und ich bin den Tränen nahe. Was soll ich nur tun, um diesen Krieg zu gewinnen? Ich kämpfe ja wirklich unermüdlich für die Rettung des Regenwalds, aber soviel Krombacher vertrage nicht einmal ich, um mit dieser exorbitanten Buddeltätigkeit Schritt halten zu können. Und wie soll denn das aussehen, wenn hier hundert Bierflaschen im Boden stecken und im Sturm laut vor sich hin pfeifen?!? Wo soll denn da noch Platz für all die Farbenfreude und Düfte sein?!? Soll ich meine Blümchen etwa als Schnittblumen in die offenen Flaschenhälse stecken?!? Das ist doch unmöglich! Kein Lesergarten des Monats sieht so aus!!

Ich vergrabe meine beiden uralten Computerboxen in einen Maulwurfshügel, schließe meinen MP3-Player an und beschalle die fiese miese Unterwelt mit richtig bösem, krankem Dachschaden-Metal.
Den ganzen Tag dröhnt ein Krach durch den Wald, als würde ein Schlagzeuger mit seinem Kitt eine Kellertreppe herunterfallen, als würde der Sänger bis zur Brust in einem Topf mit siedenden Öl stecken und sich dabei die Kehle aus dem Leib schreien, als würde der Gitarrist seine auf C herunter gestimmte tiefe E-Saite mit einer groben Raspelfeile bearbeiten.

Als prompte Antwort finde ich das darauffolgende Wochenende noch mehr Hügel vor, und begrabe endgültig jede Hoffnung, dass dieser Konflikt durch bloßes vergrämen zu beenden ist. Mit einer Pflanzschaufel grabe ich alle Eingänge sauber frei und eile mit beiden großen Gießkannen zu unserem künstlich angelegten Regenwasserteich, der einzigen Wasserquelle auf dem Grundstück. Schluss mit Lustig. Schluss mit Larifari. Schluss mit Wischiwaschi. Grabowski wird ersäuft, basta!
Hin und her hetze ich, hundertmal, einhundertfünfzig Mal, jedes Loch wird einzeln befüllt.
Am Abend ist der Teich, unsere einzige, dringend benötigte Wasserstelle, so gut wie leer, der Rasen eine löchrige Sumpflandschaft, ich müde und abgehetzt … aber auch befriedigt. Grabowski ist Geschichte! In Regenwasser ertränkte Geschichte!

Eine Woche später gibt es unzählige neue Hügel, die wie kleine Minarette aus dem Boden ragen, den Gebiets- und Machtanspruch der Parallelgesellschaft unter mir demonstrierend.
Gruselig. Grabowskis Frau rennt bestimmt mit Burka durch die Gänge und hat immer noch kein Wort Deutsch gelernt.

Zutiefst verbittert knalle ich meine Gartengeräte in den Schuppen, steige unverrichteter Dinge in mein Auto, fahre nach Hause. In mir nichts als Verzweiflung und das Gefühl innerer Leere. So viele wichtige Dinge, um die ich mich kümmern müsste! Und mein Baby will hochgenommen und bespaßt werden, aber alles woran ich denken kann ist: MaulwurfMaulwurfMaulwurf!
Nein, ich kann kein guter Papa sein, wenn ich Mord im Herzen trage!

Nach einer durchgrübelten Nacht kommt mir die Erleuchtung. Mein Bruder Aki hat doch eine potenzielle Wunderwaffe in petto. Eine Apparatur, die ich ihm für sein Titanick-Theater geschweißt habe, eine umgebaute Propangasflasche, in der mit einem Kompressor Luft auf 20 Atmosphären verdichtet wird, um dann schlagartig einen gewaltigen Luftstoß freizusetzen. Gebaut, um mit ungeheurem Druck Wasserfontainen oder Feuersäulen in die Höhe zu schießen. Ich mach mir ein Bier auf, setze mich auf meine Couch, schließe die Augen und träume.
Es wird sein wie bei ‚The Day after‘, exakt genauso wie in der Sequenz, in der die Amerikaner zum atomaren Gegenschlag ausholen. Wo in der einen Sekunde noch die Menschen am Rande eines kleinen Örtchens stehen, entlang einer Straße, sich fröhlich unterhaltend, Autos tuckern vorbei, Kinder spielen, die Illusion von Ruhe und Friedlichkeit … und plötzlich zoomt die Kamera zurück, man erkennt die karge Prärie-Landschaft des mittleren Westens, sieht die sich unter dem Schrillen der Alarmglocken öffnenden Raketensilos, hört das donnern der zündenden Triebwerke, sieht dutzende Atomraketen mit einem Feuerschweif gen Himmel steigen, das Ende der Welt verkündend.
Genauso wird es laufen. Ich werde Grabowski unter lautem Getöse aus seinem Tunnelsystem schießen, direkt nach Russland, wie sich das gehört. Ich werde im Geräteschuppen meinen Gefechtsstand aufbauen, meine Leitzentrale, und wenn ich den Kippschalter drücke, öffnen sich die schweren stählernen Deckel der Maulwurfshügel und auf Knopfdruck schießen zwanzig Bierflaschen, ein fieser mieser Maulwurf samt Gemahlin und zwei Computerboxen mit einem riesigen Feuerschweif aus den Löchern und verschwinden auf Nimmerwiedersehen durch die Wolken. Nur der Vorhang aus senkrechten Kondensstreifen wird noch von dem Spuk künden, bevor auch er vom Wind zerfasert und in alle Himmelsrichtungen davongetragen wird.
Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!
Doch, oh je, die Wunderwaffe ist mit dem Titanick-Theater auf Tour, jetzt kann mir nur noch Google weiterhelfen.

„Wie töte ich einen Maulwurf?“

Ein klick auf ‚Enter‘ und schon finde ich mich in den tiefsten Abgründen des Internet wieder. Ich bin in den untersten Kellergeschossen des World Wide Web, in den Katakomben, wo es nach Moder riecht, das Wasser von der Decke tropft, Salpeterflecken auf dem bröckelnden Putz erscheinen.
Ich bin in der digitalen Unterwelt, wo Leute wie Armin Meiwes auf der Suche nach einem frisch gebrühten Kaffee und einem Berliner durch die Gänge schlurfen. Wo der faschistische Holocaustleugner mit dem militanten Islamisten heimlich ein Crackpfeifchen raucht. Wo der Sexjunkie nach jungem Fleisch giert und dabei vor lauter Geilheit gegen seinen Laptop-Monitor spritzt … ich bin dort, wo sich der digitale Bodensatz trifft.
Nach einer Stunde schon ergreife ich die Flucht. Wahrscheinlich muss man in militanten Maulwurfshasserkreisen sowieso erst Fotos von getöteten, grausam verstümmelten Maulwürfen uploaden, um in den geschlossenen Chatrooms mitdiskutieren zu dürfen. Danke nein, ich will meinen Maulwurf töten dürfen, ohne dafür pervers werden zu müssen!

Letzte Ausfahrt CO2. Ich borge mir von Arbeit einen kleinen Stickstoffverteiler mit acht Abgängen, bastele mir einen Adapter, der den Verteiler mit dem Auspuff meines Autos verbindet, schneide mir acht Schläuche zurecht, führe sie in die Maulwurfslöcher ein und lasse mein Auto bei 1000 Umdrehungen vor sich hintuckern. Durch die Kühle des Morgens sehe ich schon nach einer Minute das dampfen der heißen Abgase aus dem Boden aufsteigen.
Ich stelle mir vor, wie es jetzt wohl in der Unterwelt aussieht. Wie die giftigen Schwaden durch die Tunnel wabern. Wie Grabowski röchelnd nach Luft schnappt, sich mit schlimmen Krämpfen auf dem Boden wälzt.
Ich stoppe den Motor. Ich kann es einfach nicht. Es ist zum heulen. Seit drei Monaten träume ich jede Nacht davon, Grabowski zusammen mit einer kleinen Zwiebel und drei Eiern in die Pfanne zu hauen und alles gut miteinander zu verrühren. Ihm ein paar Handschuhe aus Beton an seinen riesigen Schaufeln zu verpassen und im See hinter meinem Haus zu versenken. Oder ihn mit Hilfe eines schweren Golfschlägers 300 Meter durch die Luft segeln zu lassen. Fuck yeah … dreimal konzentriert vor und zurück schwingen und Mauli dann Richtung Green segeln lassen. Welchem Golfspieler vor mir ist es denn schon jemals gelungen, mit einem Maulwurf einen Birdie zu schlagen, oder vielleicht gar einen Eagle?!?
Eben …

Und jetzt, wo ich ihn endlich da habe, wo ich ihn schon lange haben wollte, wo ich ihn mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger so richtig an seinen Winzeiern gepackt halte, kann ich ihn einfach nicht töten.
Missmutig betrachte ich meinen Garten.

Kein Meer aus Blüten und Düften … Keine Symphonie in Rot, Gelb, Grün, Blau und Lila … Keine Komposition aus Rosen, Ziersträuchern, Blumenstauden, farbenfrohen Wildhecken und Bambus.

Stattdessen ein brauner zermatschter Rasen mit Reifenspuren. Durch die Unterspülung abgesackt. Gespickt mit Bierflaschen, voller offener Löcher und Maulwurfshügel, in denen Schläuche stecken. Deprimiert klettere ich auf meinen Lieblingsplatz, den kleinen Hügel, auf dem ich abends gern sitze, um den Sonnenuntergang zu bestaunen und die vorbeiziehenden Rehe mit Steinen zu bewerfen. Ich muss jetzt realistisch bleiben.

Den ‚Lesergarten des Monats‘ kann ich mir abschminken.
Leipzig, Juli 2010
Wolfram Ackner

 

MORD

Klaus Michael wurde fast auf den Tag genau heute vor zwanzig Jahren ermordet. In einer Zeit, als die DDR nach jenen machtvollen Leipziger Montagsdemonstrationen schon aufgehört hatte, in ihrer alten Form zu existieren. Er starb in jener wilden Epoche nach dem 09. November 1989, die mit dem Beitritt der DDR zum Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland am 03. Oktober 1990 endete.

Klaus-Michael wurde vor meinen Augen, in unserer Wohnung in der Kantstraße 5, kaltblütig und vorsätzlich getötet. Von jemand, den er liebte und vertraute. Zwanzig unendlich lange Jahre lastet sein Tod jetzt schon auf meiner Seele, zwanzig Jahre, in denen ich meinen Kummer und meine Fassungslosigkeit in mich hineinfraß, denn ich hätte diesen Mord verhindern können, wenn ich die Zeichen erkannt und richtig gedeutet hätte. Doch jetzt, da seine Mörderin ebenfalls tot ist, will ich nicht länger schweigen. Klaus-Michael wurde nur 3 Jahre alt, und diese wahre Geschichte soll an ihn erinnern.
Ich bekam Klaus-Michael von einem Irokesenpunk namens Kralle geschenkt. Niemand würde sich heute nach einem Irokesenpunk umdrehen, aber zu DDR-Zeiten war ein Iro noch ein echter Aufreger. Ich hatte in jenen Tagen einen älteren Blueserkollegen, der noch Ende der 70er Jahre von der Polizei verprügelt und zwangsweise dem Friseur zugeführt wurde, weil er Bluejeans trug und nackenlange Haare hatte. Ein anderer Kollege saß 5 Jahre im ‚Gelben Elend‘ in Bautzen, weil er im Suff öffentlich aus einer DDR-Flagge das Emblem – Hammer, Zirkel und Ährenkranz – herausschnitt. 1988 wurde ich schon mit meinen langen Haaren scheel angesehen, aber einen Iro zu tragen erforderte wirklich Mut.Natürlich hieß Klaus-Michael, damals, als er noch Kralles Ratte war, nicht Klaus-Michael, sondern vermutlich ‚Hass‘, ‚Staatsfeind‘, ‚Scheißsystem‘, oder wie auch immer Punks ihre Ratten zu nennen pflegen. 20 Jahre sind eine Menge Zeit, um Dinge zu vergessen, wichtige wie unwichtige, und mir fällt Klaus-Michaels alter Name einfach nicht mehr ein. Ich erinnere mich nur daran, dass er sehr nach linksradikaler Punkfolklore klang … und das schrie geradezu nach einem Namenswechsel, schließlich hatte ich als Jungmetaller grade Bands wie Venom, Bathory und Death für mich entdeckt, lange bevor die dazugehörige Schubladenkennzeichnung ‚Death Metal‘ dafür gebräuchlich wurde, und wir Metaller verachteten die Punkfolklore, genauso wie wir die Hippiefolklore, die Popperfolklore, die Hiphopperfolklore und natürlich die Gruftifolklore verachteten, denn eines stand ja außer Zweifel: nur Metallerfolklore – Schwarzleder, bemalte Jeanskutten, Nietenarmbänder, umgedrehte Kreuze – war echter Jugendfasching. Vermutlich hat nur der Umstand, dass ich damals noch bei meiner Mutter wohnte, Klaus-Michael vor einer Umbennung in ‚Satanic Slaughter Cunt‘, ‚Cruel Tormentor‘ oder ähnlichem Metalschwachsinn bewahrt, den wir damals ‚urst fetzig‘ fanden … ‚urst fetzig‘, so haben wir damals wirklich geredet.
Denn da ich für die regelmäßige Pflege und Fütterung von Klaus-Michael die Arbeitskraft meiner Mutter fest eingeplant hatte – schließlich war ich den ganzen Tag mit weitaus wichtigeren Dingen wie zum Beispiel Bier trinken und Metal hören oder Biertrinken und Metal hören beschäftigt – brauchte ich natürlich auch einen Namen, der mütterliche Gefühle weckt, und Shitfucking Bonecrushing Braineater, zum Beispiel, war zu diesem Zweck eher ungeeignet.
Eigentlich war Klaus-Michael auch gar keine richtige Ratte, sondern ein Degu, eine chilenische Trugratte. Auf den ersten Blick sah er wie eine Ratte aus, die Größe des Körpers und die Farbe des Felles waren eindeutig rattig, aber da chilenische Trugratten zur Familie der Chinchillas gehören, hatte er statt einer spitzen Rattenschnauze eine süße runde Schnute und er ernährte sich im Gegensatz zu echten Ratten vegetarisch. Und genau das war auch der Grund, warum sich Kralle von Klaus-Michael trennte, oder vielmehr trennen musste, wollte er in Punkerkreisen sein Gesicht wahren. In jeder Subkultur gibt es schließlich diese Jungs, die irgendwann eines schönen Morgens, also so gegen 15h, aufwachen und sich plötzlich für den Szenepapst halten. Und dabei hat sie eigentlich nie jemand darum gebeten. Nie gab es ein Konklave. Nie stieg weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle auf. Nie hat jemand den Wunsch geäußert, dass sie sich ständig auf die Kanzel stellen und tausendmal den immerselben langweiligen Szenekram predigen.
Wer zur Szene gehört und wer nicht zur Szene gehört … wie man die Szene definiert und konjugiert und dekliniert und durchtariert … wie man die Feinde der Szene erkennt und wohin der Weg der Szene zu führen hat und dieser doofe Szenequark und jener doofe Szenequark und laber Rhabarber.
Und so gab es eben damals auch in der Leipziger Punkerszene einen jener quasireligiösen Eiferer und Klaus-Michael, diese kleine chilenische Trugratte, wurde für ‚UNTRUE‘ befunden, das härteste, vernichtendste aller Urteile – und kam dadurch in meinen Besitz.Man konnte auf den ersten Blick erkennen, dass Klaus-Michael eine Sozialisierung in Punkerkreisen genossen hatte, denn er hatte eine merkwürdige Angewohnheit – er war ein begeisterter Raucher. Sobald Klaus-Michael irgendwo eine Kippe rumliegen sah, stürzte er sich darauf und steckte sich die Fluppe in den Mund. Wenn wir einen unserer Pokerabende hatten, bepissten wir uns immer vor Lachen, wenn mein Degu zum Aschenbecher rannte, sobald einer von uns mal seine Zigarette ablegen musste, sich die brennende Kippe mopste und dann hinter eine Qualmwolke verschwand. Irgendwie warteten wir immer darauf, dass Klaus-Michael, dieses abgezockte Pokerface mit der brennenden Lunte in der Nagerschnauze, gleich mit großer Geste all seine Erdnüsse in die Tischmitte schiebt und dabei ‚ALL IN‘ piepst.

Monate voller bierseliger Wochenenden in der ‘Völkerfreundschaft’, unserer Grünauer Stammdisco oder bei Konzerten mit Argus, der ersten ostdeutschen Thrash Metal Band, gingen ins Land … in unser Land, dass es mittlerweile nicht mehr gibt.
Die ‚Deutsche Demokratische Republik‘ – oder vielmehr in die ‚Deutsche Kratsche Republik‘, wie unser Honi zur allgemeinen Belustigung immer mit seiner hohen Fiepselstimme in die Kameras nuschelte. Zum Beispiel, wenn er mal wieder sein Lieblingsgedicht rezitierte, auf das er so stolz war, weil er es sich selbst ausgedacht hatte … jawollja, ist ihm ganz alleine eingefallen … wahrscheinlich in langen langen Nächten, ganz allein mit einem Blatt Papier und einem Bleistift in der Dichterhand!

„Bei uns in der Deutschen Kratschen Republik pflegt man zu sagen: ‚den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf'“

Hier irrte unser lieber Erich/der Weg zur Einsicht war beschwerlich/selbst die Genossen Ochs und Esel/flohen kurz darauf nach Wesel

Und genauso war es. Im eisernen Vorhang klaffte im Sommer 89 plötzlich ein Riesenloch, die Ungarn machten das Tor nach Österreich sperrangelweit auf. Zu tausenden und abertausenden flohen unsere Leute über Österreich nach Westdeutschland. Nur kurze Zeit später die Bilder von tausenden Flüchtlingen, die sich in Prag über hohe schmiedeeiserne Zäune auf das Gelände der Deutschen Botschaft flüchteten.
Unvergessen Genschers Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft.
Unvergessen für mich der verriegelte und verrammelte Sonderzug, der diese Flüchtlinge schließlich quer durch die DDR in den goldenen Westen, das vermeintliche gelobte Land brachte, begleitet von ersten gewalttätigen Demonstrationen in Dresden.
Unvergessen, wie die Tschechen das Loch im eisernen Vorhang erweiterten, in dem sie im Herbst 89 ebenfalls ihre Grenzen nach Bayern öffneten.
Unvergessen die Gerüchte jener Wochen, dass unsere Staatsführung die gesamten DDR-Grenze abriegeln will, um diese Massenflucht, diese Abstimmung mit den Füßen, zu unterbinden.
Unvergessen die Flucht unserer Mutter, die sich in diesen Tagen entschied, in ihren Trabi zu steigen, und, solange dies noch möglich war, ebenfalls über Tschechien nach Ludwigshafen zu flüchten. Zu ihrem zweiten Mann Bringfried, der schon 87 von einer Besuchsreise nicht zurückkam.

Und vor allem unvergessen meine letzte Begegnung mit dem Trabi meiner Mutter.

Heute kann man sich vieles gar nicht mehr vorstellen. Selbst bei mir, der ich damals alles bewusst mit eigenen Augen sah, sind viele Sachen nur noch vage, abstrakte Erinnerungen. Heute stehe ich auf dem Fockeberg und sehe all die neugedeckten Dächer, all die blitzenden Fassaden, den klaren Himmel, und kann mich nur noch mühsam an denselben Winteranblick von vor 20 Jahren erinnern. An die verfallenen Häuser und Dächer, an die tausenden und abertausenden Rauchsäulen, die von den Schornsteinen der Dächer den Kohlenrauch in dünnen Fäden nach oben stiegen ließen. An die graue Dunstglocke über der Stadt, die an Smogtagen jedes Himmelsblau fernhielt … Industrienebel, so wurde in der LVZ dieser Smog euphemistisch genannt. An die knatternden, stinkenden Zweitaktmotoren, die ihre Fahrer über holpriges Kopfsteinpflaster beförderten. An die rabenschwarze, stinkende Pleiße, auf deren Oberfläche weißer Schaum tanzte. Und an die Männer, die jeden Sonntag zu hunderten in abgewetzten Trainingshosen (die so weit heruntergezogen waren, dass man schon den Ansatz der Arschspalte erkennen konnte) mit zwei Eimern Wasser auf den Bürgersteigen standen und liebevoll ihre Trabis, Ladas und Dacias schrubbten, auf die sie zuvor von der Bestellung bis zur Zuteilung im Durchschnitt 15 Jahre warten mussten … ich glaube, Osteuropa war der einzige Erdteil, wo man für einen guten, relativ neuen Gebrauchtwagen das zwei- bis dreifache des Neupreises bezahlen musste.
Und Auto waschen gehörte als … naja, irgendwie Mann des Hauses … zu meinen Obliegenheiten, ob ich wollte oder nicht. Und dabei hatte ich immer soviel wichtigeres zu tun. Zum Beispiel Bier trinken und Metal hören, oder Bier trinken und Metal hören. Aber meine Mutter war da, an diesem ihrem vorläufig letzten Sonntag in Leipzig, wie alle Frauen. Verschlossen gegen jedes rationale Denken. Regelrecht verstockt.
Dass ich erst früh um vier stinkbesoffen ins Nest gefallen bin … dass ich verkatert bin und mich in der Nacht schon dreimal übergeben musste … dass ich immer noch am ganzen Körper zittere, Hammerkopfschmerzen habe und es ja grade mal um zwölf ist … sie kannte einfach keine Gnade. So bin ich dann mit meinen beiden Wassereimern auf die Straße getorkelt und fing an zu putzen, wienern, polieren, eh mir nach sehr sehr langer Zeit endlich einfiel, das der Trabi meiner Mutter weiß ist, nicht blau, und dass ich offensichtlich in meiner Verwirrung das erste Auto gewaschen hatte, dass vor der Haustür stand. Tja, DDR-Schnaps und Death Metal, da wird jedes Hirn weich. Wie ihr seht, war ich ein wirklich sehr sehr merkwürdiger Junge, vermutlich bin ich das immer noch.
Und dann war Mama weg. Ist einfach losgetuckert, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihren Kindern und ihrer Angst, dass es vielleicht nur noch eine Frage von Tagen ist, bis sich die DDR endgültig in einen Knast verwandelt. Und da wir groß waren, oder zumindest fühlten, sagten wir: Geh.

Jetzt fing das frohe Jugendleben an. Was für eine schöne Zeit. Freiheit pur. Jetzt hatten wir vier, meine Schwester Trixi, unser Cockerdackel Nelly, Klaus-Michael und ich, eine unglaublich coole 6-Zimmer Altbauwohnung für uns allein.
Party!
Nonstop!
An den graden Tagen feierte ich mit mit meinen verpeilten Krawalltüten, an den ungraden Tagen feierte meine Schwester mit ihren Kumpels von der römisch-katholischen Jugendgruppe Plagwitz … die wir aufgrund ihrer Trinkfestigkeit anerkennend in ‚katholisch-alkoholische Jugendgruppe Plagwitz‘ umtauften. Meine Fresse, konnten diese hirschbeuteltragenden Zottelschlumpies saufen! Dass hat uns soviel Respekt eingeflößt, dass wir großzügig darüber hinwegschauten, dass sie das Kreuz immer verkehrt herum trugen.
Auf der anderen Seite vermissten wir Mama sehr. Unglaublich, wie schnell so eine riesige Wohnung komplett verdrecken kann. Und noch unglaublicher, wie schnell ein Kühlschrank, den man all die Jahre nur brechend voll kannte, einem ein schallendes: „ER, ER, ER“ zurückechot, wenn man mit vor Enttäuschung rotgeweinten Augen „HUNGER“ reinschreit. Wir hatten in all den Jahren unsere Mutter immer nur als Diktator, Spaßbremse und Vorschriftenerstellerin empfunden und sie nie als das gesehen, was sie in Wahrheit war … eine liebevolle Dienerin, die uns die Mäuler gestopft und Taschengeld zugeschoben hat, mit unendlicher Geduld unsere Launen ertrug und uns tröstete, wenn uns unsere Teenagerprobleme mal wieder die Luft zum atmen nahm. Aber jetzt war es zu spät, wir waren auf uns allein gestellt.

Ohne Mama verwilderte ich zusehends. Ich war stolz wie Bolle auf meinen zerfetzten Grindcore-Pennerlook, welcher inzwischen die Lederkluft ersetzte, war beim internen ‚Höher-Schneller-Härter‘-Wettbewerb der damals noch winzigen Leipziger Metalszene mittlerweile bei Napalm Death, Brutal Glöckel Terror, Terrorizer und ähnlichen Unsäglichkeiten angekommen (und schrie immer noch: „zu weich, zu langsam“🙂 ) und unter meinem Einfluss entschied sich Klaus-Michael, dass es auch für ihn endlich Zeit wird, die Kinderphase hinter sich zu lassen und genau wie ich zum echten Pubertier zu werden.
Ich konnte ihn einfach nicht mehr in seinem trockengelegten Aquarium halten. Ein gewaltiger Sprung, und er hing oben, hangelte sich wie Lara Croft an der Scheibe entlang, machte irgendwann einen Klimmzug, ließ sich über den Rand einen halben Meter in die Tiefe fallen und flitzte in der Wohnung herum. Versteckte sich hinter den Schränken. Zernagte jedes Fitzelchen Holz, dass ihm unter die Winzkrallen kam. Ich ließ ihn gewähren, weil ich immer wusste, wie ich ihn wieder einfangen konnte – einfach eine Zigarette vor den Schrank legen, hinter dem grade die lauten Nagegeräusche ertönten, und er kam lammfromm vor und ließ sich greifen, solange man nicht versuchte, ihm die Zigarette aus dem Mund zu ziehen. Ich schwöre, dass ich die Wahrheit erzähle!
Klaus Michael und ich sahen uns tagsüber kaum noch, nur zum schlafen kam er noch zu mir. Meistens war ich schon eingeschlafen, lag einfach schlaff und glücklich betrunken auf meiner auf dem Boden liegenden Matratze, bis ich dadurch wach wurde, dass er mir über meinen nackten Bauch trippelte und sich ein Nest baute, in das er sich zum schlafen hineinkuschelte.
In meiner langen Matte.
In die Haare meiner Achselhöhle.
Manchmal versuchte er sich sogar eine Höhle in mein dichtes, langes Schamhaar zu bauen.
Ja, dichtes, buschiges Schamhaar, dass trugen wir damals noch alle. Dass ist nicht vergleichbar mit heute, wo ich bei Google als Suchbegriff: `freaky Sex` eingeben muss, wenn ich mal wieder eine behaarte Muschi sehen will.

Ich empfand immer ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, wenn ich nach Hause kam und schon von weitem auf dem Balkon unserer Wohnung meine Familie erblickte. Meine Schwester Trixi, mit der unvermeidlichen Kippe im Mund, zu ihren Füßen unser Cockerdackel Nelly und zu Nellys Füßen Klaus-Michael – ebenfalls oft genug mit der unvermeidlichen Kippe im Mund. Es war ein sehr schönes Bild, wie Nelly und Klaus-Michael, Hund und Degu, immer in trauter Zweisamkeit auf dem Balkon standen und durch die Gitterstäbe das Leben unter ihnen auf der Straße betrachteten.
Die Freundschaft zwischen dem Hund und dem Degu bekam einen ersten tiefen Riss, als sich Klaus-Michael entschloss, in die Küche zu ziehen und sich dort hinter dem Kohleofen, auf dem wir kochten, häuslich einzurichten. Denn Nellys Futternapf befand sich direkt neben dem Ofen, und noch bevor Nelly zu ihrem Futter kam, machte sich Klaus-Michael über das Fleisch her. Offenbar war ihm seine Vergangenheit als Körnerfresser richtig peinlich, so gierig, wie er sich immer auf Nellys Essen stürzte. So hockten die beiden immer zusammen am Fleischnapf. Die knurrende Nelly, die versuchte, Klaus-Michael mit der Schnauze beiseite zu schieben, und mein Degu, dass unbeeindruckt einfach weiter mampfte.
Eines schönen Tages platzte Nelly der Kragen. Sie trat Klaus-Michael auf seinen langen Schwanz, damit er nicht flüchten konnte, und schleckte ihn genüsslich von oben bis unten ab, legte ihn so richtig in schleimigen Schmodder ein, wie um zu symbolisieren: „Watch out, boy, or your flesh will turn into meat“.
An dieser Stelle hätte ich eingreifen müssen, aber ich war zu sehr mit lachen beschäftigt und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Klaus-Michael richtete sich auf seine Hinterbeine auf und nahm Nellys schwarze, feuchtglänzende Knubbelnase in seine beide Vorderpfoten. Einen Moment verharrten die beiden Tiere, es sah fast aus wie eine zärtliche, innige Umarmung – und dann schlug Klaus-Michael seine Zähne in Nellys hochempfindliche Nase.
Von diesem Moment an herrschte Feindschaft zwischen beiden Tieren, ein gegenseitiges sich belauern und beargwöhnen.

Das Leben außerhalb unserer vier Wände drehte sich immer schneller. Am Samstag, dem 7. Oktober, dem Tag der Republik, jagten uns die Volkspolizisten mit gezückten Knüppeln durch die Innenstadt, weil bei einer nichtgenehmigten Demonstration unerhörte Sachen skandiert wurde, Sprüche wie: „Gorbi, Gorbi!“ oder der berühmte Satz der Kommunistin Rosa Luxenburg, „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“.
Man, haben die Vopos hingelangt, ich bin geflitzt wie ein Hase. In den folgenden zwei Tagen summte die Stadt vor lauter Gerüchten, die in den Kneipen, in den Betrieben, in den Wohnungen, halblaut weitergegeben wurden. Dass sich die Staatsführung entschlossen hat, mit Waffengewalt die nächste Montagsdemonstration niederzuschlagen. Dass scharfe Munition an die Bereitschaftspolizei verteilt wurde, dass Armee-Einheiten rings um Leipzig zusammengezogen wurden. Dass die Panzer der Sowjetarmee aus ihrer Grünauer Kaserne ausrücken würden. Dass die Krankenhäuser der Stadt mit Blutkonserven und Leichensäcken beliefert wurden.
Wir hatten Angst und trotzdem gingen wir am Montag hin, meine Metalbrüder und ich, zusammen mit schätzungsweise 70000 anderen Menschen … und einem kettenrauchenden, fleischfressendem Degu, das in meiner Jackentasche saß und neugierig herauslugte.
Da hatte die Staatsmacht keine Kosten noch Mühen gescheut, tausende von Polizisten und Kampftruppenangehörigen auf die Straße zu bringen. Unzählige Wasserwerfer, Truppentransporter, gepanzerte Fahrzeuge verstopften die Straßen der Innenstadt. Seit Tagen waren die Bürger der psychologischen Kriegsführung dieses repressiven Staates ausgesetzt – und statt 2000 Demonstranten wie am 7. Oktober standen am 9. Oktober plötzlich 70000 Menschen auf der Straße. Zuviele, viel zuviele, für die befürchtete `chinesische Lösung´. Nie wieder in meinem Leben habe ich mich so stolz und so ergriffen gefühlt wie an jenem Tag, als 70000 in Unmündigkeit und Unfreiheit gehaltene Menschen plötzlich aufstanden und WIR SIND DAS VOLK! rufend um den Ring zogen.
Das wir alle an jenem Abend eine Lawine losgetreten hatten, bemerkten wir sehr schnell, denn Westreporter hatten es geschafft, heimlich zu drehen und diese Aufnahmen aus der DDR hinaus in den Westen zu schmuggeln, von wo die Bilder dieser legendären Leipziger Montagsdemo ihren Weg rund um den Globus antraten. Es war, als ob plötzlich ein Panzer der Angst von den Menschen abfiel. Bei der nächsten Montagsdemo waren es schon 100000 Teilnehmer, bei der übernächsten 120000, und irgendwann im Januar stand der Bodycount bei zweihundert- bis dreihunderttausend Teilnehmern. Nur der Ton hatte sich zu meinem Leidwesen geändert. Statt WIR SIND DAS VOLK wurde plötzlich DEUTSCHLAND EINIG VATERLAND skandiert.
Das erboste mich dermaßen, dass ich ab sofort jeden Montag bei der Gegendemo der Leipziger Anarchos mitlief, einer Handvoll Leute aus dem Umkreis des Mockauer Kellers und des Conne Island, die einfach nur stumm mit ihren Plakaten gegen den Zug der hunderttausend anliefen und dafür übel beschimpft wurde. Damals war ich blind vor Wut über all die `Spießer´, die uns – als dass nicht mehr gefährlich war – unsere eigene Demo aus der Hand nahmen, von unseren Idealen und unseren Gesellschaftsentwürfen nichts wissen wollten und alles auf D-MARK, D-MARK und HELMUT, HELMUT reduzierten. Heute bin ich heilfroh, wie es damals lief. Wenn es nach Leuten wie uns gegangen wäre, würden wir vermutlich heute noch um Runde Tische herumsitzen und über den 3. Weg debattieren, während ringsherum alles in Trümmer fällt.

Und mitten in diese weltgeschichtlich bedeutenden Ereignisse hinein schlug eine private Katastrophe zu, die mich traf und die für mich das Thema Wiedervereinigung sekundär werden ließ.
Es war ein relativ mildes Wochenende Anfang Februar. Klaus-Michael und ich befanden uns zum rauchen auf dem Balkon. Klaus-Michael stand an seinem Stammplatz, direkt am Geländer, und beobachtete die Leute unten auf der Straße, als sich Nelly zu uns gesellte und sich hinter ihm aufbaute, so wie sie es immer getan hatte. Wie eine große Freundin, die Wärme, Schutz und Schatten spendet. Nelly beugte ihren Kopf, rieb ihre Nase an Klaus-Michael – und mit einer plötzlichen, ruckartigen Bewegung stieß sie ihn über die Brüstung, in die Tiefe hinab. Ich konnte nur noch mit Tränen in den Augen hinterherschauen, wie er dort unten lag, ein kleiner Fleck Soljanka, mitten auf dem Bürgersteig.

Klaus-Michael, diese Zeilen sind für dich, zu deinem zwanzigsten Todestag. Bis zur Geburt unserer Leni Dorothea im letzten Juni warst du in zwei Dekaden das coolste Haustier, das ich je hatte. Ein fleischfressendes, kettenrauchendes, aufmüpfiges Degu wie dich wird die Welt nie wieder sehen. Eines Tages werden wir uns wiedersehen, dort, wo sich Männer wie du und ich nach ihrem Tode immer wiedersehen, in Walhalla, und werden eine Karo miteinander rauchen. Bis zu diesem Tag, mein Lieber, ich freue mich auf dich.
Du warst ein urst fetziges Tier!

Dezember 2010, Wolfram Ackner

 

In the Mood

 

Erstaunlich, wie banale, unscheinbare Dinge – ein Duftfetzen, der für Sekundenbruchteile nur an der Nase vorbeischwebt, ein zufälliges streichen der Fingerkuppen über eine ungewöhnliche Oberfläche oder ein seit Ewigkeiten nicht gehörtes Geräusch – dazu führen können, das aus den Tiefen der Erinnerung längst vergessene Bilder und Erinnerungen aufsteigen; und so lebendig, so bunt, so durch und durch real werden, dass das Wissen darum, wie viele Dekaden seitdem vergangen sind, dem lächeln ob der schönen Erinnerung fast schon eine schmerzliche, melancholische Note verleiht. Der Auslöser für diese meine Erinnerung ist ein beim stöbern auf Youtube entdecktes Video von Glenn Miller, dem 1944 verstorbenen Swing-und Jazzmusiker, der sich und seine Bigband mit Liedern wie `In the Mood´, `Chattanooga Choo Choo´ und `Moonlight Serenade´ unsterblich machte.

1944. Eine erschreckend weit zurückliegende Jahreszahl, nicht wahr? Ich weiß, du kennst mich nicht. Es ist ja heutzutage so einfach, Texte über das Internet wildfremden Menschen zugänglich zu machen. Wenn du 1944 hörst, wirst du in Gedanken wahrscheinlich so etwas wie die Anfangssequenz aus dem Film „der Name der Rose“ vor deinem inneren Auge haben; wirst du befürchten, gleich die knarzige, brüchige Stimme des greisen Adson von Melk zu vernehmen, der als Erzähler aus dem Off auf die Abenteuer einstimmt, die er als junger Novize des Franziskanermönches William von Baskerville im Jahre 1327 in einer Abtei der Cluniazenser im Appennin erlebte, dieses bedeutungsschwangere: „Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen, formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheid, teilhabend schon am Licht der immerwährenden Klarheit, zurückgehalten nur noch von meinem schweren und siechen Körper, in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nun mehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr … „ – aber ich kann dich beruhigen. Ich werde nicht von Krieg und Tod berichten, denn ich wurde erst 1970, 26 Jahre nach Glenn Millers Flugzeugabsturz geboren. Wovon ich erzählen möchte, sind die Emotionen, welche Musik auszulösen in der Lage ist. Und alles fing mit einer unscheinbaren Orwo-Musikkassette mit 60 Minuten Laufzeit an, welche die Beschriftung trug: “Glenn Miller – Greatest Hits 1938-44“

Es war 1984, als es uns zum Urlaub an die Mecklenburger Seenplatte verschlug, irgendwo auf einen der vielen Zeltplätze rund um den Malchiner See. Wir, das sind meine Schwester Trixi, unsere Mutter Annemarie, deren zweiter Ehemann Bringfried und ich. Heute, wo ich für fünfhundert Kilometer Autobahn selten länger als 4 Stunden brauchte, wo man mit dem ICE wieselflink von A nach B huschen und wo selbst die ehemals verschlafenen Dörfer im Thüringer Wald, im Erzgebirge, im Harzvorland oder in der Altmark – welche vor dreißig Jahren den Eindruck vermittelten, als würden die Einwohner des Dorfes noch in Kutschen reisen und ihr Wasser vom Brunnen holen – an das Autobahn- und Fernstraßennetz angebunden sind, ist die Langsamkeit des damaligen Reisens kaum noch vorstellbar. Allerdings hatte das auch etwas Gutes. Es fiel einem gar nicht weiter auf, dass man sich eigentlich in einer Art Freiluftgefängnis befand. Namen wie Eisenach oder Stralsund klangen damals so, wie heute Wörter wie Nordkap oder Palermo klingen. Sie klangen nach Abenteuer, nach dem Ende der bekannten Welt.

Es ist wirklich gar nicht so einfach, jungen Leuten von heute plastisch zu beschreiben, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Ich werde es mit einem kleinem Umweg versuchen. Die meisten Eltern haben doch so einen etwas nervigen Ton gegenüber ihren Kindern. So eine überklar akzentuierte Aussprache. Sätze, die einfache Wörter verwenden und simpelst strukturiert sind, als ob die Zwerge zu schwachsinnig wären, die Großen zu verstehen, wenn diese in ihrer normalen Umgangssprache reden. Ich meine dieses fürchterlich gedehnte:     „K i n d e r, w i r   g e h e n   n u r   b e i   g r ü n   ü b e r   d i e   A m p e l“ oder „K i n d e r, e r s t  n a c h l i n k s   u n d   d a n n   n a c h   r e c h t s   g u c k e n“ … du weißt, was ich meine, oder? Gut! Dann nimm jetzt bitte neben mir auf dem Beifahrersitz Platz. Wir sind jetzt auf der A 14 Leipzig in Richtung Dresden, kurz hinter der Abfahrt Klinga. Links der Autobahn befindet sich unsichtbar, gleich hinter einem bewaldeten Hügel, das Altenhainer Wochenendhaus unserer Familie; rechts der Autobahn ist ein kleiner Steinbruch, in dem wir vor 30, 35 Jahren gerne badeten. Wie du siehst, ist heute auf der rechten Autobahnspur eine endlose LKW-Kolonne. Ich bin mit 160 km/h eigentlich recht zügig auf der linken Spur unterwegs und doch hängt mir schon wieder eine schwarze Limousine im Nacken, die durch dichtes auffahren und Lichthupe höflich anfragt, ob ich nicht bitte bitte den Finger aus dem Hintern ziehen und mich auf die rechte Spur scheren könnte. Und wenn du nach links herüber schaust, auf der Gegenfahrbahn in Richtung Leipzig ist der Verkehr noch dicker. Und dort, an ebendieser Stelle, genau dort drüben am Standstreifen, stand damals oft unser Vater Hermann mit uns vier Geschwistern auf dem Weg zum `Autobahnsteinbruch´ und meinte in denselben Ton, in dem ich heute meine Töchter Leni und Mina ermahne, selbst in Fußgängerzonen die Augen offenzuhalten: „U l i, K a r s t e n, T r i x i, W o l f i,   l o s,   ü b e r    d i e   A u t o b a h n,  u n d   n i c h t   t r ö d e l n.  D a   h i n t e n   k o m m t   s c h o n   w i e d e r   e i n   A u t o!“

DASS waren unsere Autobahnen. Hätten wir damals als Kinder auf dem Seitenstreifen dieser wenig befahrenen Autobahn Federball gespielt, hätten uns die Autofahrer schon einen Vogel gezeigt, hätten schon ältere Damen mit einem besorgtem „Kinder, das ist doch gefährlich“-Blick durch die Seitenfenster gespäht, vermutlich wäre irgendwann auch die Volkspolizei erschienen und hätte uns verjagt …aber der springende Punkt ist – die Leute wären NICHT SEHR verwundert gewesen. Es hätte keine Radio PSR Sofortmeldung gegeben ala: „Achtung, Autofahrer. Auf der A 14 Leipzig Richtung Dresden befinden sich zwischen Abfahrt Klinga und Abfahrt Grimma spielende Kinder. Vorsicht, es können Federbälle auf die Fahrbahn fliegen“. In jenen Tagen war es eben nicht soo ungewöhnlich, spielende Kinder auf öffentlichen Straßen zu sehen. Direkt vor unserem Leipziger Haus erkoren wir die Straße beinahe täglich auf ebendiese Art zu unserer Federball-Spielwiese, nur kurz beiseite tretend, wenn ein Auto kam. Und diese friedliche Ko-Existenz funktionierte. Es schien nur sehr wenige Autos in unserem Land zu geben – kein Wunder, man musste ja 15 Jahre darauf warten – und die vorhandenen bewegten sich im Schneckentempo, blaue Zweitakt-Qualmwölkchen hinter sich herziehend, schon von weitem mit dem charakteristischen Röngtöngtöng vor ihrem Kommen warnend.

Doch jedes Jahr im Juli und August änderte sich das Bild. Am Berliner Ring strömten aus allen Teilen des Landes die Autos zusammen, um gemeinsam Richtung Norden zu fahren, zur Mecklenburger Seenplatte oder zur Ostsee. Tausende von Trabis, Wartburgs, Ladas, Dacias, Shigulis, Mosquitsch, oder von diesen hutschachtelgroßen Polski Fiats. Vollgepackt bis unter die Decke mit riesigen Steilwandzelten, Koffern, Taschen, Rucksäcken, Luftmatratzen, kleinen Faltbooten. Buchstäblich jeder nutzbare Quadratzentimeter des Autos war vollgepackt, ich konnte im Auto meine Trixibüchsi, die hinter unserer Mama saß, kaum sehen, weil sich zwischen uns ein unüberwindbares Taschengebirge befand, das bis zur Decke reichte. Wenn heute jemand so einen endlosen Zug völlig aus der Zeit gefallener Fahrzeuge betrachten würde, vollbeladen bis unters Dach, die Koffer stellenweise mit Stricken auf dem Dach festgebunden, sich ächzend die Autobahn entlangquälend, würde er vermutlich schallend lachen. Aber wir kannten es nicht anders. Woher denn auch.

Und dann, nach sechs, sieben Stunden Fahrt für eine dreihundert Kilometer lange Strecke, war es dann endlich so weit. Malchiner See, gelobtes Land. Keine Ahnung, ob jemand von euch schon mal ein DDR-Steilwandzelt zu Gesicht gekriegt hat. Ich besitze heute ein 6-Personenzelt, das etwa 5 Kilo wiegt. Diese 4-5 Personen Steilwandzelte waren Burgen aus Metallstangen und schweren Gewebeplanen, vielleicht dreißig, vierzig Kilo schwer, deren Aufbau nicht selten drei Stunden dauerte. Und was braucht eine Burg am allermeisten? Richtig! Einen Burggraben! Darum grub jeder Camper mit dem Spaten einen Graben rings um sein Steilwandzelt, falls es doch mal regnen sollte. Wenn ich heute gelegentlich auf einen Zeltplatz übernachte, und auf diese schönen, sattgrünen Wiesen schaue, frage ich mich schon manchmal lächelnd, wie die Zeltplatzbesitzer reagieren würden, wenn plötzlich alle Camper wie damals zum Spaten greifen und einen Graben um ihre Zelte buddeln würden. Aber, auch wenn ich mich jetzt wiederhole, wir kannten es nicht anders. Um jedes Zelt gehört ein Graben, damit man vor Regen geschützt ist! Das weiß jedes Kind! Punkt!

Fast alle unserer alten Familienfotos sind schwarzweiß, aber die Bilder meiner Erinnerungen sind es nicht. Sie sind auch nicht farbig wie meine heutigen Erinnerungen. Meine Erinnerungen an die späten Siebziger, frühen Achtziger haben eher diese gedeckten Pastelltöne der ersten Polaroidbilder. Und einige dieser gedeckten Pastelltöne sind dazu noch sehr verschwommen und verwackelt, wie eine Freihandaufnahme in beginnender Dämmerung bei Blende 11 … denn in der DDR wurde gesoffen, das einem hören und sehen verging. Bringfrieds Schnapsbar wurde von mir schon als 14-jähriger regelmäßig geplündert. In unbeobachteten Momenten goss ich mir von jeder Flasche einen Finger breit in eine Schraubflasche und streckte dieses „Klarer/Brauner/Rum/Curacao/Obstler-Gemisch“ mit Cola. Und wenn Mama dann immer sagte: “Wolfi, kannst du mal bitte Kohlen holen“, stieg mir schon immer dieses Grinsen der seligen Vorfreude ins Gesicht, während ich mit meinen beiden verbeulten Blecheimern in den Keller stieg, weil ich wusste, dass ich gleich mit verschmierten Kohlefingern in mein Versteck hinter die Stiege greifen konnte, an Bergen keimender Kartoffeln vorbei, um nach meiner Flasche zu greifen und mal kurz „vom Brot abzubeißen“ – diesen Fachterminus hatte ich mir von den Erwachsenen abgehört.

Auch hier auf unserem Malchiner Campingplatz machte ich mich sofort und täglich mit meiner dreizehnjährigen Schwester Trixi daran, frühmorgens über den Zeltplatz zu streifen und die halbleeren Schnapsflaschen zu stehlen, die vor den Zelten lagen, während hinter den Planen oft noch dröhnendes Schnarchen zu vernehmen war. Am liebsten mopsten wir die Sorte „Halb&Halb“. Uns Kindern gefiel einfach der alberne Name, obwohl „Halb&Halb“ meinen Erinnerungen zufolge, statt nach Schnaps zu schmecken, eher das Aroma von `halb Hustensaft, halb Brennspiritus´ im Rachen hinterließ. Egal, es hat `gedreht´, und dass war alles, worauf es uns Kindern ankam.

Wenige Meter neben unserem Zelt schlug dann in jenem Sommer eine Gruppe Jugendlicher auf. Wenn ich diese Szene mit heutigen Augen betrachte, würde ich nur ein paar blutjunge Menschen sehen, die mit Mopeds vorfahren, um ihr Lager aufzubauen. Damals jedoch wirkte diese Szene auf uns, als würde zu den Klängen von Richard Wagners Walkürenritt ein Konvoi von schwer tättowierten, muskelbepackten Hells Angels zu Harley-typischem dumpfen Motorenbollern einreiten. Man konnte sofort hören, dass die Mopeds `frisiert´ waren, mindestens ’siebzig Sachen drauf hatten‘. Die Jungs hatten skandalös lange Haare, die fast bis zu den Schultern reichten, und künstlich zerschlissene Jeanswesten, richtige Kutten fast, auf denen mit wasserfester Farbe Wörter wie „Judas Priest“, „Motörhead“ oder „Iron Maiden“ gemalt waren, deren Bedeutung mir damals noch völlig unbekannt war. Als sie von ihren Mopeds stiegen, zündeten sie sich Zigaretten an, öffneten Bierflaschen, holten den unvermeidlichen RFT KR 650 hervor, den DDR-Standardkassettenrekorder, und harte, verzerrte Gitarrenklänge wehten zu uns herüber. Kurzundgut, der Eklat war perfekt. Pikierte, entrüstete Blicke, so weit man blicken konnte. „Rotzer“ und „Rattenmusik“ waren die einzigen Wörter, die ich aus „Onkel“ Bringfrieds wütenden Gebrabbel verstehen konnte, bevor „Onkel“ Bringfried (so mussten wir Kinder den Freund unserer Mutter ansprechen, bevor sie ihn dann endlich heiratete und uns von ihm in feierlichem Ton das formlose `Bringfried´ angetragen wurde) seinen Kassettenrekorder hervorholte, auf volle Lautstärke drehte und wie ein zehnjähriges Kind, mit einem triumphierendem `ab heute früh fünf Uhr fünfundvierzig wird zurückgeschossen´-Ausdruck im Gesicht, die Lautsprecher auf die Jugendlichen richtete.

Hier muss ich weiter ausholen. Die DDR war ein Land des Einerseits/Andererseits. Einerseits wurde man belächelt oder regelrecht verspottet, wenn man mit Badehose oder Badeanzug ins Wasser gehen wollte, wenn man sich – wie ich es tat – in der Öffentlichkeit nackt unwohl fühlte. Die Strände des Landes waren im Sommer bevölkert von hunderttausenden Nackedeien, denn FreiKörperKultur, kurz FKK, war das einzig Wahre und Natürliche. Andererseits kontrollierte meine Oma Erna Minna öfters einmal kurz nach dem löschen des Lichtes, ob ich auch ja wirklich schlafe und nicht etwa heimlich meine Hände unter der Bettdecke habe, um mir mit der rechten Hand das Gehirn herausschleudern.

Einerseits hatten Erwachsene nicht einen Hauch von Respekt vor den natürlichen Schamgefühlen von Kindern und Heranwachsenden. Als dreizehnjähriger Junge musste ich mich im Leipziger Kinderkrankenhaus in der Querstrasse einer Unterleibsoperation unterziehen – und die Schwestern schoben mich in Vorbereitung auf die Operation auf den Flur, zogen mich dort nackt aus und rasierten mir vor den Augen der vorbeilaufenden Mädchen die ersten Schamhaare.

Oder ich erinnere mich, wie wir uns im Hort, Jungen und Mädchen, in Reihe nackt vor dem Doktor aufstellen mussten, der bei uns Jungs vor den Augen der Mädchen – peinlich genug – probierte, ob sich die Vorhaut zurückziehen ließ. Ich litt unglücklicherweise unter einer Vorhautverengung, was dazu führte, dass mir der Doktor mit brutaler Gewalt die Vorhaut zurückriss, mein Glied innerhalb von Sekunden so anschwoll, dass sich die Vorhaut nicht wieder nach vorne schieben ließ und ich mich, so wie ich war, nackt mit rotgeschwollenem, schmerzhaft erigiertem Glied, vor den sensationslüsternen Blicken der anderen Kinder auf die Couch in der Mitte des Raumes legen musste – einfach nur zum sterben peinlich und demütigend! Das war das erwähnte `Einerseits´. Das `Andererseits´ sah dann wieder so aus, dass Bringfried einen jungen Schlafgast (um für ein kleines Zubrot zu sorgen, vermietete unsere Mutter ein Zimmer an Gäste, die anlässlich der Frühjahrs- und Herbstmesse oder aus anderen geschäftlichen Anlässen zu Besuch in Leipzig waren) noch spät am Abend aus der Wohnung warf, weil dieser es wagte, sich im Hof mit meiner Schwester Trixi und ihrer Freundin Susan zu unterhalten und ihnen auf seinen Kassettenrekorder Lieder einer uns unbekannten Band namens Kraftwerk vorzuspielen, und weil Bringfried in diesem Rauswurf die einzige Möglichkeit sah, Zucht und Ordnung wieder herzustellen und die sich todsicher anbahnende, praktisch unausweichliche Sexorgie zu unterbinden.

So war das halt. Auf der einen Seite sahen die Erwachsenen Gespenster, wo keine waren, auf der anderen Seite hatten sie oft keinen Blick für die Gespenster, die sich tatsächlich auf Kinderseelen legen könnten. Wir durften uns im FDGB-Urlaub mit 14 Jahren auch schon einmal mit offizieller Ankündigung und mit offiziellem Segen komplett bis zur Bewusstlosigkeit zulöten oder als Jungs im GST-Wehrsportlager mit dem Kleinkaliber-Maschinengewehr rumballern – aber als 14-jähriger, grade so dem Kinderalter entwachsener Jugendlicher unserem Erich Honecker im Unterrichtsbuch ein Bärtchen anmalen … also, dass ging überhaupt nicht!!! Das hatte absolut nichts mit einem dummen Jungenstreich zu tun!!! Dass war Sabotage, Hochverrat!!! Mein Bruder Karsten zum Beispiel wurde für genau diese Majestätsbeleidigung von seiner Lößniger EOS geworfen, wie die Gymnasien damals hießen.

Ha, langsam komme ich auf Betriebstemperatur. Lass uns über Aufklärung zu Ost-Zeiten reden. Meine `Aufklärung´ so aus, dass mein Vater Hermann auf meine Frage, was ein Kondom ist, erst eine ganze Weile herumdruckste, um dann zu sagen: „ein Kondom … also ein Kondom … ein Kondom ist etwas, dass ein Mann einstecken hat, wenn er zu einer Frau geht, die er nicht kennt.“ Dass ist doch eine Antwort, die keine Fragen offen lässt, oder? Und meine Mutter beantwortete meine Frage, woher die Babys kommen, mit einem ebenso verdruckstem: „Babys entstehen, wenn ein Mann eine Frau ganz doll liebhat.“

Was mich einigermaßen in Panik gerieten ließ. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich unsterblich, bis über beide Ohren, in die Karen aus meiner Parallelklasse verliebt, die vier Häuser über mir wohnte – und die Vorstellung, das Karen durch meine Schuld schwanger werden könnte, verursachte mir wahnsinnige Schuldgefühle. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen bei dem Gedanken, dass Karen wegen mir jetzt schon mit zwölf Jahren ein Kind kriegt und nicht einmal weiß, wer der Vater ist, weil ich das Geheimnis meiner Liebe eher mit ins Grab genommen hätte, als ihr meine Gefühle zu offenbaren.

In der siebenten Klasse erzählte mir meine damals elfjährige Schwester Trixi, dass sie in der Pause von ihrem Schulkamerad Boris gehört hat, dass Babys dadurch entstehen, dass Männer ihren Penis in die Scheide der Frau stecken – was mich so fuchsig machte, dass ich meiner Schwester erregt zurief, dass sie Boris einen schönen Gruß von mir ausrichten soll und wenn er noch einmal so einen Stuss erzählt, haue ich ihm auf’s Maul! So sah Aufklärung in der DDR aus. Und weißt du was, Dude? Wir kamen trotzdem zurecht! Als mein großer Tag anbrach – mit knapp 19 – und sie und ich uns nackt gegenüber standen, erinnerte ich mich an mein ausgestanztes Kinderspielzeug, bei dem man alleine herausfinden muss, dass der Stern in die sternförmige Öffnung kommt, der Quader in die quadratische Öffnung, der Zylinder in die runde Öffnung … ich schaute an mir herunter, ich schaute sie an, und ich wusste auch ohne Oswald Kolle, was jetzt zu tun war!

Ich schätze, ich habe jetzt einen ziemlich weiten Bogen geschlagen. Ich wollte dir eben einen ungefähren Einblick geben, was für ein – im Gutem wie im Schlechtem – unglaublich biederes, herzzerreißend spießiges Land die DDR war. Im Nachhinein kann ich verstehen, warum so viele Westdeutsche nach der Wende ein Problem mit Ostdeutschen hatten. Ich schätze, sie hatten einfach die Befürchtung, nach zwanzig Jahren linker Emanzipation kehrt durch die Hintertür die Adenauerzeit zurück.

Und ich komme nicht umhin mir einzugestehen, dass ich in der Zwischenzeit tatsächlich wie Adson von Melk klinge. Aber dieser großartige Film ist ja nicht das schlechteste Bilderrahmen, um diese Geschichte weiterzuspinnen. Denn wenn ich der greise Adson bin, der von den Abenteuern seiner Jugend berichtet, dann würde Bringfried mit seinem Vollbart und seinen schütteren Haaren, und – mehr noch als allem anderen – mit seiner mürrischen, selbstgerechten Art vermutlich ziemlich gut die Rolle des Großinquisitors Bernardo Gui ausfüllen. Zumindest einer harmlosen DDR-Version von Bernardo Gui. Ohne Scheiterhaufen. Dafür mit der gleichen, unerschütterlichen Überzeugung ausgestattet, sich als rechtschaffener Bürger gegen die Kräfte des Bösen stemmen zu müssen, dass letzte Bollwerk gegen den Teufel zu sein – auch wenn die Abgesandten der Hölle höchstens 70 Kilogramm wogen, mit Oberlippenpflaum und Stimmbruch zu kämpfen hatten und auch kein Feuerstrahl aus dem Auspuff schoss, wenn das Böse knatternd den Gasgriff seines 50 Kubikzentimeter großen Einzylinder aufriss. Ein Bernardo Gui, der ohne rotglühende Kneifzangen, Knochenbrecher und Brandeisen die düsteren Gemäuer der Folterkammer betrat … stattdessen mit einer Orwo-Kassette mit der Beschriftung: “Glenn Miller – Greatest Hits 1938-44“.

Ach, was habe ich dieses Glenn Miller-Tape hassen gelernt! Wie sehr hätte ich mir damals den Mut gewünscht, mich heimlich in der Nacht zu Bringfrieds Kassettenrekorder zu schleichen, die Kassette zu entwenden und dass Magnetband tausendundeinmal zu verknoten. Denn keiner von uns hatte daran gedacht, den Leinenbeutel mit den Musikkassetten ins Auto zu packen … und damit war dieses sich bereits im Rekorder befindliche Glenn Miller-Tape die einzige Kassette, die uns an die Mecklenburgische Schweiz begleitete.

Bernardo Gui – ich meine unser Bernardo Gui – fühlte sich von dieser handvoll schmalschultriger Jungs, die einfach nur bei ihren Mopeds stehen, Bier trinken und Metal hören wollten, dermaßen provoziert und persönlich herausgefordert, dass er geradezu vor Kampfgeist glühte. Endlich hatte Bringfried als Hüter der heiligen Inquisition auf dem Zeltplatz ‚Sankt Maria vom Nacktstrand‘ eine Mission, die wie für ihn geschaffen war. Die „Rotzer“ mit ihrer „Rattenmusik“ mussten in die Schranken gewiesen werden. Und alles, was Bernardo Gui dafür tun musste, war tagtäglich dazusitzen, den Lautstärkeregler aufzureißen und auf „Play“ zu drücken.

na und?“, meint ihr … ??

Glenn Miller ist doch coole Musik“, meint ihr … ??

Ok, wie ihr wollt …

Kommt, stellt euch mal zusammen mit mir in Big Band-Formation auf. Man kann schließlich nicht nur Luftgitarre, sondern auch Luftblechblasinstrumente spielen. Nein, nein, keine Diskussionen. Die fünf Größten nach hinten, und wenn ich die Musik anschalte, führt ihr die halboffene rechte Faust so an den Mund, dass der Kreis aus Daumen und Zeigefinger das Mundstück bilden. Bitte mit viel Hingabe im Gesicht in dieses Mundstück blasen, und mit der linken Hand kolbenförmige Bewegungen machen. Vor und zurück. Ganz genau. Vor und zurück, rechte Faust und linker Arm bilden eine Achse, und bitte mehr Gefühl im Gesicht. Ihr seid schließlich keine Glennomaten. Dass muss swingen, Leute. Locker, flockig.

Der Rest von euch, in Zweierreihe vor den Bläsern aufstellen. Ihr seid die Sänger. Mit der rechten Hand wird rhythmisch geschnippst, der Oberkörper bewegt sich gleichmäßig von links nach rechts und zurück. Genauso! Phantastisch!

Wir singen jetzt eine Glenn Miller-Melodie, die ihr alle kennt … zumindest in der „Sonderzug nach Pankow“-Version von Udo Lindenberg. Wir singen den Chattanooga Choo Choo. Und haut rein, das Lied hat Drive.

Drei vier …

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo/

Yes Yes/ Track 29, Boy you can give me a shine/

Can you afford/to board, the Chattanooga Choo Choo/

I’ve got my fare/and just a trifle to spare

bum bum bum bum

all die ganzen Schlageraffen dürfen da singen/

sie dürfen ihren ganzen Stuss zum Vortrage bringen/

nur der kleine Udo, nur der kleine Udo …

oh, sorry, mein Fehler, bin ich doch glatt in den Lindenberg-Text reingerutscht … und eigentlich ist der Chattanooga Choo Choo auch viel zu wild und zu schnell. Lasst uns lieber so etwas rüschtüsch schön gefühlvolles, romantisches spielen, die ‚Moonlight Serenade‘. Tempo runterfahren, 60 bepe-äm bitte, und zieht euch gefälligst Anzug und Fliege an.

Ä one, ä two, ä one-two-three-four

My prayer is to linger with you/

At the end of the day In a dream that‘s divine/

My prayer is a rapture in blue/

With the world far away and our lips close to mine.

So, Leute, und dieses Programm wird jetzt konsequent zwei Wochen durchgezogen. Von Montag bis Sonntag. Und dann nochmal von Montag bis Sonntag. Frühs, Vormittags, Mittags, Nachmittags, Abends, Nachts.

Für euch gibt’s nur noch Glenn Miller, Glenn Miller, Glenn Miller und nochmals Glenn Miller. Ihr werdet lächeln und jiven und fingerschnippsen, bis ihr kotzt. Ihr werdet swingen, bis ihr halbtot umfallt. Versprochen!!!

Vor wenigen Jahren schrie die Welt vor Entsetzen auf, als bekannt wurde, dass die Amerikaner in ihrem sogenannten „Krieg gegen den Terror“ ihre Gefangenen wochenlang durch Nonstop-Beschallung mit Musik folterte.

Ich schrie nicht mit. Ich konnte nur müde und traurig lächeln, denn ich habe das alles schon hinter mir. Musikalisches Waterboarding mit Glenn Miller. Fünfundzwanzig Jahre Radio-PSR Dauerberieselung mit den tagtäglich immergleichen Liedern in der tagtäglich immergleichen Reihenfolge. Jahrelanges Tür-an-Tür wohnen mit einer krachigen Punkrock-WG.

Jetzt, dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen, formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheid, erkenne ich klar und deutlich die ganze Weisheit dieser Welt, dargelegt in einem einzigen Satz, und diesen Satz möchte ich gerne mit dicker roter Farbe an jede Wohnungstür, jede Straßenbahn, jedes Wartezimmer, jedes Büro und an jedes verdammte geheime CIA-Foltergefängnis dieser Welt pinseln!

Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“

Juni 2014, Wolfram Ackner